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Der Deutsche Germanistenverband gestern - heute - morgen

Ein Interview mit den beiden Vorsitzenden Gisela Beste und Jörg Kilian

Aus Anlass des 100. Geburtstages des Deutschen Germanistenverbandes (1912) sowie des 60. Jahrestages seiner Neugründung (1952) gaben die Vorsitzenden des Gesamtverbandes, Dr. Gisela Beste und Prof. Dr. Jörg Kilian, der DGV-Geschäftsstelle ein Interview.

Darin sprechen sie über die Bedeutung der Verbandsgeschichte, legen Leistungen und Aufgaben des Verbandes dar und benennen sowohl aktuelle als auch künftige Herausforderungen für den DGV. 


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Das Interview steht auch als pdf-Datei zur Verfügung.

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Gegenwart und Zukunft des DGV - ein Interview mit den Vorsitzenden
des DGV, Dr. Gisela Beste und Prof. Dr. Jörg Kilian

Worin besteht für Sie die Bedeutung des DGV? Was zeichnet ihn aus?

Beste: Der DGV bietet den Deutschlehrerinnen und Deutschlehrern ein Forum zur
Vergewisserung und Entwicklung ihrer Identität als Fachlehrerinnen und –lehrer. Die
Aufgaben in der Schule sind vielfältig und fordernd und es ist meine feste Auffassung, dass sie sich aufgrund eines soliden fachlichen Fundaments besser bewältigen lassen. Der DGV steht für eine hohe Qualität der Lehrerbildung in Theorie und Praxis.

Kilian: Der DGV ist der einzige Fachverband, in dem alle Teildisziplinen der Germanistik
vertreten sind. Germanistische Forschung und Lehre an Hochschulen und Schulen sind nur
im DGV in ihrer gesamten Breite repräsentiert. Das zeichnet diesen Verband aus, darin
besteht seine Bedeutung. Daraus ergibt sich allerdings auch eine attraktive Verpflichtung,
nämlich die Verpflichtung, diese Vielfalt und Verschiedenheit an Teildisziplinen, Fragestellungen und Erkenntnisinteressen im DGV immer wieder fruchtbar zu machen für
das wissenschaftliche Gespräch über deutsche Sprache und Literatur in der Forschung und m Studium, in der Schule und in der Gesellschaft.

Warum haben Sie sich damals für die Aufstellung zur Wahl der 1. Vorsitzenden bzw. des 1. Vorsitzenden entschieden?

Beste: Mich hat interessiert, wie man aus den Beziehungen zwischen Schule und Hochschule neue Impulse für den Deutschunterricht gewinnen kann – in einer Zeit, in der von Lehrerinnen und Lehrern sehr viel pädagogisches Engagement verlangt wird.
Deutschlehrerinnen und -lehrer sollen Expertinnen und Experten für Sprache und Literatur
sein dürfen.

Kilian: Ein wesentlicher Grund ist eng mit der eben festgestellten Einzigartigkeit des DGV
verbunden, ein Verband für alle germanistischen Teildisziplinen zu sein. Es ist ja
unbestreitbar, dass die moderne Germanistik im 21. Jahrhundert in relativ selbständige
Teilfächer untergliedert ist. Gleichwohl haben wir, mit gutem Grund, die Germanistik als
wissenschaftliche Disziplin an Universitäten und Hochschulen sowie den Deutschunterricht
an Schulen jeweils als ein Fach im Fächerkanon, das die deutsche Sprache und Literatur in Geschichte und Gegenwart zum Gegenstand der Forschung und Lehre hat. Es mag ein wenig pathetisch klingen, aber Jacob Grimms (historisch in ganz andere Zusammenhänge gestellte) Notiz in der Vorrede zum 1. Band des Deutschen Wörterbuchs (1854): „Was haben wir denn gemeinsames als unsere sprache und literatur?“ lese ich auch als Ansporn, die Germanistik in all ihren Teildisziplinen zusammenzuhalten. Dafür steht der DGV.

Wo sehen Sie Ihr Hauptanliegen während Ihrer Zeit als 1. Vorsitzende bzw. 1.
Vorsitzender?

Beste: Mein Hauptanliegen war und ist, den Deutschlehrerinnen und -lehrern die Freude am Fach zu erhalten oder auch auszubauen. Das Fach soll mit Bezug auf die
Hochschulgermanistik ein eigenes Profil sprachlicher und literarischer Bildung bewahren
und weiterentwickeln, damit kulturelle Teilhabe keine Floskel bleibt.

Kilian: Drei Hauptanliegen möchte ich nennen: Da ist, erstens, das Anliegen, die Freiheit der germanistischen Forschung und Lehre zu bewahren gegenüber überbordendem Ansinnen, dass gut und wichtig sei, was in Bezug auf sprachlich-literarisches Wissen messbar, ökonomisch einträglich und von unmittelbarem Nutzen sei. Da ist, zweitens, das Anliegen, zumindest in einzelnen Bereichen und Projekten zu wechselseitig befruchtender
Zusammenarbeit zwischen den germanistischen Teildisziplinen anzuregen. Und da ist,
drittens, das Anliegen, gemeinsam mit dem Fachverband Deutsch im DGV das in der Satzung des DGV formulierte Ziel zu verwirklichen: „Aufgabe des Gesamtverbandes ist es, die Verbindung zwischen Schule und Universität zu wahren und zu vertiefen“.

Welche gesellschaftliche Funktion hat bzw. kann der DGV haben?

Beste: Der DGV wird als Experten- und Interessensorganisation bei Anhörungen gefragt: z.B., wenn neue Lehrpläne entwickelt wurden oder es um die Bildungsstandards der KMK geht. Im Rat für deutsche Rechtschreibung vertritt der Fachverband den Bereich Schule. Aktuell wirkt er daran mit, den Bereich Normen der Rechtschreibung didaktisch zugänglicher zu machen. Eigene Initiativen hat der Fachverband im Hinblick auf Defizite in der Lehrerbildung entwickelt. Immer wieder haben wir auf Probleme der mangelnden Vernetzung der einzelnen Phasen hingewiesen, haben aber auch eigene positive Beispiele veröffentlicht. In den Ländern ist der Fachverband ein wichtiger Partner einer fachlichen Lehrerfortbildung.

Kilian: Der DGV vertritt die Germanistik öffentlich in allen dieses Fach betreffenden
Belangen und erfüllt zudem eine von wirtschaftlichen Interessen unabhängige
Informationsfunktion in allen Fragen, die sich auf die Erforschung und Beschreibung der
deutschen Sprache und Literatur beziehen. Wir sind 2008 von der KMK gehört worden im
Zusammenhang mit der Erarbeitung der „Ländergemeinsamen inhaltlichen Anforderungen
für die Fachwissenschaften und Fachdidaktiken in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung“ und die DGV-Expertise war auch 2011 gefragt, als die KMK die nationalen Bildungsstandards im
Fach Deutsch für die Sekundarstufe II beriet. Natürlich kann der DGV nicht alles durchsetzen, was seiner Ansicht nach das Richtige ist. Aber er setzt wesentliche Akzente. So bringt der DGV konstruktiv-kritisch auch Positionen der Gesellschaft für Hochschulgermanistik in den Deutschen Wissenschaftsrat ein, ebenso in die Diskussion um die Entwicklung von Erhebungsverfahren für ein CHE-Ranking in den Geisteswissenschaften. Seit 2012 hat der DGV einen Sitz im Beirat Germanistik des DAAD und wirkt auch hier aktiv mit. Die regelmäßigen Treffen der Vorsitzenden der europäischen Germanistenverbände werden vom DGV organisiert, und die Ergebnisse dieser Treffen zeigen deutlich, dass der DGV Einfluss nehmen kann auf das Ansehen der deutschen Sprache und Literatur im Ausland. Die Mitteilungen des Deutschen Germanistenverbandes greifen unterschiedliche Themen von wissenschaftlicher wie auch gesellschaftlicher Bedeutsamkeit auf – und die Reaktionen zeigen, dass sie auch von Nicht-Germanistinnen und Nicht-Germanisten rezipiert werden.

Auf welche konkreten gesellschaftlichen, bildungs- oder schulpolitischen Entscheidungen
bzw. Prozesse hat der DGV aktuell bzw. könnte oder sollte der DGV zukünftig Einfluss
haben?

Beste: In besonderem Maße ist das Fach Deutsch von der Standardisierung betroffen sowie von der Kritik an mangelnden sprachlichen Voraussetzungen von Studierenden und
Berufsanfängern. Hier sollte und könnte sich der DGV stärker als bildungspolitischer Partner einbringen und für notwendige Differenzierungen sorgen: z.B. dass das Fach Deutsch auch Inhalte und Gegenstände hat und Kompetenzorientierung auf diese angewiesen ist. Wir brauchen eine Debatte darüber, welche Auswahl getroffen werden soll. Für die Lehrerbildung wäre eine fachliche und bildungspolitische Klärung über das „Unverzichtbare“ (Almut Hoppe) des Fachs notwendig und wie es in den einzelnen Phasen konkretisiert werden kann.

Kilian: Das Fach Germanistik hat an Hochschulen und Universitäten zu Beginn des 21.
Jahrhunderts tiefgreifende Veränderungen erfahren, zumindest in Bezug auf das Studium.
Die Studienstrukturen wurden geändert, die Kompetenzorientierung und der Ausweis von
Berufsfeldern standen – und stehen noch – in einem Spannungsverhältnis zu den Inhalten,
die wir in der Germanistik für wesentlich halten. Bildung ist ohne Inhalte nicht zu haben. Die Kompetenzorientierung stellt komplementär dazu die Frage danach, über welches Wissen und Können Studentinnen und Studenten am Ende einer Studieneinheit (Semester, Modul usw.) verfügen (sollen) und was sie in Bezug auf die Inhalte damit anfangen können (sollen).

Der DGV hat diese Veränderungen von Anfang an mit konstruktiv-kritischem Blick
beobachtet und kommentiert, wie zahlreiche Hefte der Mitteilungen, jüngst etwa die
Hefte 1/2012 und 2/2012 belegen. Des Weiteren nimmt der DGV, gerade weil er diese
besondere Konstruktion aus Hochschulgermanistik und Fachverband aufweist, Einfluss auf
die Gestaltung der Übergänge von der Schule ins Studium. Hier gibt es noch sehr viel zu tun, zumal auch gesellschaftliche Erwartungshaltungen nicht immer mit dem aktuellen
Forschungsstand und den Ansprüchen an eine wissenschaftliche Bildung harmonieren. Aus
fachlicher Perspektive formuliert, muss der Deutschunterricht enger an den aktuellen Stand der Forschung herangeführt werden und muss die Forschung aber auch engagierter den Bedarf des Deutschunterrichts in den Blick nehmen.

Welche Bedeutung spielt die Geschichte des DGV für Sie?

Beste: Sie lässt verstehen, wie schwer sich Germanistinnen und Germanisten,
Deutschlehrerinnen und –lehrer mit der gesellschaftlichen Bedeutung des Fachs getan haben und fordert zur kontinuierlichen Positionsbestimmung auf.

Kilian: Wir haben uns bei der Planung dieses Heftes ganz bewusst dafür entschieden, die
Geschichte des DGV in kritischen Skizzen darstellen zu lassen, und die Autorinnen haben
m.E. jeweils wichtige Beiträge zu einer noch zu schreibenden Verbandsgeschichte geleistet. Es kann ohne historische Vergewisserung für die Zukunft keine Entscheidung getroffen werden oder, mit Marquardt: „Zukunft braucht Herkunft“. Die DGV-Geschichte ist nicht glatt und geradlinig; sie weist Brüche auf, im ersten Drittel auch Abstürze; sodann zahlreiche Höhepunkte mit zum Teil weitreichender Wirkung. Die DGV-Geschichte spiegelt ein Stück deutscher Gesellschafts- und Kultur-, Ideen- und Mentalitätsgeschichte wider. Der rote Faden in dieser Geschichte ist die Idee, Hochschule und Schule, also Germanistik und Deutschunterricht, zusammenzuführen.

Worauf kann der DGV stolz sein?

Beste: Der DGV kann auf seine aktiven Mitglieder stolz sein, die sich in ihrer Freizeit
Gedanken über das Fach machen und Ideen entwickeln für Fachtagungen, bildungspolitische Gespräche, Diskussionsbeiträge. Der Diskurs gerade zwischen Hochschule und Schule ist nicht frei von „enttäuschter Liebe“. Ihn dennoch immer wieder aufgenommen zu haben, darauf kann der DGV stolz sein.

Kilian: Auf diese Frage gibt es eine ganze Reihe von Antworten, denn es gibt vieles, worauf der DGV stolz sein kann. Einiges sei herausgehoben: Der DGV hat mit seinen
Germanistentagen Wissenschaftsgeschichte geschrieben; mit dem einen mehr, mit dem
anderen weniger. Der Deutsche Germanistentag in München 1966 darf hier wohl besonders
hervorgehoben werden. Mit besonderer Freude können wir dann auch die Mitteilungen
des DGV betrachten. Die ersten Hefte und Jahrgänge waren ja wirklich „Mitteilungen” über
Aktivitäten in den Ländern. Daraus ist eine renommierte wissenschaftliche Zeitschrift für Germanistik und Deutschunterricht geworden. Das ist im Wesentlichen den Mitgliedern zu
danken, die unentgeltlich Beiträge schreiben, Vorträge auf Germanistentagen halten und an ihren Universitäten, Hochschulen und Schulen den Germanistenverband vertreten.

Wo sehen Sie Schwachstellen?

Beste
: Die hohe Spezialisierung in der Germanistik lässt oft die Anschlussfähigkeit zur Schule vermissen. Hier müssen wir weiter an interessanten Angeboten arbeiten.

Kilian: Das vorhin erwähnte wechselseitig befruchtende Gespräch zwischen den
germanistischen Teildisziplinen sowie zwischen Hochschulgermanistik und Deutschunterricht kann durchaus noch intensiver ausfallen. Wir brauchen mehr Tagungen und Workshops, die Vertreterinnen und Vertreter der germanistischen Teildisziplinen und der Schule zusammenführen und bei denen man dann gemeinsam über einen Text ins Gespräch kommt aus literaturwissenschaftlicher, sprachwissenschaftlicher, mediävistischer, literaturdidaktischer, sprachdidaktischer, unterrichtspraktischer Perspektive.

Was wünschen Sie dem DGV für die Zukunft?

Beste: Erfolg auf der Grundlage einer respektvollen Diskussionskultur mit dem Ziel einer
hohen Qualität der Lehrerbildung und einer stabilen eigenen Motivation, mit anderen an
sprachlichen und literarischen Fragen zu arbeiten.

Kilian: Alles erdenklich Gute auf dem schwierigen Weg, die hohe wissenschaftliche,
kulturelle und gesellschaftliche Bedeutsamkeit der germanistischen Forschung sowie den
nicht minder hohen Bildungswert der Germanistik und des Deutschunterrichts gegenüber
Denkmodellen zu verteidigen, die im Menschen lediglich „Humankapital“ erkennen. In der
Germanistik bist du Mensch, hier darfst du’s sein.

Ein paar Zeilen an die Mitglieder?

Beste: Den Mitgliedern wünsche ich Lust an der Diskussion, Energie und Motivation für die aktive Verbandsarbeit mit anderen Fachkolleginnen und -kollegen sowie im Unterrichtsalltag ein souveränes Gefühl als „Profi“ für sprachliche und literarische Gegenstände.

Kilian: Ohne Mitglieder kein Verband. Deshalb ein großer Dank allen Mitgliedern. Sie sind es vor allem, die an den Hochschulen und Schulen für den DGV wirken, Beiträge schreiben und Vorträge halten, sich konstruktiv-kritisch einbringen.

Das Interview wurde im Juli 2012 schriftlich durchgeführt; die Antworten beziehen sich nicht aufeinander. Die Fragen stellte Gloria Grigoleit (DGV Geschäftsstelle).

 





Interview der beiden Vorsitzenden Hochschulverband und Fachverband Deutsch Juli 2012




06.11.2012CBK Online-Redaktion
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