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Orthographie in Wissenschaft, Unterricht und Gesellschaft

Zwölf Thesen der Sektion „Deutsche Orthographie in Wissenschaft, Unterricht, Gesellschaft“ auf dem Deutschen Germanistentag, Kiel 2013


1. Gründliche Kenntnisse der Orthographie des Deutschen sind ein wesentlicher Bestandteil der sprachlichen Bildung. Sie ist auf mehreren Ebenen eine wichtige Grundlage für die Handlungsfähigkeit in unserer demokratischen Gesellschaft: Orthographisches Wissen und Können ist konstitutiv für die schriftsprachliche Verständigung und das Verstehen von Texten, der Erwerb von Orthographie als Analyse, Abstraktion und Einüben in den Gebrauch von Symbolen stärkt die kognitive Entwicklung, die Auseinandersetzung mit Geschriebenem erweitert die Fähigkeit im Umgang mit sprachlicher Vielfalt und trägt damit zur Ausweitung sozialer Kompetenzen bei.

2. Angesichts aktueller Debatten über den Rechtschreibunterricht, die Unsicherheiten und Defizite offenbaren, kommt den Universitäten als Orten der Ausbildung von zukünftigen Lehrerinnen und Lehrern eine besondere Bedeutung zu. Die Hochschulen tragen Verantwortung für den Aufbau orthographischen Wissens und Könnens als zentralem Teil der sprachlichen Bildung unter Berücksichtigung der natürlichen und schulischen Lernprozesse.


3. Die Universitäten müssen deshalb für das Lehramtsstudium eine „berufsfeldbezogene Linguistik“ (weiter)entwickeln, in der die fachwissenschaftliche und fachdidaktische Ausbildung auf dem Gebiet von Orthographie im Zusammenhang mit Grammatik gestärkt wird.

4. Ein wichtiges Augenmerk sollte darauf gerichtet werden, ob die fachwissenschaftlichen Theorien und die fachdidaktischen Methoden zur Orthographie des Deutschen durch die Kriterien der Erklärungsreichweite und des Situationsbezugs zusammengehalten werden. Ein wichtiges Bindeglied ist der funktionale Nutzen der Orthographie für eine Sprachgemeinschaft.

5. Die Vielfalt der „Theorieschulen“ und Methoden erfordert eine Verankerung des Orthographieunterrichts in einer Orthographietheorie. Diese sollte die Rechtschreibung nicht in erster Linie als Regelerwerb darstellen, sondern auf die Besonderheiten der Entwicklung der deutschen Schriftsprache eingehen und Strukturen beschreiben, die zur Ableitung von Regularitäten geeignet sind.

6. Der Schriftspracherwerb umfasst den Aufbau sprachlicher Kompetenz hinsichtlich kommunikativer, epistemischer und reflexiver Funktionen. Aufgabenstellungen im Orthographieunterricht müssen sich am sinnvollen, bedeutsamen und funktionalen Schriftgebrauch der Lernenden orientieren.

7. Der Vermittlung der Orthographiegeschichte kommt in diesem Prozess die wichtige Aufgabe zu, das vorherrschende normative Bewusstsein hinsichtlich der Rechtschreibregeln aufzubrechen und Orthographie als ein kulturell bewährtes System darzustellen und zu vermitteln. Die Entwicklung der deutschen Schriftsprache eignet sich, Strukturen des Deutschen und ihre orthographisch regulären Repräsentanzen sichtbar werden zu lassen. So wird Rechtschreibung als ein kognitiv zu erarbeitendes Zeichensystem begreifbar, das geeignet ist, die strukturellen Besonderheiten der deutschen Sprache zu symbolisieren.

8. Fachwissenschaft und Fachdidaktik haben die Aufgabe, auf die Entstehung und Gestalt von Schulbüchern Einfluss zu nehmen und insbesondere darauf hinzuwirken, dass die Qualität der Orthographievermittlung in Schulbüchern den aktuellen fachlichen und fachdidaktischen Erkenntnissen entspricht. Dazu gehört die Modellierung eines Spiralcurriculums von der Anfangsphase des Schriftspracherwerbs bis zur Allgemeinen Hochschulreife. Es sollte auf Prototypen, Regularitäten und Reihenbildung hin angelegt sein und die analytischen Fähigkeiten der Lernenden fördern. Insbesondere schwache Schreiberinnen und Schreiber sind angewiesen auf eine Didaktik, die sie beim Erkennen der Systematizität der Orthographie unterstützen kann.

9. Auf der Grundlage fachlich guter Schulbücher und elektronischer Diagnoseinstrumente sowie deren theoretischen Zusammenhängen müssen Lehrerinnen und Lehrer in Fortbildungsveranstaltungen die Chance erhalten und nutzen, ihre Analyse- und Vermittlungskompetenzen im Bereich der Orthographie als Bestandteil eines systematischen sprachlichen Lernens zu stärken.

10. In der gymnasialen Oberstufe sollte im Kompetenzbereich „Sprache und Sprachgebrauch reflektieren“ eine vertiefte Reflexion über die Orthographie des Deutschen stattfinden (Orthographiegeschichte, Verhältnis von Schriftsystem und Normierung, Schreibvarianten). Damit kann der Deutschunterricht einen Beitrag dazu leisten, dass die Orthographie nicht nur als ein Regelwerk angesehen, sondern in ihrer ganzen Komplexität erfasst wird.

11. Die Wirksamkeit didaktischer Konzepte und methodischer Umsetzungen ist möglichst empirisch zu überprüfen und in ihrer Eignung für verschiedene Schülergruppen zu evaluieren, bevor die Ansätze in verbreitete Lehr-Lern-Materialien Eingang finden.

12. Da in der Forschung weiterhin Interventions- und Longitudinalstudien, die den Anforderungen der empirischen Forschung entsprechen, ein Desiderat darstellen, gehört es auch in den Aufgabenbereich der Universitäten und Hochschulen, diese Forschung zu initiieren und durchzuführen.

Dr. Gisela Beste / Prof. Dr. Jürgen Schiewe (Sektionsleitung)
Prof. Dr. Tabea Becker, Dr. Julia Bobsin, Prof. Dr. Christa Dürscheid, Renate Gross, Jun. Prof. Dr. Johanna Fay, Dr. Corinna Peschel, Anke Reichardt, Prof. Dr. Christa Röber, Prof. Dr. Claudia Schmellentin, Karsten Schmidt, Niklas Schreiber, Dr. Tilo Weber

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Die Thesen stehen als pdf-Datei zum Download zur Verfügung.





Thesen zur Rechtschreibung - Germanistentag 2013 in Kiel




14.01.2014CBK Online-Redaktion
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