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Filmbesprechung: Die Akte Kleist

Heinrich von Kleist und Henriette Vogel logierten vor ihrem gemeinsamen Selbstmord in „Stimmings Krug“, einem Gasthof am Berliner Wannsee. Niemand kam auf die Idee, dass dieses Paar sich umbringen wollte …

 

 


 … , so heiter und gelassen seien sie gewesen. Sie speisten fröhlich, schrieben nachts auf ihren Zimmern Briefe, waren am Morgen ihres Todes vergnügt, gingen zum See und ließen sich sogar Kaffee und Tisch und Stühle ans Ufer bringen.

 

Der Film „Die Akte Kleist“ wagt den Versuch, die letzten Stunden vor dem spektakulären Selbstmord nachzuzeichnen. In einer ausführlichen Filmbesprechung wird die inhaltliche Struktur und die künstlerische Umsetzung vorgestellt.

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Filmbesprechung: Die Akte Kleist

“Kleist ist der heute am meisten gespielte Dramatiker auf deutschen Bühnen.” Diesen Satz sagt der bekannte Theaterregisseur Claus Peymann zu Beginn des Films über Heinrich von Kleist. Kleist selbst erlebte keine Aufführung seiner Dramen. Es dauerte fast 100 Jahre, bis er nach langer Verkennung als einer der genialsten Dramatiker und Erzähler wieder entdeckt wurde.

Heinrich von Kleist wurde nur 34 Jahre alt. Er starb am 21. November 1811 am Kleinen Wannsee bei Berlin. Die Umstände seines Todes sind bis heute mysteriös. Warum starb Kleist so jung? Warum führte sein Tod zu einem Skandal? Warum verstört und fasziniert uns das noch heute? Und: Warum wird dieser Autor heute so oft auf deutschen Bühnen gespielt?

Die Dokumentation Die Akte Kleist  (2010) führt über diese Fragen immer wieder zu der Kernfrage: Wer war Heinrich von Kleist?, und gibt darauf vielfältige Antworten.

Ausgehend vom letzten Tag im Leben Kleists, den er mit seiner Freundin Henriette Vogel in einem Gasthof am Kleinen Wannsee bei Berlin verbringt, wird sein Leben aufgerollt. Diese letzten 25 Stunden im Leben des Paares, werden in Form eines Spielfilms präsentiert, mit hervorragenden Schauspielern, die die Empfindsamkeit Kleists und Henriette Vogels mit Poesie und Zartheit zum Ausdruck bringen. Ergänzt wird die szenische Darstellung durch Berichte, Erläuterungen und zeitgenössische Protokolle zum Geschehen um den Tod des Paares. Die Spielfilmsequenzen bilden den Rahmen des Films und strukturieren zugleich die Betrachtung von Kleists Biografie und Persönlichkeit.

Im Zentrum des Films steht die Diskussion um das Wechselspiel zwischen Kleists Werken, seiner brüchigen, persönlichen Situation und dem Chaos der nachrevolutionären Zeit in Europa, dem sich Kleist hoffnungslos ausgeliefert fühlte. Der Film setzt sich mit Kleists Herkunft, Kindheit und Jugend auseinander und rekonstruiert seinen beruflichen Werdegang im militärischen Preußen. Die jagenden Reisen Kleists quer durch Europa werden auf Straßenkarten gezeigt, die wie verworrene blutrote Spinnweben aussehen. In moderner Übertragung fährt eine Filmkamera mit rasender Geschwindigkeit über Schnellstraßen und Autobahnen und durch endlose Tunnels. Mit dem Auge der Kamera wird der Zuschauer zu einem rasenden Kleist.

Der Film erläutert die Zeitumstände nach der Französischen Revolution, besonders die für Kleist verstörende Lage Preußens unter der Besatzung Napoleons und er bringt uns Kleists Beziehung zu den drei wichtigsten Frauen in seinem Leben nahe: Zu seiner Verlobten Wilhelmine von Zenge, zu seiner Schwester Ulrike, und ganz besonders zu Henriette Vogel, die er in einem Brief sein “liebes süßes Leben”, seine “Hoffnung”, seinen “Cherubin und Seraph” nennt, und mit der er gemeinsam in den  frühen Tod geht.

Um sich Kleists Persönlichkeit zu nähern, greifen die Kommentatoren des Films auf die biografischen und historischen Fakten zurück. Gleich am Anfang wird auf das einzige Porträt verwiesen, das wir von Kleist besitzen. Es zeigt einen schüchternen jungen Mann, von dem aus anderen Quellen bekannt ist, dass er ein ängstlicher, stotternder, leicht reizbarer, aber auch sensibler und zurückhaltender Mensch war. Diese Charakterzüge werden im Film immer wieder als Grundlage für den Lebensweg und das dichterische Schaffen Kleists herangezogen.

Kleist verfasste sein gesamtes Werk innerhalb von zehn Jahren, d.h. er muss immerzu, auch auf seinen rastlosen Reisen, geschrieben haben. Diese Rastlosigkeit und sein ununterbrochenes Schreiben werden als Ausdruck von äußerem und innerem Getriebensein interpretiert. Die Wirren und Kriege nach dem Ende der Französischen Revolution, besonders der Sieg Napoleons über Preußen und die Besatzung unter den Franzosen, werden als Ursache der Entwurzelung Kleists gesehen. Die Enttäuschung seiner Freiheitsideale nach der Französischen Revolution, die ihn in ein Chaos von Selbstzweifeln stürzte, wird mit seinen zahlreichen Briefen und späteren Erzählungen und Bühnenstücken belegt.

Kleists Bruch mit seiner Herkunft wird mit seinem Abscheu gegen das Militär begründet, besonders gegen die preußische Armee, in die er mit 14 Jahren eintrat und über die er schrieb, dass er dort “töten gelernt” habe. Das Urteil über Kleists Beziehungen zu Frauen fällt unterschiedlich aus. Claus Peymann nennt die Beziehung zu Wilhelmine und Ulrike “Gefühlsterror”, weil Kleist die beiden Frauen gefühlsmäßig und materiell ausgenutzt habe: Wilhelmine, indem er sie in seinen täglichen Briefen zu belehren und zu erziehen versuchte, und Ulrike, von der er dauernd Geld verlangte. Die Beziehung zu Henriette Vogel dagegen wird als Seelenverwandtschaft dargestellt.

Kleists Traum von der Einfachheit bäuerlich-archaischer Lebensweise und seine Suche nach Frieden und Glück in der schweizerischen Natur werden auf seine maßlose Enttäuschung zurückgeführt, die er angesichts der Frivolität des gesellschaftlichen Lebens im nachrevolutionären Paris empfand. Seine Todessehnsucht rühre von der Zerrüttung seiner Nerven sowie einer inneren Zerrissenheit  her, die sich in seiner Ziellosigkeit (Aufenthalt in Weimar, Heimkehr nach Preußen), seiner Wurzellosigkeit (Rückkehr in den preußischen Staatsdienst), seiner Haltlosigkeit (er dient sich Frankreich an) und seiner dichterischen Erfolglosigkeit (unter Goethes Leitung wird Der zerbrochne Krug ein Misserfolg) zeige.

Doch als endgültiger Auslöser für den totalen Verlust seiner Orientierung in der Welt wird Preußens Niederlage gegen Napoleon bei Jena und Auerstedt herangezogen. Frankreich  wurde zum Feind. Diese Tatsache machte Kleist nach Ansicht der Kommentatoren vom Anhänger des revolutionären Frankreichs zum unversöhnlichen Franzosenhasser. “War Kleist ein Terrorist, ein Dschihad-Kämpfer?”, fragt Peymann angesichts der “rasenden Gedichte”, die Kleist über die Franzosen schrieb. Unter Spionageverdacht wurde Kleist in Frankreich gefangen genommen, aber bald wieder freigelassen. Seine wechselnden Namens- und Ortswechsel werfen Fragen auf: War er wirklich ein Spion? Wurde er beobachtet?

“Kleist findet keinen Ort auf dieser Welt, er ist unbeschreiblich einsam, er führt ein Ersatzleben”, sagt Peymann. “Unser Glück”, urteilt Peymann weiter, “der ständige Bruch in Kleists Leben führt zu atemberaubender Aktualität in Kleists Sprache und Figurenführung, seine Figuren gehen an den Rand der Existenz, sind rasende Wahnsinnige, Träumer. Sein Käthchen liebt am Rande des Wahnsinns und  ist tödlich in seiner Entscheidung; seine Penthesilea sagt: ‚Ich fresse dich auf, so liebe ich dich‘; sein Prinz von Homburg ist zerrissen zwischen Militarismus und Selbsterfüllung; sein Richter Adam in Der zerbrochne Krug ist ein Monstrum.” Peymann vergleicht die Sprache und die Figurenführung Kleists mit denjenigen Shakespeares. “Unsprechbar sind Kleists Stücke zu seiner und zu Goethes Zeit”, nimmt Peymann Goethe in Schutz. “Goethe will Verklärung”, sagt er, “Kleist wütet”.

“Ich passe nicht unter die Menschen”, resigniert Kleist nach seiner Rückkehr nach Berlin, finanziell und moralisch vernichtet durch die Zensur seiner “Berliner Abendblätter”. Die Familie distanziert sich endgültig von ihm.

 

Am 21. November jährte sich der Todestag Kleists zum 200. Mal. Erneut wurde und wird die Frage diskutiert, ob sein Tod Selbstmord oder Mord war, ob er ein Skandal war oder nicht. Vielleicht wird auch erneut diskutiert, ob der Obduktionsbericht, der Kleist zum “sanguinischen Choleriker im Endstadium hypochondrischer Anfälle” machte, Bestand hat oder nicht. Ob Kleist weiterhin pathologisiert wird, wie die einen sagen – oder ob er sich “rechtzeitig davongemacht” hat, wie Peymann sagt, denn “Genies verbrennen früh.”

Gestaltung des Films

Die Spielfilmsequenzen zeigen den Todestag, die letzten 25 Stunden des Paares. Alexander Beyer als Heinrich von Kleist bringt die Zartheit, aber auch die innere Verstörtheit, die Kleist charakterisiert, mit großer Intensität und Behutsamkeit zum Ausdruck. Meret Becker als Henriette Vogel wirkt spielerisch, leicht, zärtlich: zwei großartige Schauspieler, die sehr einfühlsam die schwebende Stimmung zwischen den beiden Protagonisten erfassen. Der Eindruck der Unwirklichkeit wird in starkem Maß durch die Farbgestaltung des Films erzeugt. Er ist in sehr intensiven Grautönen gehalten und arbeitet mit Licht- und Schatteneffekten. Ein weiteres filmisches Mittel, das die Realität des Ortes aufhebt, ist der Einschub von gemalten Bildern. So wird z.B. das Gasthaus, in dem Kleist und Henriette Vogel ihre letzte Lebensnacht und ihren letzten Lebenstag verbringen, als Aquarellzeichnung gezeigt. Die Todesumstände des Paares werden teilweise mit Fakten untermauert, z.B. mit Auszügen aus amtlichen Protokollen, teilweise aber auch mit Fragen versehen, die den Zuschauer zu detektivischen Nachforschungen anregen.

Die Kommentare und Berichte zu Leben und gesellschaftlicher Gegenwart Kleists werden sehr pointiert auf die Kernfrage bezogen. Der Film referiert aber auch provokante Fragen: “War Kleist ein Terrorist?”. Oder er stellt die Frage nach der Spionagetätigkeit Kleists, eine Frage, die einerseits zur Interpretation seiner Haltung zu Preußen und Frankreich und den Werten seiner Zeit auffordert, andererseits aber auch auf die ungeklärten Todesumstände verweist.

Die eingespielten Szenen aus historischen Filmen geben die Atmosphäre des preußischen (und zeitgenössischen) Militärs wieder, weniger Informationen zu Ereignissen.

Sehr eindrucksvoll werden Kleists Reisen mit roter Markierung der Straßen und in mitreißend rasanten Autofahrten nachgezeichnet. Kleists Werke werden den einzelnen Reisestationen  zugeordnet – das filmische Resultat ist eine dichte Verwebung von Kleists Reise- und Schreibprozess.

Bewertung des Films

Der Film macht auf einfühlsame Weise mit der Biografie und der Persönlichkeitsstruktur Kleists bekannt und führt zum Verständnis der Figurenführung in Kleists Werken.

Die Kommentare und Erläuterungen sind sprachlich sehr anspruchsvoll. Historische Hintergründe werden für ein allgemeines Verständnis ausreichend erläutert. Die Darstellung literaturgeschichtlicher Zusammenhänge gerät etwas knapp, z.B. wird Kleists Beziehung zu Goethe nicht vertieft. Claus Peymanns Stellungnahmen zu Kleists Werken wirken apodiktisch, enthalten aber gerade deswegen ein großes Potential für Diskussionen. Sind die Kleistschen Figuren von Shakespearescher Wucht? War die Sprache Kleists zu seiner Zeit “unsprechbar”? Konnte auch Goethe mit dieser Sprache nichts anfangen? Der Film stellt zentrale Fragen, die den Zuschauer zur kritischen Auseinandersetzung reizen.

Fazit: Ein Film, der einfühlsam, facetten- und kenntnisreich mit der Frage nach der Person Kleist umgeht und damit auf vielfältige Weise zum Verständnis des “heute meistgespielten Dramatikers auf deutschen Bühnen” beiträgt.

Brigitte Domke

Die Akte Kleist. Dokumentation 2010, 52 Min.
Buch, Regie, Schnitt: Simone Dobmeier, Hedwig Schmutte, Torsten Striegnitz
Darsteller: Alexander Beyer, Meret Becker
DVD erhältlich bei:
Lingua-Video.com, Medien GmbH, Ubierstraße 94, 53173 Bonn
Tel. 0228/ 85 46 95 0  www.lingua-video.com

 

 





Filmbesprechung: Die Akte Kleist




12.12.2011CBK Online-Redaktion, Teaser: Ursula Zierlinger
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