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Deutscher Jugendliteraturpreis 2013 - Jugendbuch

Nominierungen in der Sparte „Jugendbuch”

Die diesjährige Nominierungsliste zeichnet sich durch beeindruckende Vielfalt aus. Ähnlich wie die Kinderliteratur greift auch die Jugendliteratur die Frage nach Interkulturalität auf und zeigt, wie unterschiedlich und schwierig das Heranwachsen junger Menschen in der Adoleszenzphase sein kann. Neben anderen wird mit Méto eine französische Dystopie vorgestellt, die sich vor allem vom US-amerikanischen Genre deutlich abhebt.


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Yves Grevet: Méto. Das Haus. Aus dem Französischen von Stephanie Singh. München (dtv) 2012.

Knacks! Das Geräusch ist kaum hörbar und weckt doch alle auf. Wir halten den Atem an und warten. Die Stille ist beängstigend.

Mit diesen Sätzen beginnt der erste Teil einer Trilogie, die in Frankreich zum Bestseller und 2013 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert wurde. Die Fortsetzungen sind bereits erschienen. Nicht nur optisch unterscheidet sich Méto. Das Haus von den Dystopien, die den Literaturmarkt überschwemmen: Der Autor zeichnet das drastische Bild einer Adoleszenz in totalitären Regimen nach, intertextuelle Bezüge zu japanischer Literatur wie Kazuo Ishiguro oder zum britischen Klassiker William Golding liegen nahe. Yves Grevet lässt den Leser im Unklaren, in welcher Welt er seine Geschichte ansiedelt: Es ist eine Welt, in der Grausamkeiten regieren. Méto, der Ich-Erzähler, lebt mit anderen Jungen in einem Haus, abgeschottet von der Umwelt. Er erinnert sich, ähnlich wie seine Freunde, nicht an die Vergangenheit. Frauen oder Mädchen kommen nicht vor, Begriffe wie Mutter, Vater oder Geschwister sind den Jungen, die übrigens alle – mit Ausnahme von Méto –  lateinische Namen tragen, unbekannt. Das Leben in einer Familie kennen sie nicht und auch Gefühle wie Liebe sind ihnen nicht vertraut. Allein das macht schon die Atmosphäre des Hauses bedrückend. Doch dabei bleibt es nicht: Das Leben der Kinder und Jugendlichen ist straff organisiert, sie werden beobachtet und drastisch bestraft, wenn sie sich den Regeln widersetzen. Sind die Jungen dann zu groß – als Indiz dient das Zusammenbrechen des Bettes –, verschwinden sie spurlos und niemand kennt ihre Zukunft. Widerspruch gibt es nicht, fürchten die Jungen doch die Strafen. Die Vorschriften sind brutal, erscheinen oftmals unsinnig und schüren damit Angst und Misstrauen.

Es ist eine düstere Welt, die uns der Autor präsentiert. Die Jungen werden nicht gefördert und sind geistig unterentwickelt Auch der Sprachstil der Erzählung ist eher einfach. Er wirkt nüchtern, emotionslos und verzichtet ganz auf sprachliche Finessen. Man erfährt im Laufe der Geschichte nicht, warum alle Jungen lateinische Namen tragen, Méto eine Ausnahme bildet und die Wärter nur Caesar 1, 2 und 3 genannt werden. Während die sprachliche Nüchternheit durchaus überzeugt, bleiben die Charaktere blass und selbst der Ich-Erzähler überzeugt nicht. Er ist sportlich und alle beachten ihn, aber zugleich wirkt er, so tadellos wie er ist, fast schon langweilig. Wie schon andere Dystopien greift auch Méto. Das Haus die Idee auf, dass Wissen Macht bedeutet: Erst als Méto immer mehr Wissen erlangt, beginnt er das System zu hinterfragen.

Der erste Teil der Trilogie lässt viele Fragen offen, die hoffentlich in den Fortsetzungen aufgeklärt werden. Klar ist, dass Métos Kampf erst begonnen hat.

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Tamta Melaschwili: Abzählen. Aus dem Georgischen von Natia Mikeladse-Bachsoliani. Zürich (Unionsverlag) 2012.

Sag ich: Da stinkt was. Ich bleibe stehen. Sagt Ninzo: Ja, es stinkt wirklich. Sag ich: Es kommt aus der Schlucht. Wir schauen uns an.

Abzählen, das deutet bereits das Zitat an, ist aufgrund seiner Erzählweise ungewöhnlich, und auch die Thematik des Romans ist nicht einfach. Vielleicht gehört er gerade deswegen zu den bemerkenswertesten literarischen Texten des Jahres 2012 und ist, obwohl keine originäre Jugendliteratur, für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

Tamta Melaschwili beschreibt in ihrem preisgekrönten Debütroman, wie die beiden Teenagermädchen Ninzo und Ketewan, genannt Zknapi, den Krieg und die Nachkriegszeit erleben. Es werden drei Tage aus ihrem Leben geschildert, die deutlich machen, was es heißt, die Pubertät in einer vom Krieg erschütterten Konfliktzone erleben zu müssen.

Konfliktzone Mittwoch – so lautet die Überschrift des ersten Kapitels – und schon ist man mitten in einer Szenerie, die aus armen Kindern, verletzten und verkrüppelten Männern und Frauen besteht. Geschildert wird dies alles aus der Sicht der 13-jährigen Zknapi, die ihr Leben in kurzen, nüchternen Sätzen umreißt. Zknapi durchstreift mit ihrer Freundin Ninzo einsame Wälder und verlassene Häuser, die Szenerie ist düster und trotz der georgischen Namen nicht immer einfach zu verorten.

Das Leben der Mädchen ist ganz anders als das gleichaltriger in westeuropäischen Ländern: Sie sind zwar noch Kinder, doch kommen ihnen viele erwachsene Aufgaben zu. Ninzo pflegt ihre alte Oma, Zknapi muss Babynahrung auftreiben, da ihre Mutter das Geschwisterkind nicht mehr stillen kann. Die beiden Mädchen unterstützen sich bei alldem gegenseitig und versuchen nebenbei auch etwas zu leben: Die eine flirtet, die andere raucht …

Ein Roman, der sich durch einen besonderen, geradezu rasanten Erzählstil auszeichnet. Der Text besteht fast ausschließlich aus wörtlicher Rede, die jedoch nicht durch Anführungszeichen gekennzeichnet wird. Die Dialoge sind kurz, der Ton jugendlich und manchmal vulgär. Die kurzen Sätze, die harten Wechsel zwischen den Dialogen lassen eine schnelle Lesart zu und unterstreichen die Gehetztheit der beiden Protagonistinnen, die kaum zur Ruhe kommen.

Abzählen ist ein wichtiger Roman voller Sprachkraft und frei von Sentimentalitäten.

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Susan Kreller: Elefanten sieht man nicht. Hamburg (Carlsen) 2012.

Elefanten sieht man nicht gehört zu jenen Romanen, die man nicht vergisst: Keine leichte Kost, die uns die deutschsprachige Autorin in ihrem Erstlingswerk anbietet!

Im Mittelpunkt steht die 13-jährige Mascha, die ihre Sommerferien wie jedes Jahr im Haus ihrer Großeltern verbringt, die in einer eher langweiligen Vorstadtsiedlung leben. Hier ist alles sauber und gepflegt und jeder kennt jeden. Das Leben ist klar geordnet: Der Tag ist festen Regeln unterworfen, denen sich auch Mascha fügen muss. Das Privatleben wird geachtet und Unruhe wird bestraft. Eines Tages lernt Mascha, die sich immer einsamer fühlt und kaum Kontakt zu Gleichaltrigen aufbauen kann, die neunjährige Julia und ihren siebenjährigen Bruder Max auf dem Spielplatz kennen. Max ist dick, andere Kinder hänseln ihn und Julia greift ab und zu ein. Die Kinder reden nicht viel, doch langsam kommen sich Julia und Mascha näher und hören gemeinsam Musik. Mascha merkt jedoch, dass mit den Geschwistern etwas nicht stimmt. Sie entdeckt blaue Flecken und Verletzungen, die Julia schnell versteckt. Sie fragt ihre Großeltern, doch diese winken nur ab und möchten weder über die Geschwister noch über ihre Familie reden. Als Mascha dann zufällig am Haus der Kinder entlang schlendert, hört sie Schreie und beobachtet, wie Max von seinem Vater, einem angesehenen Geschäftsmann, geschlagen wird. Damit zeigt die Autorin Kinder als doppelte Opfer: Einerseits wird Max aufgrund seines Äußeren zum Außenseiter und Mobbingopfer, andererseits wird er von seinem Vater, der ihn eigentlich schützen sollte, geschlagen. Weder er noch Julia erfahren im Elternhaus Geborgenheit.

Doch Maschas Großeltern und die anderen Nachbarn schweigen weiter, obwohl Blicke andeuten, dass sie sehr wohl ahnen, wie die Kinder und ihre Mutter gequält werden. Zu handeln wäre eine Einmischung in die Privatsphäre und davor schrecken alle in der spießigen Siedlung zurück. Mascha aber handelt und versteckt die Kinder in einem Haus, das sie zufällig entdeckt hat. Sie erbaut sich ein Lügenkonstrukt, das nach und nach zu zerbrechen droht …

Wann darf man sich in die Privatsphäre anderer einmischen und wann nicht? Diese Frage stellt sich Mascha, die Ich-Erzählerin, und entschließt sich zu handeln:

Die Sache, die im blauen Haus passiert ist, hat mir viele böse Blicke und meinen Vater beschert. Die Blicke blieben bis zum Ende der Ferien, aber mein Vater ist schon nach zwei Stunden wieder abgereist.

Mit diesem Satz reflektiert Mascha ihr Handeln und zugleich ist dies der Beginn der Erzählung, die in Rückblenden die Geschichte entfaltet und Maschas Beweggründe erläutert. Mascha, deren Mutter früh verstorben ist, hat von ihrem Vater gelernt, sich für andere Menschen einzusetzen. Und genau das tut sie, auch wenn ihr Eingreifen zu spontan und zu unüberlegt ist: Sie versteckt die Geschwister, um sie vor den Schlägen zu schützen und klagt so die Siedlungsbewohner an, die nichts tun, wegschauen und lieber schweigend ihr Leben genießen. Der Roman zeigt, dass Gewalt gegen Kinder nicht nur in sozialen Brennpunkten vorkommt, sondern auch in angesehenen und gut situierten Familien. Zugleich spiegelt sich im Verhalten bzw. im Nichthandeln der Erwachsenen ihr Versuch wider, ihre „heile” Welt zu bewahren.

Besonders eindrucksvoll sind die Beschreibungen der Siedlung: Starre und Langeweile sind deutlich zu spüren. Und zugleich gelingt es der Autorin mit diesen Beschreibungen, die Beweggründe des Nichthandelns und des Schweigens anzudeuten. Der Roman moralisiert nicht, sondern lässt Raum zum Nachdenken. Als Beispiel für die eindringliche und dichte Erzählweise der Autorin sei Julia zitiert, die berichtet, wie sie mental den Schlägen des Vaters ausweicht:

Na, so eben. Ich bin einfach nicht da. Wenn Papa mich haut, suche ich mir einen Punkt an der Wand aus, und den schaue ich dann die ganze Zeit an. Ich stelle mir vor, dass ich ganz woanders bin, und das geht, ich bin immer irgendwie woanders, wenn Papa seinen Anfall hat. Ich merke nichts mehr, ich bin gar nicht mehr da.

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Rolf Lappert: Pampa blues. München (Hanser) 2012.

ICH HASSE MEIN LEBEN. In drei Jahren werde ich zwanzig, das ist die Hälfte von vierzig.

Mit diesen Sätzen beginnt der Roman Pampa blues, der ebenfalls für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert wurde. Rolf Lappert dürfte vielen als Autor von Drehbüchern und Romanen für Erwachsene bekannt sein. Pampa blues ist sein erster Jugendroman.

Im Mittelpunkt der Geschichte, die nur wenige Tage spielt, steht Ben, 16 Jahre alt. Er lebt bei seinem Großvater Karl, den er pflegt, in dem kleinen Dorf Wingroden. Dieser Ortsname ist ein Anagramm für „Nirgendwo”. Und genau das charakterisiert das Dorf besonders gut. Fast alle Menschen sind in größere Städte gezogen, es gibt keine Arbeit und die übriggebliebenen Dorfbewohner – fast ausschließlich Männer – fristen ein trostloses Dasein: Ihr Leben ist durch Langeweile und Armut geprägt. Ben träumt davon, in einem VW-Bus nach Afrika zu reisen und so der Einöde zu entkommen. Seine Mutter, eine Jazzsängerin, tourt durch Europa und kümmert sich kaum um ihren Sohn. Doch eines Tages kommt Bewegung in die Ödnis, denn die Dorfbewohner sehen Ufos und nur Ben weiß, dass dies eine letzte Aktion des wohlhabenden Maslow ist, um den Ort zu retten. Als dann Lena auftaucht, glaubt Maslow, dass sie eine Reporterin sei, die über das Dorf und seine Ufos berichten möchte. Als nun noch ein Mord passiert, ist das Chaos perfekt …

Die Sprache des Romans Pampa blues spiegelt die Ödnis des Dorfes wider: Ben erlebt nichts, wiederholt oftmals das, was er bereits erzählt hat. Mit ihm wird eine Figur entworfen, die vielen Lesern und Leserinnen aus anderen Jugend- und Adoleszenzromanen bekannt sein dürfte. Auch Ben ist klug und doch schafft er es nicht, sich aus seiner Situation zu befreien. Er kann seinen Großvater nicht verlassen. Ben ist sicherlich die stärkste und eindruckvollste Person in diesem Roman, der als Ganzes jedoch nicht immer überzeugen kann. Ben schildert seine Gedanken, aber auch seinen Frust und gerade das macht ihn zu einem überzeugenden Ich-Erzähler, dem man mit einer gewissen Distanz folgt. Als Lena in seinem Leben auftaucht, verliebt er sich zum ersten Mal und blüht auf.

Insgesamt ist Pampa blues eine langsam erzählte Geschichte, die nach und nach rasanter wird und schließlich zu überraschenden Wendungen führt. Es ist eine Geschichte über Bens Liebe zu seinem Großvater und über die Verantwortung, die er mutig trägt. Der Roman schildert anschaulich die ländliche Ödnis, die so ganz anders ist als die romantische Sicht auf das Landleben, wie sie neuerdings in Zeitschriften wie Landlust propagiert wird

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Craig Silvey: Wer hat Angst vor Jasper Jones? Aus dem Englischen von Bettina Münch. Reinbek (Rowohlt Taschenbuch) 2012. 

Der (Jugend-)Roman Wer hat Angst vor Jasper Jones? ist so beeindruckend und spannend, dass man ihn kaum aus der Hand legen kann. Ungewöhnlich ist er auch, weil er ein Jahrzehnt schildert, das in der Jugendliteratur wenig beachtet wird, und zugleich in einer australischen Kleinstadt angesiedelt ist.

Den Mittelpunkt der Geschichte bildet der 13-jährige Charlie, der zwischen Kindheit und Jugend steht, ein Leben mit Literatur führt und in der Kleinstadt kaum auffällt. Doch eines Nachts besucht ihn Jasper Jones, das Enfant terrible der Stadt: Sohn einer Aborigine und eines Weißen, im Jahr 1965 also ein Außenseiter, der von der weißen, bürgerlichen Gesellschaft gemieden wird. Jasper Jones strahlt etwas Gefährliches aus und doch ist er nach dem Tod seiner Mutter ein einsamer Junge, der keine Freunde hat und von seinem alkoholabhängigen Vater geschlagen wird. Trotzdem schafft er es allen zu trotzen.

„Jasper Jones ist an mein Fenster gekommen.” Mit dieser knappen Feststellung setzt der Roman ein und macht deutlich, dass Charlie, der Ich-Erzähler, und Jasper Jones keineswegs Freunde sind. Dennoch bittet er Charlie um Hilfe, führt ihn zu einer Lichtung im Busch und zur Leiche seiner Freundin Laura. Die Umstände ihres Todes sind unklar, Jasper Jones glaubt an Mord und möchte Laura rasch beerdigen, da er ahnt, dass er verantwortlich gemacht werden wird. Charlie hilft ihm und verstrickt sich immer mehr in die geheimnisvolle Geschichte. Nach dieser Nacht verändert er sich, betrachtet die Kleinstadt mit den Augen eines Jugendlichen und sieht den Rassismus der Weißen. Er erkennt, wie verlogen und brutal die Gesellschaft handelt und Fremde ausgrenzt. Nach und nach kommt er dem Geheimnis um Laura näher und ihm wird klar, wie unglücklich seine Eltern sind. Am Ende der Geschichte ist nichts mehr so wie am Anfang.

Der Roman ist nicht nur recht umfangreich, sondern weist auch zahlreiche Nebenhandlungen auf. Es ist ein überraschender Roman, der auf allen Ebenen überzeugt und sich aufgrund seiner Komplexität nicht nur an leseerfahrene Jugendliche, sondern auch an Erwachsene wendet. Seine Erzählweise erinnert an US-amerikanische Romane, in denen nicht nur die kleinbürgerliche Gesellschaft, sondern auch der Rassismus und die Doppelmoral der Erwachsenen kritisiert werden. Der Roman spielt im Jahr 1965: Es herrscht immer noch Krieg in Vietnam, auch australische Soldaten kämpfen dort. Charlies bester Freund Jeffrey und seine Eltern, die aus Vietnam stammen, werden ausgegrenzt, schikaniert und für den Tod von Soldaten verantwortlich gemacht. Charlie zeigt sich schockiert, wie leichtfertig Erwachsene gewalttätig werden und betrügen.

Die Figuren und auch die Nebenfiguren überzeugen – dies hebt den Roman von vielen aktuellen Jugendromanen ab und zu Recht ist er für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Charlie, Jasper, Jeffrey und Eliza sind ungewöhnliche Jugendliche, die vor allem gegen die Welt der Erwachsenen, aber auch gegen Jugendliche kämpfen müssen. Immer wieder widersetzen sie sich. Die Jungenfiguren dürften auch männliche Leser überzeugen: Sport und Comics prägen die Handlungsstruktur: Stundenlang reden Jeffrey und Charlie über Sport. Und immer wieder denken sie über Superhelden nach, fragen sich, ob Batman oder Superman stärker ist und klären am Ende selbst diese durchaus schwierige Frage. Und dann ist da noch die Literatur, die Charlie oftmals die Antworten liefert, die er von den Erwachsenen nicht bekommt.

Wer hat Angst vor Jasper Jones? ist ein thematisch und sprachlich anspruchsvoller Roman mit offenem Ende und reichlich Deutungsspielraum.

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Christian Frascella: Meine Schwester ist eine Mönchsrobbe. Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki. Frankfurt a.M. (Frankfurter Verlagsanstalt) 2012. 

Meine Schwester ist eine Mönchsrobbe wird aus der Sicht eines siebzehnjährigen Ich-Erzählers geschildert. Seine Geschichte lebt von vielen Widersprüchen. Man ahnt schon zu Beginn, dass der Erzähler, ein namenloser Maulheld, nicht das ist, was er zu sein vorgibt.

Es ist ein sehr eingeschränkter und unzuverlässiger Blick, was sich bereits auf den ersten Seiten offenbart: Der Erzähler prügelt sich auf dem Schulhof wegen eines Mädchens, die Schlägerei endet mehr oder weniger unentschieden und erst am nächsten Tag erfährt der Erzähler, dass sein Gegner Schwarzy im Krankenhaus liegt und er aufgrund der Schlägerei von der Schule fliegen wird. Erst am Ende des Romans wird klar: Nicht er war verantwortlich für den Krankenhausaufenthalt des Gegners..

In solchen Szenen zeigt sich deutlich, wie sehr er sich überschätzt und immer wieder alles so erzählt, dass er als Held dasteht, obwohl das Gegenteil der Fall ist. Denn in Wirklichkeit ist sein Leben nicht so, wie er es gern hätte: Seine Mutter hat die Familie verlassen, lebt seither mit einem 13 Jahre jüngeren Mann zusammen. Sein Vater trinkt seit der Trennung, seine Schwester wird immer religiöser und wird deshalb „Mönchsrobbe“ genannt. Die familiäre Situation scheint sich zu ändern, als sich Vater und Schwester verlieben, glücklich ihr Leben führen, den Verlust der Mutter und das Zerbrechen einstiger Familienstrukturen scheinbar überwunden haben. Der Vater schließt sogar eine Heirat nicht aus. Der Ich-Erzähler beginnt seinerseits eine Ausbildung, verliebt sich in ein Mädchen und doch klappt nicht alles so, wie es sollte. Der Wendepunkt setzt ein, als sein Vater ins Krankenhaus kommt.

Der Roman erzählt einen trostlosen Gang in die Welt der Erwachsenen. Der Ich-Erzähler führt kein schillerndes Leben, sondern wirkt in seiner Umgebung fast einsam. Trotz der Ich-Perspektive entsteht kaum Nähe zu der Figur, man beobachtet sie zwar interessiert, aber doch distanziert. Hier liegen möglicherweise die Stärken des Romans, der vor allem aufgrund der Sprache funktioniert Die Handlungsstruktur selbst ist nicht besonders originell, sondern aus zahlreichen Adoleszenzromanen bekannt. Die anderen Figuren werden aus seiner Sicht geschildert, kommen vereinzelt zu Wort und entlarven wiederum den Ich-Erzähler als Maulhelden. Vor allem seine Schwester leidet sehr, muss sich zurechtfinden in dem „Männerhaushalt“ und schafft es sich zu befreien.

Meine Schwester ist eine Mönchsrobbe wurde mehrfach ausgezeichnet und ist ebenfalls für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Ein durchaus lesenswertes Buch, das vor allem männlichen Lesern gefallen dürfte.

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Rezensiert von Jana Mikota

 








14.06.2013CBK Online-Redaktion
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