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Mirjam Pressler erhält die Buber-Rosenzweig-Medaille

Am 3. März 2013 wurde die Autorin im Rahmen der Kasseler Eröffnungsveranstaltung der christlich-jüdischen "Woche der Brüderlichkeit" mit der Buber-Rosenzweig-Medaille ausgezeichnet.

Mirjam Pressler

Mirjam Pressler (geb. 1940) gehört zu den bedeutendsten Schriftstellerinnen und Übersetzerinnen der letzten Jahre in Deutschland. Ihre Romane wurden mehrfach prämiert und leiteten einen Paradigmenwechsel innerhalb der deutschsprachigen Kinder- und Jugendliteratur ein.


1981 debütierte sie mit ihrem Roman Bitterschokolade, der zu den Klassikern der problemorientierten Mädchenliteratur gehört und bis heute nichts an Aktualität verloren hat. Eines der zentralen Themen ihres literarischen Schaffens, die zerrüttete Kindheit, findet bereits in diesem Roman seinen Platz. Pressler definierte sich ganz im Sinne des kinder- und jugendliterarischen Verständnisses der 1970er Jahre als Anwältin der Kinder und Jugendlichen und machte auf deren Sorgen und Ängste aufmerksam. Romane wie Kratzer im Lack oder Stolperschritte gehören in diesen Zusammenhang. 

Doch Mirjam Pressler erweitert das Spektrum um die zeitgeschichtliche Kinder- und Jugendliteratur und setzt hier ebenfalls neue Akzente. In Novemberkatzen beschreibt sie das Leben des Mädchens Ilse in den 1950er Jahren: Die Nachkriegszeit ist spürbar, Ilses Vater hat die Familie verlassen und Ilse leidet unter der Kälte der Mutter und der Armut. Sie flüchtet sich immer wieder zu ihren Großeltern aufs Land.

Ein weiteres Thema, das Pressler seit Jahrzehnten begleitet, ist die Shoah. Sie übersetzte das Tagebuch der Anne Frank ins Deutsche und beschrieb, wie Kinder den Nationalsozialismus, die Shoah und die Zeit nach Kriegsende erlebten. Hier sind es vor allem ihre Romane Malka Mai, Ein Buch für Hanna und Die Zeit der schlafenden Hunde, die das Besondere der Autorin zeigen. In Malka Mai schildert sie die Flucht des Mädchens Malka, das von seiner Mutter zurückgelassen wird. Malka verliert nach und nach ihre Sprache, aber auch ihre Kindheit. In Zeit der schlafenden Hunde greift Pressler die Verarbeitung der NS-Zeit innerhalb einer Familie auf, in der viel ver- und geschwiegen wurde. Erst die Enkelgeneration wagt es Fragen zu stellen und nach Antworten zu suchen, die schmerzhaft sind. Mit ihrer nuancierten Darstellung verzichtet Pressler auf schlichte Schwarz-Weiß-Malerei.
 

Wiederholt kehrt sie in ihren Romanen zu jüdischen Themen zurück, übersetzt Werke aus dem Hebräischen und zwar sowohl für Kinder und Jugendliche als auch für Erwachsene. Pressler schafft es zudem, immer wieder zu überraschen. Besonders gelungen sind ihre Adaptionen der Weltliteratur, etwa Lessings Nathan, der Weise, Meyrinks Golem und Shakespeares Kaufmann von Venedig. Pressler interpretierte und gestaltete diese Klassiker für Jugendliche neu und veröffentlichte sie unter folgenden Titeln: Nathan und seine Kinder, Golem, stiller Bruder und Shylocks Tochter

Neben der jüdischen Perspektive, der Darstellung jüdischer Geschichte und Tradition, ist es vor allem die weibliche Perspektive, die die Adaptionen Nathan und seine Kinder und Shylocks Tochter kennzeichnet. Frauenfiguren bleiben sowohl bei Lessing als auch bei Shakespeare im Hintergrund, nicht so bei Mirjam Pressler. In Nathan und seine Kinder modifiziert die Autorin das Ende: Anders als in Lessings Drama wird Nathan im Roman ermordet. Wer der Täter ist, bleibt unklar. Einerseits könnte man das Ende so deuten, dass Pressler Nathans Idee von Toleranz, Vernunft und Verantwortung gescheitert sieht. Andererseits, auch das könnte gezeigt werden, endet der Roman hoffnungsvoll mit Recha als Stimme einer neuen Generation.

Pressler gehört darüber hinaus zu den wichtigsten Übersetzerinnen hebräischer und niederländischer (Kinder- und Jugend-)Literatur in Deutschland. Auch hier zeigt sie eine Sensibilität für Sprache und Themen, die überzeugt und begeistert. Ihr ist es zu verdanken, dass Namen wie Peter van Gestel, Els Beerten, Aharon Appelfeld, Aliza Olmert, aber auch die Kriminalschriftstellerinnnen Shulamit Lapid und Batya Gur mittlerweile in der deutschen Literaturlandschaft bekannt sind.

Jana Mikota

 





Mirjam Pressler erhält die Buber-Rosenzweig-Medaille




10.04.2013CBK Online-Redaktion
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