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Von der Schule an die Front - Der Erste Weltkrieg in der Literatur

Tagungsbericht zur Fortbildungsveranstaltung 2014 des LV Hessen

Der Landesverband Hessen im Deutschen Germanistenverband schaltete sich mit einer Fortbildungsveranstaltung an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in die aktuelle Diskussion um den Ersten Weltkrieg ein. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie sich die Literatur der Zeit mit diesem Krieg auseinandersetzte, welche Wirkung sie hatte und wie sich der rezeptionsgeschichtliche Kontext bis heute darstellt. Fokussiert wurden die Kinder- und Jugendliteratur, die Kriegslyrik, die Überarbeitungschronik von Ernst Jüngers Kriegsbuch „In Stahlgewittern“ und die Diskussion um Erich Maria Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“.


Wie hat man sich im Ersten Weltkrieg an Kinder und Jugendliche gewandt? In seinem Vortrag Wie Kinder und Jugendliche den Ersten Weltkrieg erlebten: Kriegskindheit und -jugend im Spiegel der Kinder- und Jugendliteratur erläuterte Prof. Dr. Hans Heino Ewers (Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt), wie über die Kinder- und Jugendliteratur massive "Bewusstseinsbildung" betrieben wurde. Entsprechende Titel erschienen in enormer Geschwindigkeit seit Ausbruch des Krieges. Hatte sich im 19. Jahrhundert in der Folge der Aufklärung eine Autonomisierung der Kindheit entwickelt, so sei dies mit Kriegsbeginn beendet worden und Kinder und Jugendliche seien komplett in die "eiserne" Zeit eingepasst worden. Prof. Ewers kommentierte eine umfangreiche Zusammenstellung charakteristischer Kinderbücher:

  • Kriegsbilderbücher mit karikaturistischer, verharmlosender Tendenz
  • Soldaten- und Schlachtenbilderbücher, die Kinder über modernes Kriegsgerät aufklärten und sie in Heimataktionen einband
  • Kindheit, Jugend und Familie im Krieg in realistischen Kindererzählungen
  • Schüler- und Kindertagebücher
  • Schüler- und Gymnasiastenromane
  • Soldaten- und Schlachtenliteratur
  • Literatur für Mädchen aus bürgerlichem Hause

Kinder sollten begreifen, nicht geschont werden. Der Kriegsalltag, Schule und Erlebniswelt der Kinder werden in diesen Büchern thematisiert. Die Tendenz sei eindeutig eine Instrumentalisierung der Kinder in Bezug auf eine patriotisch-chauvinistische Einstellung.

Antikriegsliteratur habe in Deutschland lange Zeit kaum eine Möglichkeit gehabt, publiziert und rezipiert zu werden. Bis auf eine kurze Phase am Ende der Weimarer Republik sei die große Resonanz von Autoren wie Remarque, Glaeser oder Arnold Zweig erst nach dem Zweiten Weltkrieg möglich geworden. In Frankreich oder Italien habe diese Literatur dagegen immer eine große Relevanz gehabt.

Wie existentiell das Thema Krieg, speziell auch der Erste Weltkrieg, in der aktuellen Literatur heute noch ist, ließe sich mit hervorragenden – ausländischen wie deutschen  – Neuerscheinungen des ausgehenden 20. und des frühen 21. Jahrhunderts beweisen. In einer dezidierten inhaltlichen und formalen Übersicht vermittelte Prof. Ewers seine Einschätzung dieser Kriegsjugendromane.

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Ernst Jüngers Kriegsbuch "In Stahlgewittern" dürfte wohl das bekannteste und umstrittenste literarische Werk zum Ersten Weltkrieg sein. Prof. Helmut Kiesel (Universität Heidelberg) hat in einer Synopse die zu Lebzeiten Jüngers erschienenen sieben Fassungen der "Stahlgewitter" herausgegeben. In seinem Vortrag Ernst Jüngers Kriegsbuch "In Stahlgewittern": Entstehung – Fassungen – Rezeption reflektierte er den Entstehungs- und Überarbeitungsprozess und die erkennbaren Differenzen. "In Stahlgewittern" sei von Anfang an ein Kriegstagebuch gewesen, eine Mischung von Stichworten  und ausformulierten erzählerischen Texten. Jüngers Einstellung zum Krieg sei eindeutig positiv gewesen: Der Krieg als Vater aller Dinge, eine produktive Kraft! Bereits in der erhaltenen Urschrift sei deutlich, dass Jünger keine Sprachschwierigkeiten, keine Sprachnot gehabt habe. In der ersten Druckausgabe sei das umfangreiche Manuskript stark gekürzt worden. Auch die Vertextungsarbeit sei deutlich, da das Tagebuch schwerpunktmäßig gegliedert worden sei, nicht der historischen Reihenfolge entsprechend. Formal handle es sich um ein Egodokument, in der Ich-Form geschrieben mit hohem Authentizitätsgehalt, eindeutig ein Bericht und kein Roman. Die Sprache sei sehr gewählt, pathetisch und angereichert mit Zitaten aus der literarischen Klassik. Inhaltlich sei Jüngers Kriegsbuch charakterisiert durch eine distanzierte, kühle Beobachtung des Kriegsgeschehens, keine emotionale Betroffenheit, das Bekenntnis zum Töten, die Heroisierung der Kämpfenden – alles herausgenommen, was auf innere Schwäche deute.

Während seines langen Lebens habe Jünger zwölf Überarbeitungen des ursprünglichen Manuskripts geleistet, wovon sieben veröffentlicht wurden. Die Textvarianz sei signifikant, und im Paralleldruck könne man alle Veränderungen nachlesen und auch die damit verbundene Reflexion nachvollziehen. So zeige sich im Vergleich zur ersten Ausgabe von 1920, dass die zweite von 1922 stilistisch, die Ausgabe von 1924 aber deutlich politisch-nationalistisch überarbeitet worden sei. 1934 sei eine entpolitisierende  Fassung erschienen, während diese 1935 lediglich stilistisch redigiert worden sei. 1961 dann habe Jünger in seinem Text einen ethisch-humanistischen Schwerpunkt herausgearbeitet. Diese Fassung sei in der letzten Ausgabe 1978 noch einmal stilistisch verändert worden.

In einer solchen vergleichenden Analyse zeige sich Jünger als eine höchst interessante historisch-politische Figur. Ebenso aufschlussreich sei es, die kontroverse Rezeption zu verfolgen, die Jüngers Buch einerseits als nationalistisch und kriegstreiberisch, andererseits  aber auch als pazifistisch eingeschätzt habe. Zeitgenossen hätten Jünger pazifistisch gelesen. Das Problem im Umgang mit Jünger spiegele sich vielleicht am deutlichsten im Urteil Paul Levis: Eine furchtbarere Anklage sei kaum möglich, obwohl der Autor dem Krieg positiv gegenüber stehe.

Ernst Jünger: In Stahlgewittern. Historisch-kritische Ausgabe. Hg. Von Helmut Kiesel. Klett-Cotta, 2014

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Im anschließenden Vortrag "Endlich die Wahrheit über den Krieg!" Erich Maria Remarques "Im Westen nichts Neues" als Kulminationspunkt der Diskussion um den Ersten Weltkrieg in der Weimarer Republik" setzte sich Dr. Thomas F. Schneider (Erich Maria Remarque-Friedenszentrum Osnabrück) mit der Publikation des Werkes, zehn Jahre nach dem Ende des Krieges, auseinander. Diese Zeitspanne habe es gebraucht, bis in Deutschland eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Krieg möglich gewesen sei. Das "alte" Kriegsbild (s. Jünger) sei zwar schon während des Krieges durch die neue Erfahrung der Materialschlachten und Stellungskriege modifiziert worden, aber literarisch nicht öffentlich verhandelbar gewesen. Nach dem Krieg sei im Gegenteil Literatur nachgefragt worden, die den Krieg ideologisch überhöht, sogar die innovative Kraft des Krieges verherrlicht habe: Der Mensch als selbstbestimmter Kämpfer, der die neue Technisierung bewältigt! Diese Literatur habe enorme Schützenhilfe geleistet bei der Verdrängung der Niederlage, die Leiden und Tod letztlich sinnlos habe erscheinen lassen. Nicht der Krieg, der Friede sei kritisiert worden. Kriegsbejahende oder verherrlichende Texte, die sich vor allem auf die Westfront konzentrierten, hätten den Markt dominiert, Antikriegsliteratur sei verpönt gewesen. Erst seit 1922/23 habe eine polare Diskussion eingesetzt, die sich zum Ende der 20er Jahre zugespitzt habe. In diesem Klima veröffentlichte der Ullstein-Verlag 1928, verbunden mit einer gewaltigen Marketingkampagne, Remarques "Im Westen nichts Neues". Mit dem Roman habe Remarque schon 1917 begonnen und erst 1927 fortgesetzt. Drei Fassungen seien vom Verlag verworfen worden, bis Remarque seine explizite Kriegskritik und allzu negative Charakteristika handelnder, kriegstragender Figuren gemildert habe. Zum Erfolg habe auch beigetragen, dass in einer weiteren Ausgabe der Sex and Crime-Anteil erhöht und zudem Remarque zu der Versicherung gedrängt worden sei, dass seine Erlebnisse authentisch seien, also Wahrheit, was nicht der Wahrheit entsprochen habe. Der Roman sei zum schnellsten und größten Erfolg des deutschen Buchmarktes geworden und habe zu Beginn eine umfassende Zustimmung gefunden – Wahrheit über den Krieg! Allerdings hätten die linken und rechten Parteien gegen das Buch mobil gemacht und nach dem Bekanntwerden der wahren Biografie Remarques habe kaum jemand das Buch noch positiv beurteilt. Niemals habe dabei eine Interpretation nach literarischen Kriterien stattgefunden. Die "neue" nationalistisch geprägte Sichtweise, die Krieg und Kameradschaft in einer übersteigerten Wertigkeit propagierte, habe sich weitgehend durchgesetzt und die Verfilmung skandalisiert. Während der NS-Herrschaft wurde das Werk verboten und scharf bekämpft.

Im Kontext der Veröffentlichung – Marketing, Geschichte der Kriegsliteratur, Biografie Remarques und adversative Rezeption – sei heute eine erweiterte Interpretation möglich.

Nachzulesen ist dieser historisch-politische Kontext in einer neuen Ausgabe:

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues: Hg. von Thomas F. Schneider. Kiepenheuer & Witsch. 2013.

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Der letzte Beitrag Verse vom Schlachtfeld – Lyrik als literarische Reaktion auf den Ersten Weltkrieg – fokussierte die lyrische Reflexion der meist selbst erlebten Kampfereignisse. Diese Gedichte seien sofort oder zeitnah zum Geschehen entstanden. Herr Dr. Jörn Münkner (Universität Kassel) stellte in einem breiten Spektrum bereits arrivierte ältere und blutjunge Autoren mit den unterschiedlichsten inhaltlichen und formalen Schwerpunkten vor. Die Lyrik sei zur wichtigsten Form der Auseinandersetzung während des Krieges geworden.

Man könne von einer poetischen Mobilmachung sprechen, da – geschätzt – pro Tag fünfzigtausend Gedichte geschrieben worden seien: Kriegsbegeisterung, Trauer, Kritik, Wahnsinn, Entsetzen, apokalyptischer Schrecken – die inhaltliche Spannweite sei gewaltig gewesen. Im Formalen werde diese Vielfalt gespiegelt in der Verwendung konventioneller lyrischer Muster bis hin zum Brechen aller Regeln. Grundsätzlich könne man drei Tendenzen diagnostizieren:

  • strenge Form --> Ausgleich für den Sinnverlust
  • kühle Darstellung des Fatalen bis hin zu komischer Groteske --> Krieg = indifferente Tötungsmaschine
  • Sprengen jeder Sprachkonvention --> visuelles Erschließen apokalyptischer Erlebnisse

In einem Exkurs verwies Herr Dr. Münkner auf die Malerei, in der die experimentellen Formen des Expressionismus parallel zur Literatur entwickelt worden seien.

Im Fazit seien Leiden und Kämpfe in der Lyrik in den verschiedensten Formaten bewusst, „erfahrbar” gemacht worden. Die Wirkung sei allerdings kritisch zu sehen. Viele Gedichte seien im Bezug auf die Realität pseudolyrisch verblasen, die Monstrosität des Krieges werde in den Hintergrund gerückt. Auf der anderen Seite stehe aber eine qualitativ hervorragende Lyrik, die innovativ für die literarische Entwicklung im 20. Jahrhundert war, auf einem hohen dialektischen Reflexionsniveau über die Möglichkeiten einer humanen, vernunftorientierten Welt.

Im Unterricht sollte der Erste Weltkrieg den Schülern bekannt gemacht worden sein, so dass die Spannung zwischen Krieg und Kunst in ihrem Wechselverhältnis erfasst werden kann und auch aktuelle Bezüge möglich sind.

Ursula Zierlinger  (LV Hessen des Fachverbands Deutsch im Deutschen Germanistenverband)




Von der Schule an die Front - Der Erste Weltkrieg in der Literatur - Einladung und Programm




02.09.2014CBK Online-Redaktion
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