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„Mir wird ganz schwindlig vor den Menschen“ - Poetik der Bedrohung und Gewalt im Deutschunterricht

Fortbildungsveranstaltung am 21. Februar 2013 des Landesverbandes Hessen im Fachverband Deutsch des Deutschen Germanistenverbandes in der Goethe-Universität Frankfurt am Main

Fortbildungsveranstaltung zur "Poetik der Bedrohung und Gewalt im Deutschunterricht"

 

 

Dramatische Umweltszenarien, entsetzliche Terroranschläge, blutige Amokläufe, Mord – wie können Ängste, Entsetzen, Hilflosigkeit poetisch verarbeitet werden? Am Beispiel unterschiedlicher literarischer Formate wie Feuilletonbeitrag, journalistische Arbeit, Internettagebuch, „Future-Fiction-Roman“, Erzählung und Drama wurde den Möglichkeiten nachgegangen, ob und wie menschliches Unglück darstellbar ist.

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Tagungsbericht von Ursula Zierlinger mit weiterführenden Hinweisen

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In ihrem Eröffnungsvortrag Apokalypse now? – Future-Fiction-Romane für junge Leserinnen und Leser arbeitete Prof. Dr. Gabriele von Glasenapp (Universität Köln) Geschichte und literarische Struktur von Utopien in der Kinder- und Jugendliteratur heraus.

Neben den Fantasy-Romanen seien Utopien, die mit dem Gattungsnamen "Future-Fiction-Romane" gehandelt werden, heute die populärste Gattung auf dem Markt. Längst hätten die Inhalte von Ökothrillern, Future-Fiction und Future-Fantasy Eingang gefunden in Blogs und den Sprachgebrauch von Jugendlichen.

Utopien gebe es in der KJL erst seit den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts. Die Vorstellung von der Kindheit sei lange Zeit von der Idee der Aufklärung geprägt gewesen, das Kind als unverbildet und gut zu sehen. Erzählen habe demzufolge lehrhaft und idealistisch sein müssen: Utopische Lösungen seien als Realität konzipiert worden und deshalb als vermeintliche Authentizität erschienen.

Auf den Paradigmenwechsel im Kindheitsbild (70er Jahre) habe die KJL mit problemorientierten, zeitgenössisch-analytischen Utopien, besser Dystopien reagiert. In der dystopischen Perspektive werde die Frage gestellt nach möglichen Zukunftsszenarien. Pausewangs „Die Wolke” sei ein Aushängeschild dieser zeittypischen Literatur am Ende des 20. Jahrhunderts, zeige aber auch die begrenzte Halbwertszeit dieser Literatur.

In der neuen „Future-Fiction”-Literatur hätten sich die Themen kaum geändert. Die Umweltproblematik stehe im Vordergrund, politische Themen seien nachrangig vertreten.

Am Beispiel prominenter Produkte (Collins, „Die Tribute von Panem”; Brandis & Ziemek, „Schatten des Dschungels”; Stürzer/Dürr, „Somniavero”) legte Frau Prof. von Glasenapp Charakteristika dieser Literatur dar:

  • Präsenz aktueller Bedrohungen, die extrem hochgespielt werden
  • Schreckensszenarien als Folie zur Wiederherstellung geordneter Verhältnisse
  • Globalität der Weltentwürfe bei unterschiedlichen literarischen Strategien
  • Nivellierung der Grenzen zwischen Kinder- und Erwachsenenliteratur à all age literature
  • Handelnde Personen stellen sich mit Erfolg gegen katastrophale Entwicklungen   
  • Oszillation zwischen Utopie und Dystopie à positives Ende
  • Thriller in allen Varianten bedienen inhaltlich ähnliche Verlaufsmuster

Im Fazit sei zu werten, dass Future-Fiction keine gesellschaftlichen, sozialen oder politischen Weltentwürfe erkennen ließe. Als Katastrophenliteratur sei sie zwar dystopisch eingekleidet, beschränke sich aber auf eine unheilvolle Entwicklung, die von den handelnden Personen zu einem positiven Ende gebracht werde. Zum Beispiel werde die drohende Vernichtung der Regenwälder (Brandis/Ziemek, „Schatten des Dschungels”) noch (!) aufgehalten.

In der Handlungsmacht der jugendlichen Helden, die die Welt ein wenig verbessern, spiegele sich die „schöne Welt” der Erwachsenen, der alte Menschheitstraum von der gerechten Welt, die Beherrschbarkeit katastrophaler Zukunftsvisionen scheine möglich. Der Leser werde angesichts realer bedrohlicher Entwicklungen entlastet, finde seine Lesegewohnheiten (literarisch traditionelle Muster) bedient – zudem in unterhaltsamer Form.

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Die literarischen Reaktionen auf ein realistisches Schreckenszenarium, die Anschläge vom 11. September 2001, thematisierte Michael König M.A. (Westfälische Wilhelms-Universität Münster) in seinem Vortrag: Der 11. September 2001 in der Literatur. Möglichkeiten für den Deutschunterricht. In der Folge des 11. September seien zahlreiche literarische Verarbeitungen der Katastrophe erschienen. Die inhaltlichen Schwerpunkte hätten sich in den gut zehn Jahren stark verlagert – je nachdem, ob ein Werk zeitnah zur Katastrophe entstanden sei oder erst später.

Sehr konkret ging König auf herausragende Beispiele ein:

o   Frühe Texte: Katharina Hacker, „Habenichtse”; Kathrin Röggla, „really ground zero”; Else Buschheuer, „Das New York Tagebuch”; Durs Grünbein, „Aus einer Welt, die keine Feuerpause kennt”; Ulrich Peltzer, „Bryant Park”; Max Goldt, „Wenn man einen weißen Anzug anhat”

o    Spätere Texte: Susanne Riedel, „Eine Frau aus Amerika”; Thomas Pletzinger, „Bestattung eines Hundes”; Pia Frankenberg, „Nora”; Thomas Lehr, „September2

Die früheren Texte seien deutlich geprägt von dem Schock, der nichts mehr so erscheinen lassen könne wie zuvor. Diese Zäsur habe bedeutende gattungspoetische Fragen aufgeworfen, da ein historisches Ereignis verarbeitet werden musste, das zunächst  nicht darstellbar schien. Persönlich wertende Krisenprotokolle, Reflexivität des eigenen Schreibens, Erfahrung der Begrenztheit literarischer Mittel, Rückzug auf die innere Befindlichkeit zeigten im Ergebnis häufig fragmentarische, unabgeschlossene Texte. Diese seien für den Deutschunterricht sehr ertragreich: Wie sehen poetische Reaktionen auf einen Schock aus?

In den späteren Texten verliere die Bedeutung des Anschlags an Präsenz. Nicht mehr unmittelbare Betroffenheit stehe im Vordergrund, vielmehr die Frage: Was hat sich seitdem verändert? Der Verarbeitungsprozess reflektiere daher aktuelle und historische Bezüge wie beispielsweise soziokulturelle Differenzen USA – Deutschland oder Probleme der deutsch-jüdischen Beziehungen.

Im Fazit biete Literatur zum 11. September für den Deutschunterricht vielfältige Arbeitsmöglichkeiten:

  • Klärung der Ereignisse
  • Umgangsmöglichkeiten mit Zerstörung, Gewalt, Trauer und Trauma
  • Verhältnis von Kunst und Realität
  • Gattungspoetologische Fragestellungen: Tagebuch, Autorfiktion, journalistische Schreibformen, Weblog
  • Stoffbegriff und „Terror”-Diskussion: Wie genau kommt das Ereignis vor? Was kann der literarische Text selbst leisten?
  • Frage nach der Literarizität: Was macht das literarische Schreiben aus?
  • Aspekte der Medienanalyse

Eine umfangreiche Auswahlbibliographie ist abrufbar.

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Eine ganz andere, nicht minder erschreckende Form von Gewalt analysierte Prof. Dr. Heiner Boehncke (Goethe-Universität Frankfurt am Main) in seinem Beitrag: „Hat er seine Erbsen gegessen?” Woyzeck als Objekt medizinischer Menschenversuche. Die Textkomplexität des „Woyzeck” stelle hohe Anforderungen an die Vermittlung in Deutschunterricht. Für die Erarbeitung eines tieferen Verständnisses schlug Professor Boehncke eine erweiterte Kontextuierung vor, die mit Blick auf die Lebensphase Büchners zum Zeitpunkt des Schreibens Interpretationszugänge eröffne.

Büchner habe „Woyzeck” in den letzten Monaten seines Lebens geschrieben, gezeichnet von Krankheit, zudem unter großem Druck. Ständig habe er den Text neu zusammengesetzt, Handlungsverläufe geändert, fragmentarisch gearbeitet. Modern sei aber weniger die Form, sondern der Inhalt.

  • Editionsgeschichte

Wie überfordert Büchners Zeitgenossen und auch noch nachfolgende Generationen in Bezug auf „Woyzeck” waren, zeige die Geschichte der Herausgabe. Noch 1850 habe die Familie entschieden, dieses Werk nicht in die Gesamtausgabe aufzunehmen. 1879 habe Emil Franzos eine erste Ausgabe so redigiert, wie es ihm richtig erschienen sei. Ohne ihn sei aber „Woyzeck” wohl vergessen worden. Erst 100 Jahre nach der Niederschrift sei es zu einer ersten Aufführung und dem Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte gekommen.

  • Historische Vorlagen

Das Drama basiere bekanntlich auf dem historischen Fall „Woyzeck”. Büchner habe zudem    ähnliche Fälle recherchiert und sei, was die Ausbeutung von Quellen angehe, skrupellos gewesen. Im sog. Clarus-Gutachten sei dem historischen Woyzeck Zurechnungsfähigkeit bescheinigt worden. Büchner drehe das Gutachten um und gehe knallhart ins Gericht mit der unbarmherzigen Wissenschaftsprosa der Zeit.

  • Wissenschaftlicher Kenntnisstand Büchners

Büchner habe sein Thema genau gekannt. Sein Vater sei ein aufgeklärter positivistischer Arzt gewesen, auch Gerichtsmediziner, immer aktuell informiert und habe selbst wissenschaftlich veröffentlicht. Sein Urteil sei neutral, sachlich gewesen, ohne moralische oder soziokulturelle Fragen zu berücksichtigen. Sein Interesse habe dem Fall gegolten, nicht dem Leid der Menschen. Der Vater habe Georg bereits im Alter von zehn Jahren zu seinem Assistenten gemacht, ihn mitgenommen zu Hinrichtungen und in die Anatomie. Daraus ergebe sich die These, dass in der Figur des menschenverachtenden Doktors der Gutachter Clarus und der eigene Vater amalgamiert seien. Ganz konkret könne man sich über die Ansichten des Vaters Ernst Büchner informieren in einer Zusammenstellung seiner Briefe und Schriften: Ernst Büchner, Versuchter Selbstmord durch Verschlucken von Stecknadeln. Hg. von Heiner Boehncke und Hans Sarkowicz. Berlin 2013.

  • Wissenschaftlicher Hintergrund

Ernährungsexperimente mit Menschen seien üblich gewesen und hätten nicht als verwerflich gegolten. Menschen seien als regelrechte Versuchstiere missbraucht worden. So habe zum Beispiel Liebig Versuche mit über 800 Soldaten gemacht mit dem Ziel, eine preiswerte Ernährung für die Armee zu erzeugen, nicht etwa aus wissenschaftlichem Interesse.

Aufgrund solcher Hintergrundinformationen sei ein differenzierter Einstieg in die Interpretation möglich und die Relevanz inhaltlicher und formaler Analyse einsichtig.

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In der anschließenden Vorstellung des Büchnerhauses in Riedstadt-Goddelau führte Rotraud Pöllmann (Leiterin des Büchnerhauses) sehr anschaulich in das Konzept des Hauses ein. Wer sich genauer einarbeiten will, sollte die Website einsehen: www.buechnerhaus.de

In der Vorbereitung eines geplanten Besuches mit Schülern ist ein Arbeitsordner zu Büchnerthemen bestellbar bei der KulturRegion FrankfurtRheinMain (Frau Zeller) im Rahmen des Schülermedienprojekts in den Jubiläumsjahren 2012/13. Weitere Informationen zu den Büchnerprojekten können abgerufen werden unter www.mybuechner.de

Ursula Zierlinger (LV Hessen)

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Auswahlbibliographie 911-Literatur

Büchnerhaus Riedstadt

Schüler-Medienprojekt der KulturRegion FrankfurtRheinMain "Georg Büchner 2012/2013 - Von der Flugschrift zum Blog"

Fortbildungsveranstaltungen LV Hessen




12.06.2013CBK Online-Redaktion
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