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PISA-Studie

Stellungnahme des Fachverbands Deutsch im Deutschen Germanistenverband zu den Ergebnissen der PISA-Studie

Der Fachverband Deutsch im Deutschen Germanistenverband hat die Ergebnisse der PISA-Studie zur Lesekompetenz auf Bundesebene und in den Ländern eingehend analysiert und diskutiert. Ohne selbst in der Lage zu sein, eine vertiefende Evaluation dieser Evaluationsleistung vorzunehmen, halten wir es für erforderlich, den Testansatz der PISA-Studie im einzelnen kritisch zu hinterfragen.


1.

Die Definition der Lesekompetenz durch die PISA-Untersuchung ist durch die Bündelung in drei zunehmend komplexere Kompetenzen bestimmt: "Informationen ermitteln", "Textbezogenes Interpretieren", "Reflektieren und Bewerten". Die drei Funktionen werden in fünf Stufen beschrieben.

Diese Definition deckt sich nur zum Teil mit den Lehrplanaussagen der Bundesländer, an denen sich Lehrerinnen und Lehrer in ihrer Arbeit orientieren. Diese sehen als zentrales Lernziel die Vermittlung einer historisch fundierten ästhetisch-symbolischen Deutungskompetenz im Literaturunterricht vor.

Die Kritik am Deutschunterricht richtete sich bekanntlich in der Vergangenheit schwerpunktmäßig darauf, dass der literarische Kanon nicht ausreichend vermittelt und die neuen Medien zu wenig berücksichtigt würden. Da literarische Texte als ein wesentlicher Gegenstand des Deutschunterrichts nicht nur Träger von Informationen sind, darf sich die Arbeit mit Texten jeglicher Art nicht auf Informationssuche und Informationsentnahme beschränken, sondern hat auch zentral die ästhetische Qualität der Texte zu berücksichtigen. Dazu zählen Elemente der sprachlich-künstlerischen Gestaltung wie semantische Mehrdeutigkeiten, Konnotationen, Klangstrukturen und anderes mehr. Der Entschlüsselung dieser Formensprache können sich Leser nur prozesshaft annähern, diese Formensprache ist nur bedingt operationalisierbar. Dass Lesen mehr sein kann als funktionalistisches Erschließen, nämlich Weltdeutung, Sinngebung bis hin zu einem internalisierten Lesen als Lebensform, darf in der Schule nicht vernachlässigt werden. Literarische Texte eröffnen Erfahrungs-, Phantasie- und Simulationsräume, die gerade für Heranwachsende relevant sind.

Die Kritik an den Erschließungsfähigkeiten und -fertigkeiten vieler Schülerinnen und Schüler konzentriert sich gegenwärtig demgegenüber sehr und mitunter ausschließlich auf Probleme bei der Rezeption von Sachtexten, die Erschließung und Versprachlichung von Tabellen, Skizzen, Gebrauchshinweisen etc.

2.

Der Fachverband Deutsch im Deutschen Germanistenverband nimmt das schlechte Abschneiden deutscher Schülerinnen und Schüler im internationalen Vergleich trotz der unter (1.) angestellten Überlegungen zum Anlass, Ansätze für Maßnahmen zu formulieren, die zur Verbesserung der Lesekompetenz beitragen können.

Aus der Beschreibung des Selbstverständnisses der Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer, die sich aus den geltenden Lehrplänen ableitet, ergeben sich die folgenden Vorschläge:

Eine länderübergreifende Expertenkommission sollte klären, welchen Stellenwert die mehr "technische Lesefertigkeit" und welchen Stellenwert der Literaturunterricht mit seinen komplexeren Zielen haben. Wenn bessere Leistungen bei der "technischen Lesefertigkeit" erreicht werden sollen, muss dieses Erfordernis in Lehrplänen verankert werden, Forschungsaufträge zu pädagogischen, lerntheoretischen und kognitionspsychologischen Voraussetzungen müssen vergeben werden.

Der Fachverband beklagt, dass Defizite beim Lese- und Verstehensprozess der Jugendlichen festzustellen sind, obwohl Kolleginnen und Kollegen intensiv und sorgfältig arbeiten. Die Ursachen dafür liegen im Wesentlichen in Strukturen der Schule und der Bildungsökonomie. Nach unserer Einschätzung zeigen sich hier vor allem Folgen der seit vielen Jahren zu beobachtenden Schwächung des Faches Deutsch, auf die der Fachverband verschiedentlich aufmerksam gemacht hat. Ursachen für diese Schwächung sehen wir in veränderten gesellschaftlichen Bedingungen, aber vor allem in der Kürzung der Stundentafeln bei gleichzeitiger Erhöhung der Aufgaben des Faches (Friedenserziehung, Gewaltprävention, Medienerziehung u.a.). Die Erhöhung der Aufgaben führt dazu, dass nicht immer alle Aufgaben gleichmäßig intensiv erfüllt werden können; so hat die Intensität des Sprachunterrichts angesichts anderer gesellschaftlich geforderter Aufgaben nachgelassen.

Dem Doppelcharakter des Faches (Sprachunterricht u n d Literaturunterricht) wird in anderen Ländern Rechnung getragen, indem das Fach in zwei Fächer geteilt ist (z.B. England "language" und "literature").

Wenn im Deutschunterricht mehr Sachtexte bearbeitet und Verstehensprozesse thematisiert werde sollen, müssen Möglichkeiten für eine zeitweilige Konzentration auf diesen Schwerpunkt gegeben sein; eine Aufgabe, die bei der gegenwärtigen Wochenstundenzahl in allen Bundesländern kaum gründlich genug gelöst werden kann.

Daraus ergibt sich, dass die Wochenstunden für das Fach Deutsch - jedenfalls in einigen Bundesländern - erhöht werden müssen, damit der Deutschunterricht seinen Aufgaben gerecht werden kann, die notwendigen Grundlagen für die Lesefähigkeit zu legen und sie schrittweise zu differenzieren.

In diesem Zusammenhang ist das Verhältnis zwischen den Stundenzahlen, die dem Fremdsprachenunterricht zugemessen werden, und denen des muttersprachlichen Unterrichts zu überdenken und zu revidieren. Länder mit einem höheren Anteil an muttersprachlichem Unterricht (OECD-Bericht) haben bei der PISA-Untersuchung besser abgeschnitten.

Stundenkürzungen, wie sie derzeitig im Zusammenhang mit der Umstellung auf das 8-jährige Gymnasium z. T. unproportional geplant sind und erfolgen, hält der Fachverband Deutsch im Deutschen Germanistenverband für nicht akzeptabel.

Nicht allein der Deutschunterricht ist für den Erwerb der Lesekompetenz bei Sachtexten verantwortlich: in den Fächern Geschichte, Religion, Philosophie, Erdkunde, Wirtschaft und Politik, Biologie und in anderen Fächern wird vergleichbar textgestützt gearbeitet. Das Fach Deutsch kann zwar wichtige Grundlagen für die Lesefähigkeit legen, ist aber nicht in der Lage, auch die Aufnahme und das Erkennen von Informationen in anderen, beispielsweise naturwissenschaftlichen Fächern mitzugestalten, da über das notwendige Fachwissen nur die jeweiligen Fachkräfte verfügen.

Aus dieser Einschätzung ergibt sich die Notwendigkeit, im fächerübergreifenden Diskurs verbindlich zu klären, welche Teilaufgaben von den Fächern geleistet werden sollen. In zahlreichen kultusministeriellen Verlautbarungen wird schon heute auf die Verpflichtung aller Fächer hingewiesen, ihren Teil für den Erwerb der Sprach- und Lesekompetenz verantwortlich zu übernehmen. Auch mit dieser Aufgabe sollte ein länderübergreifendes Expertenteam beauftragt werden.

Der Vorstand des Fachverbands wird Kontakt zu anderen Fachverbänden aufnehmen, um zu ermitteln, wo Absprachen sinnvoll, nützlich und realisierbar sind. Auch die Möglichkeiten einer gemeinsamen Fachtagung zu diesem Gegenstand werden bedacht.

Lesekompetenz wird nicht nur in einzelnen Schulfächern erworben. Elternhaus, außerschulische Sozialisationsinstanzen, Medien, die Schulkultur als ganze bestimmen den Erfolg beim Erwerb der Lesekompetenz wesentlich mit.

Aus diesem Sachverhalt ergibt sich die Forderung, alle an der Sozialisation und Enkulturation Beteiligten zu gewinnen, Rahmenbedingungen und Anlässse zu schaffen, die sich positiv auf das Leseinteresse, die Lesefreude, das Leseerlebnis und damit auch die Lesekompetenz auswirken (Schulbibliotheken, Lesewochen, Wettbewerbe u.a.). Dafür müssen organisatorische Ideen entwickelt und finanzielle Mittel bereitgestellt werden.

Insgesamt ergeben sich damit vier Forderungen:

- Einrichtung eines länderübergreifenden Expertenteams zur Klärung des Stellenwerts von "technischer Lesefähigkeit" und "literarischem Lesen" und zur Übereinkunft über die Aufgaben des Faches Deutsch und die der anderen Fächer

- Vergabe von Forschungsaufträgen zu lerntheoretischen und kognitionspsychologischen Grundfragen

- keine Verringerung der Stundentafeln im Fach Deutsch, in einigen Ländern eine Erhöhung der Stundentafeln

- Ausstattung der Schulen zur Förderung der Lesekompetenz (Sachausstattung und personelle Ausstattung)








28.05.2005Almut Hoppe
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