Diskussionsbeitrag zum Germanistentag 2013: Was hat die Germanistik uns Heutigen noch zu sagen?

Ein Essay von Dr. Wolfgang Rzehak

"Was hat die Germanistik über die Beschäftigung mit den Grundlagen der Sprache, mit der Interpretation überlieferter Formen des Schreibens und deren Denkstrukturen hinaus uns Heutigen noch zu sagen?"

Der Essay des baden-württembergischen Landesvorsitzenden wurde aus einem Aufsatz für Heft 2/2012 der Mitteilungen des Deutschen Germanistenverbandes ausgegliedert und soll als Diskussionsgrundlage für weitergehende Überlegungen im Rahmen des Germanistentages 2013 dienen. Er befasst sich mit "zwei gegenläufigen Paradigmen, zwei Herangehensweisen, in deren Spannungsfeld sich auch die gegenwärtige Germanistik verhalten und entscheiden muss" (Mark-Georg Dehrmann, Gesellschaft für Hochschulgermanistik).

Alle Mitglieder des Fachverbandes sind aufgerufen, sich mit einem eigenen Diskussionsbeitrag zu beteiligen: Es geht um die Positionierung der Germanistik „in Forschung, Studium, Schule und Gesellschaft" für das 21. Jahrhundert!

Senden Sie Ihre Beiträge bitte an die Online-Redaktion: RedakOnCBK@t-online.de  

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Der Essay von Wolfgang Rzehak steht auch als pdf-Datei zur Verfügung.

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Über die Zukunft der Germanistik neu nachdenken.
Der Streit Wilamowitz–Nietzsche und die Folgen

von Wolfgang Rzehak

Im Vorwort zu Heft 1/2012 der Mitteilungen wird von den Herausgebern auf Wilamowitz-Moellendorff als dem Ahnherrn aller, insbesondere der klassischen Philologie rekurriert. Dadurch rückt  – noch einmal – der Streit mit Nietzsche in den Vordergrund, bei dem es – oberflächlich betrachtet – um eine Replik auf dessen unmittelbar zuvor erschienene "Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik" ging. Der eigentliche Anwurf reicht aber viel tiefer: Wilamowitz ging es exemplarisch um die Herausbildung eines Ideals von Wissenschaftlichkeit, dem das etwas kompilatorische erste große Werk Nietzsches diametral entgegenstand. Gleichzeitig markierte die Auseinandersetzung nicht nur den Beginn von Wilamowitz' wissenschaftlicher Karriere, sondern beförderte sie recht eigentlich erst. Sein Konkurrent, das vielversprechende junge Genie Nietzsche ging aus dieser Auseinandersetzung als Verlierer hervor und war – als Wissenschaftler – danach kaum mehr satisfaktionsfähig.

Unter Umgehung der sonst üblichen Formalitäten von Promotion und Habilitation war der erst vierundzwanzigjährige Nietzsche durch Fürsprache seines Lehrers Ritschl auf eine außerplanmäßige Professur berufen worden, die ein Jahr später in ein Ordinariat umgewandelt werden sollte. 1872 war die erste Ausgabe der "Geburt der Tragödie" erschienen. Die Reaktion: eisiges Schweigen; die gelehrte Welt zeigte sich pikiert.  Der junge Wilamowitz, dieselbe strenge Schulpforta zu Naumburg durchlaufen wie Nietzsche und eben frisch promoviert, nutzte die Gunst der Stunde und fiel mit einem zweiunddreißigseitigen Pamphlet mit dem Titel "Zukunftsphilologie! Eine Erwiderung auf Friedrich Nietzsches Geburt der Tragödie" über Nietzsche her.[1]

Wilamowitz greift darin nicht nur Nietzsches philosophische Konzeption, sondern vor allem dessen philologische Kenntnisse an. Besonders betroffen musste sich Nietzsche fühlen von dem Vorwurf Wilamowitz', er habe Winckelmann nicht gelesen bzw. nicht verstanden. Umgekehrt ist bezeichnend, dass Wilamowitz sich dem neuen, revolutionären Griechenbild, das Nietzsche entworfen hatte, komplett verweigerte. Im Gegensatz zum klassischen Paradigma eines Goethe oder Schiller fragt Nietzsche nämlich, inwiefern die alten Griechen es nötig hatten, aus der Einsicht in den dionysischen Urgrund heraus sich in den appollinischen Schein zu retten. Der Provokation nicht genug. Im fünften Abschnitt der "Geburt der Tragödie" konstatiert Nietzsche: "[...] nur als aesthetisches Phänomen ist das Dasein und die Welt ewig gerechtfertigt [...]"[2]

Der zweiten Ausgabe der "Geburt der Tragödie" von 1886 hatte Nietzsche dann ein Vorwort vorangestellt. In diesem "Versuch einer Selbstkritik" bemerkte Nietzsche, relativierend, dass das "Problem der Wissenschaft nicht auf dem Boden der Wissenschaft erkannt werden" könne.[3] Und die Vorbemerkungen schließen mit dem Bekenntnis, woran sich dieses "verwegene" Buch zum ersten Mal überhaupt herangewagt habe: "[...] Die Wissenschaft unter der Optik des Künstlers zu sehen, die Kunst aber unter der des Lebens...."[4]

Zu diesem Zeitpunkt zeichnet sich bereits eine völlig andere Auffassung von Wissenschaft ab. Wissenschaft, wie Nietzsche sie versteht, stellt nicht nur historisch überlieferte Wahrheiten, sondern die Wissenschaftssprache selbst in Frage. In der berühmten Schrift "Über Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne" aus den "Nachgelassenen Schriften" heißt es: "An dem Bau der Begriffe arbeitet ursprünglich, wie wir sahen, die ,Sprache', in späteren Zeiten die 'Wissenschaft'."[5]

Nach der Niederlage gegen Wilamowitz flüchtete sich Nietzsche – und das kam seinem Einzelgängertum entgegen – in die Rolle des Zeitkritikers. In den "Unzeitgemäßen Betrachtungen" gerierte er sich als der quasi von außen beobachtende Diagnostiker zeitgenössischer Verfallstendenzen. Die einzelnen Titel der "Unzeitgemäßen Betrachtungen" sind Programm: In "Schopenhauer als Erzieher" wird dem philiströsen Alltagsmenschen der geniale Denker gegenübergestellt, der infolge seines Andersseins allerdings Gefahr läuft, den Kontakt zu seinen Mitmenschen zu verlieren. Schopenhauer als Vorbild für die deutsche Jugend fungiert als Typus einer zukünftigen Kultur des Deutschen, wohingegen David Friedrich Strauß als Negativbeispiel für den Typus einer niedergehenden Kultur herhalten muss. Abgesehen davon, dass Nietzsches Angriffe meist persönlich vorgetragen, aber exemplarisch gemeint waren, arbeitete er an "David Strauß. Der Bekenner und der Schriftsteller" den Typus des Bildungsphilisters heraus, der sein Leben im Gestus seiner rückschauend-behäbigen Gebildetheit im Sammeln und Sichten  vergangener geistiger Taten zubringt.[6]

Auch das Geschichtsdenken seiner Zeitgenossen, die Geschichte als Vollendung und Zweck alles bisher Geschehenen betrachten, wird von Nietzsche scharf kritisiert. In der zweiten "Unzeitgemäßen Betrachtung" "Vom Nutzen und Nachteil der Historie" gibt der Zusatz: "für das Leben" die intendierte Zielrichtung vor. Mit Blick auf den zeitgenössischen Wissenschaftsbetrieb sieht Nietzsche das ausgewogene Verhältnis von Wissen und Handeln gefährdet. Aufgrund der ungesteuerten Ansammlung einer "ungeheuren Menge von unverdaulichen Wissenssteinen"[7] verliere das historische Wissen seine Funktion, dem Leben zu dienen.

Nietzsche hatte die Zeitsymptomatik zum ersten Mal am Zustand und Treiben der klassischen Philologie, sozusagen am eigenen Leibe zu spüren bekommen. Den "Betrieb" hatte er in Basel quasi von innen kennengelernt, seinem unzeitgemäßen Geist musste sich diese Art von wissenschaftlichem Denken zwangsläufig als "Fabrik" darstellen. Nietzsche beschreibt dies am Ende des siebten Abschnitts seiner Historienschrift: "So verhalten sich häufig Philologen und Griechen zueinander: Sie gehen sich gar nichts an."[8] Schließlich musste sich Nietzsche eingestehen, dass die wissenschaftliche Methode über die Wissenschaft und ihr ursprüngliches Ideal, welches nicht zuletzt ein Bildungsideal war, den Sieg davongetragen hatte.

Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff reüssierte derweil als Wissenschaftler und klassischer Philologe. Mit seinen Editionsprojekten, der Erneuerung der Textkritik und Textinterpretation avancierte er als Wissenschaftler, welcher der klassischen Philologie bis ins 20. Jahrhundert hinein, auch international, den Weg zum Leitbild eines Wissenschaftsideals ebnete, das sich vor allem auf empirische Daten und Fakten stützte. Als großer Wissenschaftsorganisator und führender Vertreter seines Faches, schließlich als Präsident der Preußischen Akademie der Wissenschaften nahm er Einfluss auf das preußische Bildungswesen, insbesondere auf die Praxis von Berufungen im Wissenschaftsbetrieb.

Auf diesem Hintergrund erweist sich das Vorwort Nietzsches zu seiner Schrift "Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben" als nachgerade pathetisch, prophetisch, trotzig-resignierend – eben: unzeitgemäß: "So viel muss ich mir aber selbst von Berufs wegen als classischer Philologe zugestehen dürfen: denn ich wüsste nicht, was die classische Philologie in unserer Zeit für einen Sinn hätte, wenn nicht den, in ihr unzeitgemäss – das heisst gegen die Zeit und dadurch auf die Zeit und hoffentlich zu Gunsten einer kommenden Zeit – zu wirken."[9]

Fast will es scheinen, als habe hier ein Paradigmenwechsel stattgefunden – ähnlich folgenreich  wie der in der Antike, welcher letztlich zu einer Aufspaltung des Sophismus in Rhetorik und Philosophie führte. Bekanntlich hatte Sokrates, gerade in der Auseinandersetzung mit den Sophisten, die sich der Wirkung der Sprache und ihres Bedeutungspotentials durchaus bewusst waren, die vorhandenen Begriffe einem streng deduktiv-ableitenden Fragegestus unterzogen: Als Platon die Akademie gegründet hatte, war die Spaltung bereits vollzogen. Während die Rhetorik sich auf dem Hintergrund der demokratisch verfassten Polis als Redekunst etablierte, orientierte sich die Philosophie weg von den Marktplätzen und begab sich, wie der Name philo-sòphia nahelegt, fortan auf die Suche nach der reinen Wahrheit.

Der Streit zwischen Nietzsche und Wilamowitz scheint in der Wissenschaftsgeschichte, im engeren Sinne der Philologie – nachträglich – einen ähnlichen Wechsel zu markieren: Die Philologie, und damit auch die Germanistik geriet zu einer reinen Text- und Interpretationswissenschaft mit all ihren synchron-diachronischen Implikationen und hermeneutisch-dekonstruktivistischen Ansätzen, während die Zeit-und Kulturkritik mittlerweile in die Feuilletons abgewandert zu sein scheint.[10] Der Rest, und das ist alles, was in den Medien so tagtäglich aufgewärmt, effektvoll verstärkt, vermarktet und in den allabendlichen Talkshows zum x-ten Male wiedergekäut und fast zu Tode gequatscht wird, ist "bullshit".[11]

***

Aus diesem Befund ergeben sich eine Reihe von Fragen, die in mehrerlei Hinsicht interessant sind und einige Brisanz bergen.

 

Wie verhält sich Philologie heute, insbesondere die Germanistik zu ihrem Gegenstand? Hat sie sich zu einer rein editions- und textkritischen, gar philiströsen Angelegenheit entwickelt? Hat sie in irgendeiner Form noch einen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten?

 

Es wird hier nicht einer "Fröhlichen Wissenschaft" à la Nietzsche das Wort geredet, aber die Frage darf und muss neu gestellt werden: Was hat die Germanistik über die Beschäftigung mit den Grundlagen der Sprache, mit der Interpretation überlieferter Formen des Schreibens und deren Denkstrukturen hinaus uns Heutigen noch zu sagen? 

Wolfgang Rzehak (Landesverband Baden-Württemberg)



[1]  Friedrich Nietzsche, Sämtliche Werke. Kritische Ausgabe in 15 Bänden [KSA]. Hg. v. Giorgio Colli u. Mazzino Montinari. Berlin, New York 1980; hier: KSA I, S. 47.
[2]
  Zur Genealogie und zum Verlauf des Nietzsche-Wilamowitz-Streits, siehe: Claus Langbehn, Metaphysik der Erfahrungen. Würzburg 2005, S. 12 ff.
[3]  Vgl.: KSA I, S. 13.
[4]  KSA I, S. 14.
[5]  KSA I, S. 886.
[6]  Vgl.: KSA I, S. 193-242.
[7]  KSA I, S. 272.
[8]  KSA I, S. 293.
[9]  KSA I, S. 247.
[10]
Ein Beispiel für eine eher selten gewordene gute Zeitkritik auf unsere Gesellschaft, die im "Rhythmus von Livetickern  und Talkshowdramen" langsam aber sicher ihren Geist aufzugeben droht, liefert Reinhard Mohn: "Eine Nation verblödet." In: Cicero 11 (2011), S. 128-133.
Gleichzeitig wird Kritik an der zunehmenden Mediokrität in der Kultur geübt. Siehe: Matthias Politycki, "Der Wille zum Mittelmaß. So viel Quotenterror war nie in der Kultur. Alles klingt gleich, schmeckt gleich, sieht gleich aus. Ein Plädoyer für das Unverwechselbare." In: Die Zeit, Nr. 47, November 2011, S. 69.
[11]
Vgl. Harry G. Frankfurt, On Bullshit. New York (Princeton University Press)  2005 (dt. Bullshit. Aus dem Amerikanischen v. Michael Bischoff. Frankfurt a.M. 2006). Vgl. dazu auch: Uwe Justus Wenzel, "Wenn die Balken sich biegen. Über Nutzen und Nachteil der Lüge in der Politik." 14. Oktober 2006, 02.44, NZZ Online (aufgerufen am 06.11.11 unter: http://www.nzz.ch/2006/10/14/fe/articleEKKQ8.html).



Über die Zukunft der Germanistik neu nachdenken

Deutscher Germanistentag 2013: Aktuelle Informationen (Stand 01.12.2011)

Germanistentag 2013


17.06.2012CBK Online-RedaktionLV Baden-Württemberg

Georg Büchner 1813-1837

Der Geburtstag Georg Büchners jährte sich am 17. Oktober 2013 zum 200. Mal. Aus diesem Anlass verlinkt der "Fachverband Deutsch" auf den hörens- und lesenswerten Essay der Berliner Publizistin und Dramaturgin Friederike Biron: "Das Flugblatt als Seismograf. Der ewige Zeitgenosse Georg Büchner", gesendet am 13.10.2013 im Deutschlandfunk (Reihe: Essay und Diskurs).


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Diskussionsbeiträge zum Germanistentag 2013

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Artikel Arbeitsgruppentagung Arbeitsgruppentagung "Positionspapier" am 16. Februar 2013

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