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Anna Seghers - Literatur vor Ort: Berlin-Adlershof

Literarische Spurensuche. Ein Veranstaltungsbericht

Der sonnige erste Oktobertag 2011 gestaltete sich für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer Exkursion zur Anna-Seghers-Gedenkstätte in Berlin-Adlershof gewinnbringend und kurzweilig. Bereits auf der Hinfahrt gab Frau Professor Ilse Nagelschmidt (Universität Leipzig) anschauliche Einblicke in das Schaffen der Schriftstellerin Anna Seghers.


Um das Werk der Autorin vor dem Vergessen zu bewahren, hatte Anne Kühne als Vorsitzende des sächsischen Landesverbandes diesen Ausflug initiiert. "Wer zur Kunst ein wahres Verhältnis sucht, muss immer mit einem doppelten Gefühl den großen Kunstwerken entgegentreten. Er muss sie demütig als etwas empfinden, das über seinem eigenen Können, über seinem vergänglichen Leben steht als ein Unbegreifliches.  Aber gleichzeitig muss er mit wachem Denken sich bemühen zu erfassen, wie dies Göttliche innerhalb unserer irdischen Welt entstanden ist ...", konstatierte Stefan Zweig in seinem Aufsatz "Das Geheimnis des künstlerischen Schaffens". Zweigs Wortwahl mag dem zeitgenössischen Leser ein wenig pathetisch erscheinen, an der Gültigkeit des Sachverhalts ändert dies aber nichts. In diesem Sinne erklärte Anne Kühne zum Ziel der Veranstaltung, "sich in die private Lebensumwelt von Anna Seghers hineinzuversetzen und damit einen zusätzlichen Anhaltspunkt für die Lektüre zu  finden, sowie die Autorin in ihrer ganzen Komplexheit als Schriftstellerin zu verstehen und ihrem Schaffenskontext vor Ort nachzugehen" – ein Ziel, das auf jeden Fall "spannend sein dürfte".

Wie und wo lebte diese große Erzählerin seit ihrer Rückkehr aus dem Exil? Womit umgab sie sich? Was erzählt die Facette "Lebensraum" über die Erzählerin selbst?  Seit 1947 wohnte sie in Adlershof in der ehemaligen Volkswohlstraße 81, die später nach ihr benannt wurde; und hier blieb sie.

Tatsächlich geht von den schlichten, im Originalzustand belassenen Räumen ein Zauber aus, als hätte Anna Seghers diese erst kürzlich verlassen. Sie habe jeden Besucher beschworen, beschrieb Christa Wolf 1970, die zerbrechlichen mexikanischen Tonglöckchen nicht anzufassen, die an ihrem Kachelofen im Wohnzimmer hängen. Jetzt standen wir vor jenem Kachelofen und waren angehalten, nichts anzufassen. Vieles hätte dazu verleiten können, nicht nur diese Glöckchen. Es lässt sich nicht mehr nachvollziehen, wie wichtig Anna Seghers die einzelnen Dinge waren, mit denen sie sich umgab. Die Bücher in den vorderen Regalreihen wie solche von Jorge Amado oder Christa Wolf  jedenfalls sprechen für besondere Wertschätzung. Als die Schriftstellerin von Christa Wolf 1965 einmal gefragt wurde, wo sie am liebsten arbeite, antwortete sie: "Am liebsten schreibe ich auf einem Schiff oder in einem ganz vollen Café, und das sind zwei Möglichkeiten, die es in Berlin nun mal nicht gibt ..." Die Wohnung sei ihr gleichgültig gewesen, so Anna Seghers wenige Jahre später, und dennoch hatte sie auch hier ihre Lieblingsplätze und einen Ort zum Arbeiten gefunden. Ihre individuelle Arbeitsmethode erhellt das allerdings noch nicht.

Diese durch und durch auf Zweckmäßigkeit eingerichtete Etagenwohnung mit den zahllosen Büchern steht nicht nur für eine weltoffene Leserin und produktive Schriftstellerin, sondern auch für eine – gemessen an ihrem Werk – bescheidene Persönlichkeit und Künstlerin, deren Interesse eher den Menschen und Geschehnissen als materiellen Werten galt. Es waren die Menschen in ihrer gesellschaftlichen Verflechtung mit ihren Konflikten, die sie bewegten. Menschen hat sie sich genau angesehen – und Orte. Davon zeugen ihre Werke ebenso wie von ihrer außerordentlichen Imaginationskraft.

Dass Frau Dr. Monika Melchert von der Akademie der Wissenschaften Berlin diesen Besuch außerhalb der Öffnungszeiten ermöglichte und uns mit Engagement und reichhaltiger Information sachkundig begleitete, rundete das besondere Erlebnis des Tages ab. Anna Seghers hätte vermutlich nichts dagegen gehabt, als Anne Kühne still ein weißes Tuch auf dem Küchentisch ausbreitete und zum Abschluss zu einem leckeren Imbiss einlud. Duftender Kaffee und knusprige Brötchen waren schnell aus dem mitgebrachten Korb gezaubert. Aber das Schönste war, dass sich in diesem Kontext lebhafte Gespräche zum Werk entfalten konnten. Welche Impulse die Exkursionsteilnehmerinnen und -teilnehmer für die eigene Rezeption, Vertiefung oder Vermittlung auch aus diesem Erlebnis geschöpft haben mögen – es war auf jeden Fall eine intensive Wiederbegegnung mit der großen Erzählerin.

Oktober 2011

Maria-Ilona Schellenberg


Der Veranstaltungsbericht steht als pdf-Datei zur Verfügung.  





Veranstaltungsbericht: Literatur vor Ort - Auf den Spuren von Anna Seghers

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11.11.2011CBK
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