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"Deutschstunde"

Kommentar zum Deutschen Germanistentag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung von Jürgen Kaube, 22.09.2010

Die Germanistik ist zwei Fächer. Bei ihrem Jahrestreffen, das gerade in Freiburg stattfindet, wird dies deutlich. Sie ist eine Wissenschaft, und sie ist eine Lehrerbildung. Als Wissenschaft adressiert sie ihre Ergebnisse entweder an Spezialisten, die nachvollziehen können, was es mit der "Räumlichkeit in den Computerspielen ,The Path' und ,Grand Theft Auto IV'" oder der spätmittelalterlichen Boëthius-Rezeption auf sich hat. Oder sie richtet sich ans große Ganze: "Der Vortrag fragt vor dem Hintergrund der Neudiskursivierungen des Raumparadigmas nach den Chancen des Globalisierungsprozesses". ...


Und die Lehrerbildung? Ihr Adressatenkreis ist der größte, seine Probleme sind ungeheuer, seine Bedürfnisse sind praktischer Natur, und seine Bedeutung ist überragend. Eine von sieben Vortrags-Sektionen hat sich auch in Freiburg mit dem Deutschunterricht befasst. Germanisten der anderen Forschungsbereiche jedoch zeigen sich hier kaum. "Was aus den Lehrern wird", so der Literaturwissenschaftler Jürgen Wertheimer, der hier eine Ausnahme bildet, habe auch er sich lange nicht gefragt. Man führe sie als Germanist zur Prüfung, und das sei es dann gewesen. Um die Einheit ihrer Forschung mit einer Lehre, von der Lehrer etwas hätten, kümmert sich die Disziplin kaum. Einen Germanistentag, der anstatt "Europa" (nach 2004 jetzt schon wieder) den Schulunterricht zu seinem Schwerpunkt erklären würde, kann man sich insofern nur schwer vorstellen.

Dabei wäre mehr Verstand auf diesem Gebiet nötig. Das zeigten auch einzelne Beiträge in Freiburg. Nicht nur der kuriose eines Schauspielers, der Lehrern empfahl, sich Liebesgedichte "handelnd zu erarbeiten", indem sie im Text nach Anknüpfungspunkten an eigene amouröse Erlebnisse suchen und, so gestimmt, sie dann einem konkreten Gegenüber (der Klasse? einer Schülerin?) als Emotionsattrappe vortragen. Wenn das mal nicht peinlich wird. Eigenwillig wirkte auch das Projekt "Wertewissen" der Universität Tübingen, das von Wertheimer und der Pädagogin Elisabeth Rangosch-Schneck vorgestellt wurde. Hier werden Pflichttexte der Oberstufe - Kafkas "Prozess", Schillers "Räuber", Kleists "Kohlhaas" - einer interkulturellen Lektüre durch Lehramtskandidaten mit Migrationsbiographie unterzogen.

Dagegen ist wenig zu sagen. Mehr schon gegen die merkliche Empörung Professor Wertheimers darüber, dass viele Migrantenkinder im Germanistikstudium einfach nur Germanistik studieren wollen und sich selbst nicht als Transporteure kultureller Lesarten sehen, sondern als baden-württembergische Lehrer. Der "Migrant", der ethnisches Lesen für nachrangig oder gar einen Schmarren hält, ist in dieser Erziehung zum Eigenen als Fremden offenbar nicht vorgesehen.

Genauso merkwürdig ging es freilich auch auf der "monokulturellen" Seite zu. Zwei Studiendirektoren aus Karlsruhe stellten Unterrichtseinheiten zur Liebeslyrik vor, die in der Aufforderung an Zwölftklässler gipfelten, in Novalis' "Hymnen an die Nacht" rot all diejenigen Worte zu unterstreichen, die sich auf irdische, grün hingegen solche, die sich auf die himmlische Liebe beziehen - und violett für die Bilder der Synthese. Auch werden die Schüler aufgefordert, Gedichte nach rhetorischen Figuren durchzumustern. Der Arbeitsbogen sah Metapher, Anapher, Synästhesie ("duftende Märchen"), Personifizierung ( "Veilchen kichern"), Symbol ("rot") und Figura etymologica vor. "Die rhetorischen Figuren, die saßen dann", konstatierte der Studiendirektor befriedigt. Was solche Übungen im Einordnen für eine Sinn haben sollen, vermag wohl nur zu sagen, wer Zugang zur himmlischen Germanistik hat. Deren Entfernung von den Schülern darf als maximal angenommen werden. Der irdischen sei die Schule als Gegenstand einer liebenden Zuwendung dringend empfohlen. Jürgen Kaube

Text: F.A.Z., 22.09.2010, Nr. 220 / Seite N5

Kommentar von Jürgen Kaube








22.09.2010Online-Redaktion
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