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Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus

Erzählung

Am 13. Februar 1943 war es, als Friedrich Christian Delius als Sohn seiner kriegsbedingt im Ausland weilenden Familie in Rom geboren wurde. Nach baldiger Rückkehr und kurzzeitiger Ansiedlung in der Heimat der Mutter in Mecklenburg verzog die Familie nach Hessen. In der Kleinstadt Wehrda wuchs er unter dem prägenden Einfluss seines als Pfarrer tätigen Vaters auf, dessen Person und Wirkung immer wieder wichtige Impulse für das Schreiben literarischer Texte sein sollten.

Das Anschreiben gegen den „Verwalter des Wortes Gottes“, aber auch andere Themen seiner lakonischen Gedichte ließen ihn unverhofft in einer Lyrikanthologie zwischen Paul Celan und Hans Magnus Enzensberger erscheinen, ein früher literarischer Erfolg, der Delius jedoch nicht zum Leben als freier Schriftsteller verführen konnte.


Ab 1963 in (West-)Berlin lebend, studierte er vorerst Germanistik, promovierte über das Thema „Der Held und sein Wetter“ und pflegte die Vorstellung von einer späteren Beschäftigung als Redakteur oder Lektor. Diese kam dann 1970 im Wagenbach-Verlag zustande, nach Mitbegründung des Rotbuch-Verlages setzte er seine Lektorentätigkeit dort bis 1978 fort, um dann endgültig das Schreiben zum Beruf zu machen. Nachdem er die ersten Jahre seiner freien Schriftstellertätigkeit in Nimwegen/Niederlande und in Bielefeld verbrachte, zog es ihn 1984 nach Berlin zurück. Trotz Studiums und beruflichen Engagements entstand seit Mitte der sechziger Jahre eine Vielzahl literarischer Texte der verschiedenen Genres - bekannt wurde Delius in den siebziger Jahren jedoch durch eine seiner Dokumentarsatiren ( Unsere Siemens-Welt, 1972) und ihre unerwartete Wirkung. War hier schon das Bemühen des Autors spürbar, „einen Platz mit Sprache zu behaupten“, gelang ihm dieses Ansinnen mit dem ersten Teil seiner Triologie zum deutschen Herbst 1977 ( Ein Held der inneren Sicherheit, 1981) in einer Art und Weise, die für sein weiteres Prosaschaffen bestimmend werden sollte - die Darstellung eines öffentlichen Ereignisses, gebrochen an der Subjektivität eines Einzelnen. Davon zeugen auch seine Erzählungen aus den neunziger Jahren, in denen er sich neben der eigenen Biographie insbesondere mit deutsch-deutscher Geschichte der jüngsten Vergangenheit auseinandersetzt.

U.a. erschienen:

1991 Die Birnen von Ribbeck

1994 Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde

1995 Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus

1999 Flatterzunge

Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus

Oft ist es wohl schon strapaziert worden, das Bild vom Schriftsteller, der seine Sujets auf der Straße findet - im Falle von Friedrich Christian Delius und seiner Erzählung aus dem Jahre 1995 kommt man nicht umhin, es erneut zu tun. Es ist der 18. April des Jahres 1992, als er in der Ostsee-Zeitung in einer Reportage mit dem Titel „Über die Ostsee nach Italien“ die Geschichte der eigenwilligen (Aus-)Reise eines sächsischen Kellners über die Ostsee und dessen skurrile, da freiwillige Rückkehr in die DDR liest. Fasziniert von diesem Mann, dem Rostocker Klaus Müller (Jg. 1941), seiner Idee und vor allem deren Umsetzung, macht Delius diesen nach Monaten ausfindig, lässt sich seine ausführliche Geschichte auf Tonband diktieren, um diese dann als distanzierter Chronist literarisch aufzuarbeiten.

Wie schon in seinen „Birnen von Ribbeck“, mit denen er dem Leser „die ersten (sauren) literarischen Früchte der Maueröffnung vor die Füße rollte“, versucht er, sich jüngster deutsch-deutscher Geschichte über ein individuelles Schicksal zu nähern, das in seiner Absurdität Fragen und Antworten über das Typische provoziert. Der reiselustige Kellner gehört durchaus in die Tradition literarischer Schelme, deren anscheinend widervernünftiges Handeln die Unvernunft politischer Systeme zu erkennen gibt. Die im Jahre 1803 in Form fiktiver Briefe unter dem Titel „Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802“ veröffentlichten Aufzeichnungen Johann Gottfried Seumes (geb. 1763 in Poserna/Sachsen - gest. 1810 in Teplitz/Böhmen) über eine für damalige Verhältnisse eigenwillige wie gewagte Fußreise nach Italien sind wohl zu Unrecht nur wenig bekannt. Das mag unter anderem auch daran liegen, dass er im Gegensatz zur Vielzahl anderer Bildungsreisender aus adeligen oder bürgerlichen Kreisen, die das Ideal der Antike und des freien, sinnlichen Lebens suchten und für sich (er-)fanden, ausgerechnet die italienische Wirklichkeit mit ihren sozialen und politischen Missständen erkundete und später nüchtern-realistisch wiedergab.

Einer, der auf den verschlungenen und mitunter seltsamen Wegen der schulischen Annäherung an Literatur dieses Werk Seumes nicht nur kennen, sondern auch in außergewöhnlichem Maße schätzen gelernt hat, ist der Protagonist der Erzählung „Spaziergang von Rostock nach Syrakus“ - der ehemalige Maschinenschlosser und praktizierende Gelegenheitskellner Paul Gompitz. Als Sachse an der Ostsee lebend und mit den Merkmalen eines „abgestürzten Intellektuellen“ behaftet, fasst dieser in der „Mitte seines Lebens“ im Jahre 1981 den paradoxen Entschluss, sein geregeltes Dasein als vom staatlichen Buchhandel versorgter Lehnstuhlreisender aufzugeben, „dem Fernweh endlich nachzugeben und das Land, um bleiben zu können, einmal zu verlassen“.

Nach dem absehbaren Scheitern aller legalen Möglichkeiten zur Beantragung einer Bildungsreise nach Italien noch immer ein guter DDR-Bürger, macht er sich für die Vorbereitung und Durchführung des nun ins Auge gefassten Grenzdurchbruchs einen Fünfjahrplan und geht zügig an dessen Umsetzung: Trinkgelder in Valuta werden gesammelt, vergraben und mühselig in den Westen geschmuggelt, eine Segeljolle wird angeschafft, auf Hiddensee stationiert und aufwendig getarnt, sportlicher Ehrgeiz wird entwickelt und zu Perfektion ausgebaut, der Fluchtweg und vermeintliche Hindernisse werden genauestens erkundet. Im Gegensatz zur damit verbundenen Verschwiegenheit des kauzigen Gastronomen zeigt der Autor gerade in diesem Handlungsabschnitt große Fabulierlust, erzählt - trotz mancher Andeutung rückblickender Allwissenheit - zumeist aus dessen Blickwinkel umfangreich und detailliert, mit welchem real existierenden Aberwitz er bei der Planerfüllung zu kämpfen hat und wie er den Plan auf landesübliche Weise um zwei Jahre überschreitet. Mit Verspätung ist es dann endlich soweit, die nächtliche Flucht von Hiddensee über die Ostsee in Richtung Dänemark beginnt und gelingt, der Weg nach Italien ist frei. Der „goldene Westen“ aber leuchtet längst nicht so, wie es dortige Werbung glauben machen will oder östliche Träume verheißen haben. Gompitz führt jetzt zwar ein im westlichen Selbstverständnis freies, in der persönlichen Wahrnehmung jedoch unstetes und unbefriedigendes Leben. Trotz umfangreicher Bemühungen kommt er in mehrfachem Sinne nicht an, Ernüchterung drängt ihn bald, die so nahe Fremde wieder zu verlassen. Die Ruhe- und Rastlosigkeit übertragen sich auch auf die Erfüllung des langgehegten Traumes, die Reise auf den Spuren Seumes nach Italien. Über die Stationen Venedig, Rom, Neapel bis nach Syrakus verlaufend, erfahren die Ereignisse jetzt nicht nur eine zunehmende Beschleunigung, sondern in der Mitteilung über Briefe an die Ehefrau Helga zugleich eine deutliche Verknappung. Schützen anfänglich noch Erinnerungen an Entstehung und Verinnerlichung die Italienbilder im Kopf des eiligen Wanderers, so müssen diese bald Blessuren und Korrekturen ertragen, überlagert sie zunehmend Heimweh.

Nur allzu schnell ist der italienische Traum ausgeträumt, drängt es Gompitz heimwärts. Einer Flucht gleich nimmt die Rückkehr hastig ihren Lauf, bald schon findet die Einsamkeit des Langstreckenläufers ein Ende. Kommt ein anderer Heimkehrer in der Literatur, der Eisenbahner Abs, Uwe Johnsons Querdenker, aus den „Mutmaßungen über Jacob“ dreißig Jahre zuvor am Morgen seiner Rückkehr noch auf den Gleisen um, so findet die Rückkehr des Ausreißers bei Delius ein fast friedliches Ende. Gompitz, das Strafmaß für die „einfache Republikflucht“ schon im Kopf, empfängt zu seinem Erstaunen nicht die unnachgiebige Härte der mit Schild und Schwert bewaffneten Organe - nach milden Verhören mit Anflügen von Verständnis folgen lediglich eine kurze Untersuchungshaft und ein Aufenthalt im Wiedereingliederungslager, dann die völlig unerwartete Entlassung ins gewohnte Arbeitsleben. Keine Kleistsche Katastrophe, wie die Eröffnung der Erzählung hatte erwarten lassen, tritt ein - an ihrem Schluss kommt die hinterfragenswerte Ambivalenz des Titels richtig zum Tragen, kulminiert im Happyend der Unernst eines angeschlagenen System.

Nur zu deutlich stehen Akribie und Akkuratesse der persönlichen Vorbereitungen des Reisenden sowie die vermeintliche Leichtigkeit der Grenzgängerei im Widerspruch zur Halbherzigkeit staatlichen Handelns und politischen Ohnmacht, die ihm nach seiner Rückkehr begegnen. Wie schon in Texten zuvor provoziert der Autor Fragen an Geschichte über Geschichten. Indem sich die Satire dieser Geschichten als Bestandteil der Realität entpuppt und sich damit als poetisches Verfahren selbst aufhebt, erreicht diese Kunstform einen hohen Grad an Authentizität. Schwejk lebt, um so mehr, da baldige Umbrüche sich abzeichnen. Ironie der Geschichte - wer zu spät reist, den bestraft das Leben.





Literaturtipp - Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus

Friedrich Christian Delius, Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus, Rowohlt-Verlag, Reinbek, 1995




27.05.2004Ralf Langer
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