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Schwierige Zeiten für den Deutschunterricht

von Dr. Wolfgang Rzehak

Wie sehen die Bedingungen aus, unter denen Deutschunterricht heute funktionieren soll und eventuell gelingen kann? Ist der Lernort Schule ein Ort, an dem man sich wohlfühlen kann, an dem frohgemut gelernt wird, an dem Leistungen erbracht, kreative Ideen entwickelt werden? Welche räumlich-atmosphärisch-organisatorischen Voraussetzungen müssen gegeben sein, dass man gerne zur Schule geht und Lernen nicht als Druck, sondern als Bereicherung, als ein Lernen fürs Leben erfährt?[1]


Viele Bundesländer glauben mit der Ganztagsschule die Antwort auf das sich ausbreitende, unsere Gesellschaft durchdringende noogene Vakuum  gefunden zu haben. In dem Artikel mit dem vielsagenden Titel „Der verkorkste Nachmittag” weist Jeanette Otto darauf hin, dass Ganztagsschulen an sich eine großartige Idee seien, zumindest theoretisch. Praktisch zähle beim Ausbau der Ganztagsschulen jedoch Masse statt Klasse.[2]  Otto zitiert ihrerseits Heinz Günter Holtappels, Professor für Schul-Management am Institut für Schulentwicklungsforschung in Dortmund, der verlauten ließ, dass es bis heute keinen Konsens darüber gebe, was eine Ganztagsschule wirklich leisten solle. Keine Frage: Förderung – und zwar nachhaltige, individuell fordernde – dafür ist die Schule da. Allerdings stellt sich die Frage, wie die Vereine dann ihren Nachwuchs rekrutieren sollen. Wie können Kinder ihren Hobbies und Neigungen nachgehen, wenn diese in der Schule nicht angeboten werden? Beispielsweise an kleineren Schulen mit einem wenig differenzierten Angebot, das über das allgemeine Kinderturnen und Flötenspielen nicht hinausgeht. Es ist hier nicht der Platz, in eine Fundamentalkritik an der Ganztagsschule einzusteigen; allerdings kann man an der konzeptionellen Umsetzung, wie sie derzeit in Baden-Württemberg und auch andernorts vonstatten geht, durchaus Bedenken anmelden.

Hier kommt es zur ersten Begriffsverwirrung. Inwiefern ist die Gesamtschule eine Ganztagsschule?

Die Gesamtschule ist zunächst mal eine weiterführende Schule, die von Schülern nach der Grundschule bis zur 9. respektive 10. Klasse besucht wird. Differenzierung findet nicht mehr zwischen unterschiedlichen Schularten und -formen, sondern innerhalb der Schule statt.[3] Die Gesamtschule, so ihr Selbstverständnis, soll mehr Bildungsgerechtigkeit schaffen und Kinder unabhängig von ihrer sozialen Herkunft optimal fördern, im Idealfall von der ersten Klasse bis zum Abitur.[4] 

Die Schnittmenge beider Konzepte ist hoch. Die Variante Gemeinschaftsschule (früher auch Simultanschule genannt), fasst darüber hinaus Strukturen zusammen, die in Form einer Einheitsschule mit innerer Differenzierung als Alternative zum mehrgliedrigen Schulsystem bestehen. In Baden-Württemberg genehmigte die amtierende Landesregierung aus Bündnis 90/Die Grünen und SPD nach einem landesweiten Bewerbungsverfahren zum Schuljahr 2012/13 an 42 Städten die ersten Gemeinschaftsschulen. Weitere 87 Gemeinschaftsschulen sind im Schuljahr 2013/14 an den Start gegangen.[5]

Gesamt-, Gemeinschafts- und Ganztagsschule sollen die Interdependenzen zwischen Bildungs- und Einkommenssituation ausgleichen. Vergleicht man die unterschiedlichen Konzepte und legt die unterschiedlich existierenden Konzeptionen – über alle Bundesländer hinweg – nebeneinander, dann kann man den Eindruck gewinnen, das Rad müsste neu erfunden werden. Auch der Bildungsbegriff wird - von seinen Grundlagen her - neu gedacht. Wie schon des Öfteren ...

Musil merkte einmal an, dass jede Generation ihren „Generations-Stil” hervorbringe.[6] In der Bildungspolitik scheint es ähnlich zu sein. Schnell wechseln die Moden, didaktische Modelle[7] lösen einander ab oder bestehen nebeneinander, die Bildungsrepublik unterliegt einem ständigen Paradigmenwechsel. Gerade die Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigem forciert die konzeptionelle Debatte um Einigung auf Mindeststandards auf Länder- wie Bundesebene. Auf der anderen Seite wird eine neue Lernkultur gemeinsamen Lernens mit vermehrtem Individualunterricht gefordert!

Ob nun aber der Lehrer „Prozess”- oder „Lern-Begleiter” ist, die Schüler in einer Klasse in einem „Lern-Atelier” lernen oder gar in einer „Lern-Familie” zusammensitzen: Unterricht vollzieht sich immer noch in einem Interaktionsprozess zwischen Schülern und Lehrern, zwischen Schüler und Schülern, – wobei schwächere Schüler nicht automatisch besser werden durch Mitschüler und "Lerngruppen" nicht per se homogen sind.

Zeitgenössischer, beziehungsweise zeitgemäßer Deutschunterricht hat sich zu bewähren im Kontext von Forderungen nach einem "Deutsch light", für Ausländer, Schüler mit Migrationshintergrund, Lern- und Lesebehinderte[8] und dem Anspruch, Schüler die Welt der Literatur zu erschließen oder profaner, für das Abitur fit und studierfähig zu machen.

Welchen inneren und äußeren Belastungen, globalen und dissipierenden Kräften das System Schule ausgesetzt ist, kann man am Beispiel der ehemaligen PISA-Musterländer aus dem hohen Norden ablesen.[9]  In dem  von den Autoren Voosen/Danielsson (beide auch im Schuldienst) geschriebenen Schweden-Krimi Rot Wild[10] werden u.a. auch die dafür verantwortlichen Rahmenbedingungen problematisierend angesprochen:

Der Schulleiter Fehrm gegenüber der Protagonistin Ingrid Nyström:  „Such es dir aus. Privatisierte freie Schulen gegen kommunale Träger. Von sozialen Abstiegsängsten Getriebene,  Mittelstandseltern gegen die Schulen. Tigermütter gegen ihre Kinder. Schulleitungen gewinnorientierter Privatschulen gegen die Kollegen, denen sie die Löhne drücken. Gestresste, unterbezahlte Lehrer gegen Schüler. Frustrierte Schüler gegen die Schule. Hast Du eine Ahnung, wie viele Schulen allein in Südschweden in den letzten Jahren angezündet worden sind? Es ist der Wahnsinn: Leidensdruck, Leistungsdruck, Renditendruck. Gefasel vom internationalen Wettbewerb. Die Chinesen drehen an der Globalisierungsschraube und Schweden läuft kollektiv Amok.” (Voosen/Danielsson: Rot Wild, S. 60.)

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Der Fachverband Deutsch hat zusammen mit dem Hochschulverband im Deutschen Germanistenverband im Vorfeld des letzten Germanistentags in Kiel 2013 Thesen formuliert, die dem Anspruch des Faches in einer bewegten Zeit Rechnung tragen sollen.[11]

Bedingt durch den gesellschaftlichen Wandel werden an den schulischen Deutschunterricht erhöhte Anforderungen gestellt: Vom Deutschunterricht wird erwartet, dass er nicht nur in den basalen Kompetenzen Sprechen, Zuhören, Lesen und Schreiben ausbildet, sondern diese zu umfassenden Kompetenzen in den Bereichen mündlicher und schriftlicher Rezeption, Produktion und Interaktion weiterentwickelt. Andere Fächer profitieren damit vom Deutschunterricht. Hinzu kommen gesteigerte Anforderungen zum Beispiel im Bereich Medienbildung. Die diachrone und synchrone literarische Bildung (als Grundlage jeglicher kultureller Teilhabe) droht damit aus dem Blick zu geraten, obwohl sie nachweislich ästhetische, kognitive und affektive Fähigkeiten stärkt. Der Deutschunterricht übernimmt darüber hinaus zunehmend gesellschaftliche Kompensationsaufgaben.

Die Interdependenzen zwischen dem gesellschaftlichen Wandel und den Anforderungen an den Unterricht sind evident. Angesichts der Anforderungen scheinen die zur Verfügung stehenden zeitlichen Ressourcen gering zu sein. Der DGV widersetzt sich dementsprechend allen Substitutionstendenzen und fordert eine angemessene Versorgung mit Deutschstunden in allen Schularten über alle Bundesländer hinweg.

Für unsere täglichen Herausforderungen im Lehreralltag würde ich mir wünschen, dass – über die schulische Arbeit hinaus – unsere inhaltliche und fachorientierte Arbeit im Fachverband Deutsch ein wenig dazu beiträgt, ein Bewusstsein für jene „glaubwürdige Erzählung” zu entwickeln, die Neil Postman auf dem Hintergrund des allgemeinen Amüsements im Medienbetrieb gefordert hat. Nach Postman wäre eine „Erzählung” eine „Geschichte über die Geschichte der Menschheit, die der Vergangenheit Bedeutung zuschreibt, die Gegenwart erklärt und für die Zukunft Orientierung liefert. Eine Geschichte, deren Prinzipien einer Kultur helfen, ihre Institutionen zu organisieren, Ideale zu entwickeln und ihrem Handeln Autorität zu verleihen ...”[12]



Der Beitrag des baden-württembergischen Landesvorsitzenden beruht auf dem Einführungsvortrag zur Jahrestagung des Fachverbands Deutsch Baden-Württemberg am 21. Februar 2014 an der Landesakademie Bad Wildbad mit dem Thema „Neue Aufsatzformen – Schwierigkeiten beim Interpretieren”.

[1] Vgl. dazu: Zeit Online: Kann denn Schule schön sein?

http://www.zeit.de/gesellschaft/schule/2009-09/oecd-schule-potsdam; Gemeinsam gesunde Schule entwickeln. Räumliche Bedingungen und Ausstattung: http://www.schulen-entwickeln.de/raeumliche-bedingungen-und-ausstattung.html; Bundeszentrale für politische Bildung. Bildungsarchitektur partizipativ gestalten: http://www.bpb.de/gesellschaft/kultur/kulturelle-bildung/138934/bildungsarchitektur-gestalten

[2]  Otto, Jeanette: Der verkorkste Nachmittag. –  In: Die Zeit, Nr. 46 v. 7. November 2013; S. 75 f.

[3] Ist die Gesamtschule alleinige Schulform wird sie auch Einheitsschule genannt, was übrigens konform geht mit der ursprünglichen Idee der Reformbewegung in Deutschland. „Als politisch realisierbarer Weg zeichnet sich zur Zeit die integrative Sekundarschule ab, die eine Zusammenlegung von Hauptschule, Realschule und Gesamtschule vornimmt und eine eigene Oberstufe führt. Immer mehr Bundesländer gehen auf dieses vom Bildungsforscher Klaus Hurrelmann so genannte ‚Zwei-Wege-Modell‘ des weiterführenden Schulsystems über, das faktisch eine Umsetzung der Gesamtschule neben dem weiter bestehenden Gymnasium darstellt. Eine weitere Alternative, die sich in vielen Bundesländern durchsetzt, ist die Gemeinschaftsschule, die Schülerinnen und Schülern von der Grundschule an die Möglichkeit gibt, ihre gesamte Schullaufbahn bis zum Abitur in einer einzigen Schule zu verbringen.” http://de.wikipedia.org/wiki/Gesamtschule; aufgerufen am 18.02.2014.

[4]  Vgl. dazu:  Otto, Jeanette: Ein heikler Streich. Baden-Württembergs Schüler sind in Leistungs-vergleichen schon lange nicht mehr speziell. Die rot-grüne Regierung baut die Schule nun radikal um. Bringt das den Erfolg zurück? Eine Reise durch ein gespaltenes Land. – In: Die Zeit, Nr. 51 v. 12. Dezember 2013; S. 69.

[5] Im Endausbau sollen Lehrkräfte aller Schularten an der Gemeinschaftsschule unterrichten und dort prinzipiell in allen Lerngruppen eingesetzt werden können. Die Lerngruppen sind heterogen zusammengesetzt, so dass Schüler unabhängig vom jeweiligen individuellen Leistungsniveau primär gemeinsam unterrichtet werden sollen. Vgl. dazu die Pressemitteilung der Landesregierung Baden-Württemberg: http://spdnet.sozi.info/bawue/KALand/bruchsal/dl/PM_Gemeinschaftsschule.pdf

[6] Vgl. dazu: Musil, Robert: Gesammelte Werke, Bd. VII (Glossen 1921-1932). Hrsg. v. Adolf Frisé. Reinbek b. Hamburg 1978, S. 661 ff.

[8]  Vgl. dazu: Strassmann,  Burkhard: "Deutsch light".  Normales Deutsch ist schweres Deutsch. Deshalb gibt es für Ausländer und Lern-oder Lesebehinderte Texte in "leichter Sprache". – In:  Die Zeit, Nr. 6 v. 30. Januar 2014; S. 35.

Für Mietverträge und Parteiprogramme mag das Konzept der „leichten Sprache” als schriftliches Kommunikationssystem mit eigenen Regeln, eigenen Übersetzern, eigenem Schrifttum seinen pragmatischen Zweck erfüllen; bei Bibel- und literarischen Texten stößt dieses Verfahren an seine Grenzen, wie Strassmann eindringlich zeigt. Vgl. dazu auch das Sonderheft "Leichte und einfache Sprache" (Beilage zur Wochenzeitung "Das Parlament"),  APuZ (Aus Politik und Zeitgeschichte), 64. Jg., 9-11/2014 v. 24.02.2014. Darin folgende Beträge: Simone Seitz: Leichte Sprache. Keine einfache Sache; Gudrun Kellermann: Leichte und einfache Sprache. Versuch einer Definition; Anatol Stefanowitsch: Leichte Sprache, komplexe Wirklichkeit; Valentin Aichele: Leichte Sprache. Ein Schlüssel zu "Enthinderung" und Inklusion; Sven Nickel: Funktionaler Analphabetismus; Bettina Fackelmann: Sprache in Politik und Wissenschaft.

[9]  Vgl. dazu: Lüpke-Narberhaus, Frauke: Schlechtes Abschneiden beim Schulvergleich: Pisa-Absturz schockiert Schweden. – (Siehe: http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/pisa-absteiger-warum-schwedens-schueler-sich-verschlechterten-a-937022.html; aufgerufen am 18.02.2014.)

Siehe auch: http://www.bmbf.de/pub/pisa-vergleichsstudie.pdf(http://www.bmbf.de/pub/pisa-vergleichsstudie.pdf; aufgerufen am 18.02.2014.

Vgl. dazu auch: Smolka, Dieter: Die PISA-Studie. Konsequenzen und Empfehlungen für Bildungspolitik und Schulpraxis. – In: Beilage zur Wochenzeitung "Das Parlament" (Aus Politik und Zeitgeschichte), B 41/2002; S. 3-11.

[10] Voosen Roman, Danielsson Kerstin: Rot Wild. – Köln 2013. Voosen ist in Papenburg aufgewachsen, Danielsson in Växjö. Beide arbeiten als Lehrer und Autoren und berichten quasi aus erster Hand. Zu Beginn des Romans wird u.a. die gebeutelte Existenz eines Aushilfslehrers vorgestellt: „Das sind die ärmsten Schweine. Als Lehrer hinterlegt man seine Kontaktdaten in einem Online-Pool und wenn irgendwo in der Kommune ein Lehrer krankheitsbedingt ausfällt, bekommt man morgens um sieben eine SMS. Wer dann schnell zuschlägt, steht eine Stunde später vor einer völlig unbekannten Klasse und unterrichtet völlig unbekannten Stoff. Für sehr wenig Geld versteht sich. Als Aushilfslehrer ist man heute hier und morgen dort und nirgendwo richtig. Man hat keine Kollegen, keine Klasse, kein festes Einkommen. Unter dem Strich verdienen Hilfslehrer im Schnitt kaum mehr als die Putzkräfte an der Schule.” S. 61.

[11] Vgl. dazu: http://www.fachverband-deutsch.de/index.php?page=19&message=1DBC094C-A8CB-0D64-BDFD-57E4DFDE3F1B

Oder: http://www.hochschulgermanistik.de/willkommen.forum-germanistik-und-deutschunterricht-auf-dem-gt2013.html

[12] Postman, Neil:  Wir informieren uns zu Tode. – Aus: Die Zeit, Nr. 2 v. Oktober 1992 (Auszug).








13.04.2014CBK Online-Redaktion
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