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Matthias Polityckis "Jenseitsnovelle"

Rezensiert von Dr. Henning Bothe: Der Liebende ist ein anderer. Die Geliebte erst recht

Dass Ich ein anderer ist, dieses Diktum des französischen Dichters Arthur Rimbaud ist ein Allerweltswort geworden. Was es heißt, wenn sich die Gewissheiten um die scheinbar festen Größen Ich und Du auflösen, erfährt in lebenserschütternder Wucht Hinrich Schepp, Hauptfigur in Matthias Polityckis 2009 erschienener Jenseitsnovelle.


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Der Liebende ist ein anderer. Die Geliebte erst recht

Matthias Polityckis Jenseitsnovelle als Liebeserklärung an die Poesie der Liebe 

Dass Ich ein anderer ist, dieses Diktum des französischen Dichters Arthur Rimbaud ist ein Allerweltswort geworden. Was es heißt, wenn sich die Gewissheiten um die scheinbar festen Größen Ich und Du auflösen, erfährt in lebenserschütternder Wucht Hinrich Schepp, Hauptfigur in Matthias Polityckis 2009 erschienener Jenseitsnovelle.

Altsinologe ist er, vom Leben gekränkt, das ihm das Ordinariat versagt hat, heimlicher Romanautor, der in seinen Werken ein anderer sein darf, Ehemann und Vater, daneben Beinaheliebhaber einer rätselhaften osteuropäischen Schönheit, der sein erotisches Scheitern literarisch camoufliert. Was er in der Aufregung um die schöne Fremde verdrängt, die eines Tages in seiner Stammkneipe erscheint und die er später dort durch virile rhetorische Ungeschicklichkeit wieder verliert, ist der Teil seines Ichs, der glücklich Liebender ist – Liebender der Frau, mit der er, der Fünfundsechzigjährige, seit dreißig Jahren verheiratet ist. Dorothee, eine, wie der Name verrät, wahrhafte Gottesgabe, auch wenn der Atheist Schepp sie lieber Doro nennt, hat seinetwegen nicht nur auf ihren klangvollen adligen Namen verzichtet, sondern auch auf  ihre Karriere als Sinologin. Ein Umstand übrigens, der auch seinen beruflichen Ambitionen Grenzen gesetzt hat: Verärgert und eifersüchtig wegen Doros Entscheidung, hat ihr Professor zu verhindern gewusst, dass ihr habilitierter Ehemann jemals eine Professur erhielt. Als Schepp sich der Stärke seiner Liebe bewusst wird, ist allerdings alles vertan: die Ehefrau, seine wahre Geliebte, ist tot. Wie nun sagt man ihr, was doch unbedingt zu sagen ist? Davon handelt die Novelle, dieses Gespräch mit einer Toten macht den Text aus. Denn als Schepp eines Morgens seine Frau tot am Schreibtisch seines Arbeitszimmers vorfindet, hat er keineswegs vor, das scheinbar Naheliegende zu tun und Arzt und Bestatter heranzurufen. Als wäre er selbst aus der Welt genommen, beginnt er seine lange beredte Art der Totenwache, eine Mischung aus Monolog und Dialog. Ja, auch Dialog. Denn die Tote ist keineswegs schweigsam. Wie schon oft zuvor hat sie eines seiner Manuskripte kommentiert, wobei sie einmal die Spuren freilegt, die er fiktional zu verwischen versucht hat, und zum anderen sich selbst dekuvriert. Dieser Kommentar ist ihre Ein- und Gegenrede. Eine völlig andere Doro tritt ihm da entgegen, eine, die ihn, den gescheiterten Betrüger, auf raffinierte Weise selbst betrogen hat, sich von ihm trennen will und mit diesen Offenbarungen ihrem Abschied durch den leiblichen Tod einen weiteren, böseren, hinzufügt.

In Polityckis dicht und klangvoll erzählter Novelle behält der Tod – so scheint es –  nicht das letzte Wort. Denn verwirrend wie in der Liebe geht es auch in der Erzählung zu. Am Schluss fragt sich der Leser, ob er der Nachtmahr eines Liebenden, getrieben aus der Verlustangst um die Geliebte, beigewohnt hat, an deren Ende ein glückliches Erwachen mit neuer Bewusstheit für die geschenkte Liebe steht, oder ob diese Realität nur Schein, nur ein neuer, diesmal überbelichteter Traum ist, mit dem die Liebe ihr Reich gegen alle Anfeindungen verteidigt. Wie auch immer man ihr Ende versteht: Diese Novelle ist eine vertrackte Liebeserklärung an die Liebe, an ihr poetisches Genie, immer wieder Gestalten zu erschaffen, in denen Spiel und Realität, Wahn und Erfahrung zu einer irritierenden Einheit finden.

Dr. Henning Bothe

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Matthias Politycki, Jenseitsnovelle. Hamburg (Hoffmann und Campe) 2009, geb., 128 S. (als Taschenbuch im Goldmann Verlag 2011).

 





Rezension: Matthias Politycki, Jenseitsnovelle (2009)




06.06.2012CBK Online-Redaktion
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