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Positionspapier Fachlichkeit in der Lehrerbildung

Bildungspolitischer Arbeitskreis des Deutschen Germanistenverbands und des Symposion Deutschdidaktik

Der gemeinsame Bildungspolitische Arbeitskreis von Deutschem Germanistenverband (DGV) und Symposion Deutschdidaktik (SDD) hat sich auf einem Treffen am 18.07./19.07.2014 in Hannover mit der Fachlichkeit in der Ausbildung von Deutschlehrerinnen und Deutschlehrern befasst. Der Arbeitskreis betrachtet dies als ein für beide Verbände gleichermaßen zentrales und sie verbindendes Thema.


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Das Positionspapier steht als pdf-Datei zur Verfügung.

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Fachbezogene – das heißt fachwissenschaftliche wie fachdidaktische – Kompetenzen stehen in der Lehrerausbildung neben personbezogenen oder übergreifenden Kompetenzen, die vor allem von erziehungswissenschaftlicher Seite betont werden. Der Arbeitskreis war sich einig, dass Lehrkräfte in ihrem unterrichtspraktischen Handeln beide Arten von Kompetenzen benötigen. Sie gegeneinander auszuspielen ist nicht sachgerecht (vgl. Weiß u.a. 2014). Allerdings besteht im Blick auf die Lehrerbildung Diskussionsbedarf insbesondere dann, wenn in den Zentren für Lehrerbildung an den Universitäten und Pädagogischen Hochschulen eine Tendenz entsteht, Professuren mit einer bildungswissenschaftlichen statt einer fachbezogenen Denomination zu versehen. Die Fachlichkeit in der Lehrerbildung steht auch dann zur Debatte, wenn bei der Ausgestaltung von Lehramtsstudiengängen fachbezogene Studienanteile herausgezogen und für die Ausbildung übergreifender Kompetenzen umgewidmet werden.

Fachbezogene Kompetenzen umfassen nach dem Verständnis des Arbeitskreises fachwissenschaftliche wie fachdidaktische Kompetenzen. Welche Rolle die fachbezogenen Kompetenzen insgesamt gegenüber personbezogenen bzw. den nicht fachspezifischen Querschnittskompetenzen einnehmen müssen, ist eine Frage, die in der gegenwärtigen bildungspolitischen Situation der Lehrerbildung für den Arbeitskreis im Vordergrund steht.

Ein Gegenstand des Treffens waren Untersuchungen zur Auswirkung fachlicher Qualifikationen von Lehrkräften auf den Lernerfolg von Schülerinnen und Schülern. Studien zu dieser Fragestellung sind derzeit noch selten und in ihrer Gesamtheit nicht konklusiv. Jedoch kann man bereits von einer sich bildenden Forschungstradition sprechen, die zu der Diskussion über das Gewicht fachbezogener Anteile in der Lehrerbildung in besonders stringenter Weise beiträgt. In Deutschland ist diese Forschungstradition vertreten durch die COACTIV-Studie (Baumert & Kunter 2011), zu der der Arbeitskreis einen Mitwirkenden, Thilo Kleickmann vom IPN Kiel, als Experten begrüßen konnte. Die COACTIV-Studie zeigte, dass in der Klassenstufe 10 eingesetzte Mathematik-Lehrkräfte mit ausgeprägten fachbezogenen Kompetenzen bei ihren Schülerinnen und Schülern größere Lernerfolge erzielten als Lehrkräfte mit geringen fachbezogenen Kompetenzen. Von Interesse für die Bedeutung der Fachlichkeit in der Lehrerbildung ist auch die Differenzierung zwischen „Fachwissen” und „Fachdidaktischem Wissen”, die in der Studie empirisch geschärft werden konnte: Diese beiden fachbezogenen Wissensformen werden in enger Abhängigkeit voneinander erworben und sind, mit signifikantem Abstand zu pädagogischem Wissen, entscheidend für den Unterrichtserfolg.  Die Ergebnisse von COACTIV beziehen sich speziell auf den Mathematik-Unterricht. Im Blick auf Arbeitsbereiche des erstsprachlichen Unterrichts, etwa den Leseunterricht (Risko u.a. 2008), sind durchaus noch Fragen offen. Jedoch spricht eine amerikanische Studie von Piasta u.a. (2009) dafür, dass auch im Fall des Erstunterrichts im Lesen ein positiver Zusammenhang zwischen den fachbezogenen Kompetenzen von Lehrkräften und den von ihren Schülerinnen und Schülern erreichten Lesekompetenzen besteht.

In diesem Rahmen befasste sich der Arbeitskreis kritisch mit der Rezeption der Hattie-Studie (Hattie 2009, vgl. Hattie 2012) in der Öffentlichkeit, vor allem in Leitmedien wie ZEIT oder F.A.Z. Nach deren Darstellung stellt die Hattie-Studie als maßgebliche Größe für den Lernerfolg von Schülerinnen und Schülern einen globalen, vereinfachenden Lehrer-Faktor heraus ("Was zählt, ist die Lehrkraft"). Diese Rezeption lässt eine Interpretation zu, die an die Stelle definierbarer Kompetenzen unspezifische persongebundene Qualifikationen setzt. Diese Interpretation dürfte nicht dem entsprechen, was Hattie selbst intendiert hat. Sie wird nur möglich, wenn Merkmale wie beispielsweise Strategieunterricht oder direkte Instruktion, die nach Hattie für den Lernerfolg von Schülerinnen und Schülern maßgeblich sind, ausschließlich als Verhaltensweisen von Lehrkräften beschrieben werden, ohne zu fragen, über welches Wissen Lehrkräfte verfügen müssen, um diese Verhaltensweisen realisieren zu können.

Im Fazit gelangte der Arbeitskreis zu der Auffassung, dass es für DGV wie SDD eine wichtige Aufgabe darstellt, die Rolle der Fachlichkeit in der Ausbildung von Lehrkräften stärker zu verdeutlichen. Eine Kooperation mit anderen Fachdidaktiken, etwa im Rahmen der Gesellschaft für Fachdidaktik (GFD), könnte auf mittlere Sicht hilfreich sein. Dabei geht es nicht darum, die Bedeutung persongebundener Kompetenzen im alltäglichen praktischen Lehrerhandeln herunterzuspielen. Notwendig ist aber, Deformationen in der Gestaltung der Lehrerbildung vorzubeugen, die aus einer unzureichenden Gewichtung fachbezogener Kompetenzen resultieren.

Literatur

Baumert, J. & Kunter, M. (2011). Das mathematikspezifische Wissen von Lehrkräften, kognitive Aktivierung im Unterricht und Lernfortschritte von Schülerinnen und Schülern. In M. Kunter; J. Baumert; W. Blum; U. Klusmann; S. Krauss & M. Neubrand (Hgg.). Professionelle Kompetenz von Lehrkräften. Ergebnisse des Programms COACTIV. Münster: Waxmann, 163-192.

Hattie, J. A. C. (2009). Visible learning. A synthesis of over 800 meta-analyses relating to achievement. London, UK: Routledge.

Hattie, J. A. C. (2012). Visible learning for teachers. Maximizing impact on learning. London, UK: Routledge.

Piasta, S. B., Connor, C. M., Fishman, B. J., & Morrison, F. J. (2009). Teachers' knowledge of literacy concepts, classroom practices, and student reading growth. Scientific Studies of Reading 13(3), 224-248.

Risko, V. J.; Roller, C. M.; Bean, R. M.; Bock C. C..; Anders, P. L. & Food, J. (2008). A critical analysis of research on reading teacher education. Reading Research Quartely 43(3), 252-288.

Weiß, S.; Schramm, S. & Kiel, E. (2014). Was sollen GymnasiallehrerInnnen können? Die Sicht von Lehrkräften und Ausbildungspersonen. Journal für LehrerInnenbildung 2/2014, 43-51.





Positionspapier Fachlichkeit in der Lehrerbildung




22.08.2014CBK Online-Redaktion
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