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Kompetenzen und Inhalte eines Fachprofils Germanistik im Lehramtsstudium

Keine „Lehrerlehre”, sondern wissenschaftliches Studium als Grundlage von Unterricht

Die konzeptionellen Überlegungen von Prof. Dr. Ina Karg (Universität Göttingen) und Prof. Dr. Jörg Kilian (Universität Kiel) sind der Auffassung geschuldet, dass ein wissenschaftliches Studium Grundlage von Unterricht im Fach Deutsch sein muss, nicht etwa eine "Lehrerlehre". Es sind die Voraussetzungen zu erwerben, mit den Gegenständen und Sachverhalten in einem Handlungsfeld Deutschunterricht souverän, und dies bedeutet auf der Basis wissenschaftlicher Modellierungen, umzugehen.


Kompetenzen

  1. Absolventinnen und Absolventen können sich in den wissenschaftlichen Diskursen über deutsche Sprache und Literatur zurechtfinden, d.h. sie kennen und verstehen die Art und Weise, wie in sprachwissenschaftlichen und literaturwissenschaftlichen Zusammenhängen das Gegenstandsfeld deutsche Sprache und Literatur einschließlich neuer und neuester Kommunikationsformen und medialer Repräsentationen verhandelt wird, und sie können sich in wissenschaftlicher Arbeit und akademischem Unterricht daran beteiligen.
  2. Sie wissen um die Voraussetzungen und Prinzipien wissenschaftlicher Modellierung dieses Gegenstandsfeldes sowohl in der Gegenwart als auch in der historischen Verlängerung, d.h. sie können mit der Vorläufigkeit und Bedingtheit wissenschaftlicher Ergebnisse zu sprachlichen, literarischen und medialen Erscheinungen des deutschen und deutschsprachigen Kulturraumes umgehen.
  3. Sie können sich an der Reflexion des Selbstverständnisses des Faches Germanistik und des Unterrichtsfaches Deutsch, seiner Ziele in Gegenwart und Vergangenheit auch im Kontext des Fächerkanons mit fachspezifischen und fächerübergreifenden Aspekten beteiligen.
  4. Sie können fachwissenschaftliche und fachdidaktische Fragestellungen aufeinander beziehen, d.h. sie können die fachwissenschaftliche Gegenstandskonstitution von Sprache, Literatur und medialen Symbolsystemen aus der Vermittlungsperspektive betrachten und beurteilen und diesen Bezug je nach Schulart und Schulstufe unterschiedlich akzentuieren.
  5. Sie sind in der Lage, die Vielschichtigkeit sprachlicher, literarischer und medialer Erscheinungen auf diese ihre Vielschichtigkeit hin durchschaubar zu machen, d.h. deren historische, gesellschaftliche, pragmatisch-funktionale und ästhetische Komponenten und Dimensionen wahrzunehmen und sie anderen zu vermitteln.
  6. Sie können sprachliche und literarische Inhalte, Gegenstände und Sachverhalte für den Unterricht auswählen, aufbereiten und ihre diesbezüglichen Entscheidungen sowohl im Hinblick auf wissenschaftliche Paradigmen als auch auf die Unterrichtssituation und die Bedeutung für eine zukünftige Generation begründen.
  7. Sie können sich an Vermittlungsaufgaben des Faches in seinem Gegenstandsbereich deutsche Sprache, Literatur und Medien in Verantwortung gegenüber den fachwissenschaftlichen Modellierungen einerseits und den Adressaten anderseits beteiligen.
  8. Absolventinnen und Absolventen haben Kompetenzen in der Reflexion der Lehrerrolle als einer Vermittlungsinstanz für Sprache als Gegenstand und Sprache als Medium, für traditionelle und neue Kommunikationsweisen, für die literarische Überlieferung, die sprachlich-literarische Bildung und für neue Formen der symbolischen Repräsentation von Wirklichkeit und menschlichem Dasein.
  9. Sie haben praktische Medienkompetenz.
  10. Sie können fachbezogen Interessen von Schülerinnen und Schülern erkennen, fördern und sie solche entwickeln lassen; sie erkennen die fachspezifischen Leistungspotenziale der Schülerinnen und Schüler, beispielsweise ihren Sprachstand und ihre Lesesozialisation, können sie differenziert weiterführen und haben einen an Lernergebnissen orientierten, kreativen Zugang zu sprachlicher und kultureller Heterogenität im Klassenzimmer.
  11. Studierende können für forschungsorientierte Arbeiten im Bereich der Germanistik und/oder der fachbezogenen Unterrichtsforschung ein Erkenntnisinteresse formulieren, ein eigenes Projekt durchführen und die Ergebnisse in einer Form präsentieren, die wissenschaftlichen Darstellungs- und Vermittlungskonventionen entspricht.
  12. Absolventinnen und Absolventen können Unterricht im Fach Deutsch beobachten, ihn selbst planen, durchführen und auf der Grundlage von Sachkompetenz und pädagogischer Kompetenz methodisch reflektiert beurteilen.
  13. Sie können sich solche Bereiche des Faches Germanistik und des Unterrichtsfaches Deutsch selbständig erarbeiten, die für sie unvertraut sind, d.h. sie haben Kompetenzen erworben, die erweiterbar sind und mit denen sie theoriegeleitet und im Wissen um Traditionen neuen Herausforderungen begegnen können.

Es liegt im Anspruch des Kompetenzbegriffs, dass Kompetenzen nicht nur mit bestimmten Inhalten erreicht werden können. Daher gibt es keine 1:1-Abbildung von Kompetenzen und Inhalten, allenfalls eine exemplarische, illustrierende Zuordnung. Dem trägt ferner die Tatsache Rechnung, dass auch Inhalte nicht beziehungslos untereinander sind.

Inhalte

  1. Geschichte der deutschen Sprache in den wesentlichen Entwicklungsphasen, d.h. Entstehung von Sprache, Faktoren des Sprachwandels, Deutsch im internationalen Kontext - geschichtlich und jetzt; Sprachvarietäten und ihr historischer Hintergrund (vgl. etwa Kompetenzen 1 u. 2) [SekI/II]
  2. Theorien von Sprache, Sprache als System, Zeichencharakter, Funktionen von Sprache, Normierungen und deren Zustandekommen, Sprache als soziales Instrument, Theorien und Modellierungen von Schriftlichkeit und Mündlichkeit, v.a. mit Blick auf Vermittlung und Unterricht [SekI/II]
  3. Sprachbeschreibung, d.h. Beschreibungsmodelle des Sprachsystems und seiner verschiedenen Ebenen, Beschreibungsmodelle der Sprachverwendung, wissenschaftliches Begriffsinstrumentarium, Beurteilungskriterien für sprachliche Qualität, Bedingungen erfolgreicher Sprachproduktion [SekI/II]
  4. Modelle des Spracherwerbs, v.a. des Erwerbs der Muttersprache, aber auch von Zweit- und Fremdsprachen, d.h. Erwerbstheorien und didaktische Modelle für die kulturellen Basiskompetenzen des Sprechens, Lesens und Schreibens [SekI/II]
  5. Theorien und praktische Arbeit im Umgang mit Texten [SekI/II]
  6. Bedingungen, Formen und Qualität mündlicher Kommunikation und Gesprächskultur [SekI/II]
  7. Geschichte und Geschichtlichkeit von deutscher Literatur [SekI], prinzipiell der gesamten Überlieferung deutschsprachiger Texte, auch im internationalen und interkulturellen Kontext [SekII]
  8. Poetologische Konzeptionen vormoderner, moderner und postmoderner Literatur [SekII]
  9. Literarische Traditionen, Motive, Gattungen sowie Autoren und Autorinnen des deutschsprachigen Kulturraumes v.a. in ihrer Bedeutung durch die Zeiten bis zur Gegenwart und zur Kinder- und Jugendliteratur (vgl. unten 15; vgl. etwa Kompetenzen 1 u. 2) [SekI/II]
  10. Fragen des literarischen Kanons, der Kanonisierungsvorgänge und der literarischen Wertung im Hinblick auf eine begründete Auswahl von Lektüren in Vermittlungszusammenhängen (vgl. etwa Kompetenzen 6 und unten 15) [SekII]
  11. Literaturtheorien mit Blick auf Vermittlungsfragen[SekII]
  12. Paradigmen der Literaturdidaktik [gegenwärtige: SekI; hist. Genese: SekII]
  13. Lesetheorien, Modelle des verstehenden Lesens [SekI/II]
  14. Lesesozialisation, Kinder- und Jugendliteratur und deren Theorien, Traditionen und Kontexte[v.a. SekI; auch SekII]
  15. Kennenlernen außerschulischer Vermittlungsinstanzen, d.h. Verlagswesen, Literaturbetrieb, literarische Preise, etc. [SekII]; [Kinderliteraturpreis SekI]
  16. Traditionelle, neue und neueste Vermittlungssysteme und deren "Lesbarkeit" sowie die Arbeit mit ihnen: Hörspiel, Film, Hörbuch, elektronische Datenverarbeitungs- und Kommunikationssysteme [praktische Arbeit: SekI; theoretische Fundierung: SekII]
  17. Schnittstellen des Faches Deutsch sowie der entsprechenden Wissenschaftsdisziplinen der Germanistik zu anderen Unterrichtsfächern und Wissenschaftsdisziplinen, wie z.B. Kunst(wissenschaft), Musik(wissenschaft), Geschicht(e)(swissenschaft) (vgl. etwa Kompetenzen 3) [SekII]

Konzeption: Prof. Dr. Ina Karg und Prof. Dr. Jörg Kilian

Für den Deutschen Germanistenverband (Hochschulgermanistik)








09.08.2012CBK Online-Redaktion
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