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Stellungnahme zur Entwurfsfassung des Kernlehrplans für die Sekundarstufe II Gymnasium / Gesamtschule Deutsch NRW vom 09.04.2013

Stellungnahme des nordrhein-westfälischen Landesverbandes des Fachverbands Deutsch im Deutschen Germanistenverband

Der Vorstand NRW des Fachverbandes Deutsch im Deutschen Germanistenverband hat zunächst einmal mit großer Freude darauf reagiert, dass nun endlich auch der für die Sekundarstufe II schon so lange erwartete kompetenzorientierte Kernlehrplan vorliegt.


Dieser Entwurf des Kernlehrplans für die Sekundarstufe II macht in den Vorbemerkungen klare Aussagen über die Kernlehrpläne als Vorgaben für kompetenzorientiertes Unterrichten und liefert nachvollziehbare und überzeugende Begründungen hierfür. Die formulierten Aufgaben und Ziele des Faches Deutsch, kulturelles Verständnis, ästhetische Sensibilität, ethisch fundierte Haltung kulturell Anderem gegenüber zu entwickeln, klingen plausibel und sind wünschenswert, allerdings angesichts der geringen Stundenzahl in sämtlichen Kursen der Einführungsphase sowie in den Grundkursen der Qualifikationsphase kaum oder nur ansatzweise realisierbar. So sinnvoll sicher nicht nur im Länder-, sondern auch im europäischen Vergleich eine Schulzeitverkürzung in NRW war und ist, so scheint es kaum machbar, in der kurzen zur Verfügung stehenden Zeit den Schülern und Schülerinnen allein schon in der Einführungsphase ein vertieftes Orientierungswissen zu vermitteln, ein kulturelles Gedächtnis zu schaffen, ihre Persönlichkeit dergestalt zu bilden, dass sprachlichkünstlerische Ausdrucksfähigkeit und Lesefreude gleichermaßen gefördert werden. Es leuchtet ein, dass während der Qualifikationsphase im Grundkurs lediglich zentrale Einsichten und Fähigkeiten erworben werden können bzw. sollen, während der Leistungskurs Möglichkeiten zur Vernetzung der Wissensbestände, deren historischer und konzeptioneller Einordnung sowie differenzierterer Reflexion bieten muss. Diese Ausführungen (vgl. S. 11) sind verständlich, aber bleiben insgesamt zu vage. Hier wird sicher das angekündigte Unterstützungsmaterial für die Schulen schnellstmöglich erwartet und dringend gebraucht.

Auch wenn dieser Lehrplan für die Sekundarstufe II sich im Aufbau bereits grundlegend vom bisherigen (1999) unterscheidet, so sind Struktur und Aufteilung in zwei Kompetenzbereiche, für die gesamte Sek II obligatorische vier Inhaltsfelder und die daran orientierten Kompetenzerwartungen . nachvollziehbar und in sich schlüssig dargelegt. Es ist ausgesprochen wohltuend zu lesen und sinnvoll, Rezeption (Zuhören und Lesen) und Produktion (Sprechen und Schreiben) als Kompetenzbereiche einander gegenüber zu stellen, in denen Kompetenzerwerb und -erweiterung erfolgen sollen. Auch die Neustrukturierung der Inhaltsfelder – Sprache, Texte, Kommunikation und Medien – erscheint sachlogisch, wenngleich diese sich in der unterrichtlichen Praxis nur allzu oft überschneiden und nicht immer trennscharf voneinander isoliert gesehen werden können und dürfen. Die formulierten Kompetenzerwartungen (S. 13) des Faches Deutsch sind einleuchtend und eindeutig.

Gegen die inhaltliche Schwerpunktsetzung zu allen Inhaltsfeldern der Einführungsphase ist weiter nichts einzuwenden, da sie sich kurz und knapp auf Wesentliches beschränkt; allerdings wären dennoch inhaltliche Konkretisierungen wünschenswert, vor allem was hier die Auswahl der Texte, insbesondere Drama und Erzähltexte, betrifft. Es geht nicht darum, an dieser Stelle einzelne geeignete Dramen oder Erzähltexte zu benennen, aber eine grobe Eingrenzung thematischer oder historischer Kontexte wäre hilfreich für Lehrer und Lehrerinnen. Vielleicht bieten ja die zu erwartenden ‚Unterstützungsmaterialien für Schulen‘ angemessene Anregungen, so dass nicht jede Deutschfachkonferenz der Schulen für sich neu und allein entscheiden muss.

Unklar bleibt bei den Kompetenzerwartungen, welche „Fiktionalitätssignale” zur Identifizierung des „Wirklichkeitsmodus eines Textes” (S. 19) gemeint sind, ob kreative Schreibaufträge (vgl. S. 20 „Textgestaltende → Schreibverfahren”) auch zur Leistungsbewertung dienen können/sollen/dürfen und schließlich, ob und inwiefern für die Reflexion des Schreibauftrags und dessen Bewältigung an ein Portfolio z.B. gedacht ist, was sich sicherlich für Schüler und Schülerinnen in der Einführungsphase besonders eignete, um sich des eigenen Lernprozesses bewusst zu werden.

Das Inhaltsfeld Kommunikation zeichnet sich insbesondere dadurch aus, dass über Kommunikationsmodelle als Unterrichtsgegenstände hinaus sach-, adressaten-, situationsgerechtes und eigenes Gesprächsverhalten konkreter als je zuvor im Fokus des (somit auch erziehenden) Unterrichts steht. Und schließlich bietet und fordert der Bereich der Medien durch Kenntnisse, Anwendung und Beurteilung ihres Einsatzes Kompetenzen, die in der heutigen Welt unerlässlich sind.

Um allerdings Schülern und Schülerinnen alle die hier geforderten Kompetenzen in den Bereichen Produktion und Rezeption an Hand der vier genannten Inhaltsfelder zu vermitteln, bedarf es einerseits eines abwechslungsreichen und herausfordernden Unterrichts, der sich durch ein hohes Maß an echter Lernzeit und durch offene Unterrichtsformen auszeichnet, und andererseits fachlich umfassend und fachdidaktisch gut ausgebildeter Deutschlehrer und -lehrerinnen. Aber ist das angesichts von Bachelor- und Masterstudiengang und des verkürzten Referendariats noch möglich?

Im Folgenden werden die Kompetenzerwartungen am Ende der Qualifikationsphase für Grund- und Leistungskurse aufgelistet. Durch die für die gesamte Sekundarstufe II gleiche und klare Struktur und Aufteilung in die vier Inhaltsfelder und die beiden Kompetenzbereiche Produktion und Rezeption und die daraus abgeleiteten Kompetenzerwartungen erscheint dieser Kernlehrplan in seinen Vorgaben und Anforderungen logisch und nachvollziehbar, wenngleich auch die Unterschiede in den Kompetenzerwartungen zwischen Grundkursen und Leistungskursen nicht immer deutlich und trennscharf formuliert sind. Während die Ausführungen für den Grundkursbereich sehr einleuchtend und überzeugend sind, bleibt das, was im Leistungskursbereich gefordert wird, häufig (zu) vage, wird doch hier stets nur von weiterer Differenzierung, vergleichendem Arbeiten oder einem höheren Reflexionsgrad gesprochen. Deutlich wird allerdings, dass im LK-Bereich in sämtlichen Inhaltsfeldern ein höherer Theorieanteil zu den jeweiligen Themen als im GK-Bereich dem Kompetenzerwerb dienen soll, wobei allerdings auch hier zu klären wäre, an welche poetologischen Konzepte z.B. gedacht ist, was die Komplexität längerer Sachtexte ausmacht oder was unter „anspruchsvollen Aufgabenstellungen” (vgl. S. 32) zu verstehen ist, insbesondere im Vergleich zu den sog. ‚Fokussierten Aufgabenstellungen‘ der Abituraufgaben der letzten Jahre, die sich oft fast nur auf Inhaltliches beschränkt hatten und mit Hilfe derer ein Nicht-Verstehen der zu bearbeitenden Texte praktisch unmöglich war.

Die Kompetenzerwartungen zu den jeweiligen Inhaltsfeldern, insbesondere im Leistungskursbereich klingen in sich stimmig und schlüssig; allerdings setzen sie eine Menge an Wissen und (ästhetischer) Bildung bei den Schülern und Schülerinnen voraus, die allein in der Schule so nicht erworben werden kann.

Völlig einleuchtend ist, dass Leistungsbewertung einerseits immer mit der Diagnose und Evaluation des individuellen Lernstandes einhergehen muss und dass ihr andererseits transparente Beurteilungskriterien zugrunde liegen müssen. Die beiden Beurteilungsbereiche „Schriftliche Arbeiten/Klausuren” und „Sonstige Leistungen im Unterricht/Sonstige Mitarbeit” sind an sich nicht neu; hier sollen die Schüler und Schülerinnen nun ihre jeweilige ‚Kompetenzentwicklung darstellen und dokumentieren‘ (vgl. S. 39). Neu sind allerdings in dieser Form die nun folgenden aufgelisteten „Überprüfungsformen”, deren Fokus – Darstellung, Analyse, Argumentation, Gestaltung und Metareflexion – sich sowohl auf schriftlich als auch mündlich zu erbringende Leistungsnachweise beziehen kann. Natürlich kann jeder Deutschlehrer / jede Deutschlehrerin sich bei der Formulierung von Klausurthemen hieran orientieren. Aber das kann in Zeiten der Standardsicherung doch wohl nicht gewünscht sein. Es ist davon auszugehen, dass die Aufgabentypen für die schriftliche Abiturprüfung (s. S. 45) hier richtungsweisend sein sollen. Im Vergleich zum Lehrplan von 1999 fällt auf, dass weiterführende Schreibaufträge nun nicht mehr obligatorisch erteilt werden müssen. Die beiden Aufgabentypen I und II sind insofern vertauscht worden, da es in I bisher um die Analyse von Sachtexten und nun um die literarischer Texte - und umgekehrt – ging und geht. Aufgabentyp III als Erörterung ist geblieben, jetzt allerdings nach Sachtexten (A) und literarischen Texten (B) getrennt. Aufgabentyp IV als solcher ist neu und klingt interessant und vielversprechend, bedarf aber noch einer genaueren Klärung einzelner Aspekte, was Materialumfang und Textsorte angeht. Die ersten drei Aufgabentypen, allerdings sinnvollerweise ohne die vergleichenden Analysen (I und II B) sind auch für den ersten Teil der mündlichen Abiturprüfung vorgesehen.

Neu ist die „Besondere Lernleistung” (S. 47) als „ein umfassender Beitrag” zu einem
Wettbewerb oder aus einem Projekt(kurs), spätestens zu Beginn des zweiten Jahres der
Qualifikationsphase, der im Rahmen des Abiturs in einem 30-minütigen Kolloquium
vorgestellt werden muss. Diese Neuerung ist sehr zu begrüßen, da sie eine geeignete Form
des wissenschaftspropädeutischen Arbeitens darstellt – ebenso wie die Facharbeit, die
bisher in einem beliebigen Fach geschrieben werden konnte. Nach diesem neuen KLP
muss ein Schüler / eine Schülerin im Fach Deutsch auf jeden Fall eine Facharbeit schreiben,
wenn er / sie keinen Projektkurs belegt. Was dabei genau einen „Projektkurs” ausmacht,
muss noch geklärt werden.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Kernlehrpläne in der vorliegenden
Entwurfsfassung für die Sekundarstufe II in ihrer Struktur – Kompetenzbereiche,
Inhaltsfelder, Kompetenzerwartungen - und in den von ihnen formulierten kumulativen
Anforderungen überzeugen können. Weitere Klarheit bieten sicherlich und hoffentlich die
zu erwartenden Unterstützungsmaterialien für die Schulen und die geplanten
Implementationsveranstaltungen.

Velen, den 31. Mai 2013

Ellen Schindler-Horst
(1. Vorsitzende des Fachverbandes Deutsch NRW)





Stellungnahme zur Entwurfsfassung des Kernlehrplans für die Sekundarstufe II Gymnasium / Gesamtschule Deutsch vom 30.04.2013




12.06.2013CBK Online-Redaktion
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