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Deutscher Jugendliteraturpreis 2013 - Kinderbuch

Nominierungen in der Sparte „Kinderbuch”

In den Nominierungen für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2013 – Sparte „Kinderbuch” – zeigt sich die Vielfalt der Kinderliteratur des Jahres 2012. Gemeinsam ist den hier besprochenen Büchern der Blick auf das „Fremde”.


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Frank Cottrell Boyce: Der unvergessene Mantel. Aus dem Englischen von Salah Naoura. Mit Fotografien von Carl Hunter und Clare Heney. Hamburg (Carlsen Verlag) 2012.

Bereits mit seinem Roman Meisterwerk hat der englischsprachige Autor Frank Cottrell Boyce gezeigt, dass er ein wunderbarer Erzähler ist. Sein neuer Roman Der unvergessene Mantel erzählt eine schöne, zugleich traurige und unvergessliche Geschichte.

Geschildert wird die Geschichte von Julie, die zufällig eine Nachricht in der Presse findet: Ihre alte Grundschule soll abgerissen werden und sie besucht sie aus Neugierde ein letztes Mal. Als sie einen Mantel findet, erinnert sie sich an ihr letztes Schuljahr in der Grundschule und entfaltet so ihre Geschichte: Zwei neue Schüler kommen in die Klasse. Sie heißen Dschingis und Nergui, sind Brüder und stammen aus der Mongolei. Bereits in ihrer Kleidung unterscheiden sie sich von ihren Mitschülern und es verwundert nicht, dass sich zahlreiche Gerüchte um sie ranken. Dschingis fügt sich in die Klassenstruktur, besteht jedoch darauf, dass sein jüngerer Bruder in der Klasse bleibt. Er hat Julie zu seiner persönlichen Ratgeberin auserwählt. Julie gibt sich Mühe, diese Aufgabe zu erfüllen und ist fasziniert von der Mongolei. Sie will unbedingt erfahren, wie es dort ist. Dschingis zeigt ihr immer wieder Bilder, erzählt jedoch nur sporadisch etwas über sein Leben dort. Doch nach und nach freunden sie sich an und Julie ahnt, was Dschingis fürchtet. Und eines Tages ist er mit seinem Bruder verschwunden, abgeschoben in die Mongolei, da er und seine Familie in England nicht erwünscht sind. Zurück bleibt nur sein Mantel, den Julie, als erwachsene Frau, bei einem letzten Gang in die ehemalige Schule findet …

Freundschaft, Fremdsein, Zuhause und Abschiebung sind die Themen, die der Autor aufgreift und in eine poetische Geschichte verpackt. Julie ist fasziniert von Dschingis und sucht seine Nähe. Sie erklärt ihm den englischen Alltag so gut, dass Dschingis bald den Liverpooler Akzent nachahmen kann.  Doch trotz aller Nähe und Freundschaft, die sich zwischen den Kindern anbahnt, bleibt er distanziert. Er lädt Julie nicht nach Hause ein und erst nach seinem Verschwinden begreift sie seine Angst vor der Abschiebung. Er nennt es den Dämon, der ihn und seinen Bruder verfolgt. Abschiebung ist ein schwieriges Thema und doch schafft es der Autor, sich sensibel dem Thema zu nähern und es den kindlichen Lesern und Leserinnen nachzuerzählen. Im Nachwort erläutert er die Intention seiner Geschichte und bietet so eine mögliche Lesart an:

„Was ich dagegen weiß: Ein Land, das seine Staatsdiener beauftragt, Kinder mitten in der Nacht aus dem Bett zu holen und mitzunehmen, kann wohl kaum als zivilisiert bezeichnet werden.”

Damit schreibt Boyce ein politisches Buch, ohne jedoch in seinem Text moralisch oder pädagogisch zu wirken. Er wählt als Erzählinstanz eine zehnjährige Ich-Erzählerin, die kaum ahnt, was Abschiebung und Asyl bedeuten und daher das Handeln von Dschingis nicht immer versteht. Der erwachsene Leser wird erahnen, was sich hinter manchen Taten verbergen könnte.

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Joke van Leeuwen: Als mein Vater ein Busch wurde und ich meinen Namen verlor. Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers. Hildesheim (Gerstenberg Verlag) 2012.

Joke van Leeuwen ist eine ungewöhnliche Schriftstellerin und auch ihr neuer Kinderroman Als mein Vater ein Busch wurde und ich meinen Namen verlor bietet trotz der farbigen Covergestaltung  keine ‚leichte Kost‘. Auch der ungewöhnliche Titel legt bereits vor der Lektüre jede Menge Interpretationen nahe.

Im Mittelpunkt steht die namenlose Erzählerin Tonda, die aufgrund eines Krieges ihre Heimat verlassen muss und in die Heimat ihrer Mutter flieht. Zurück bleiben ihre Großmutter sowie der Vater, der vor dem Krieg Feinbäcker war, im Krieg kämpfen musste und eben zu einem Busch, nämlich einer Tarnung, wurde. In Episoden schildert Tonda ihre Flucht. Im fremden Land angekommen, weiß sie die Adresse ihrer Mutter nicht mehr, landet im Heim und muss eine neue Sprache erlernen, die ihr fremd ist und auch fremd bleibt.

Krieg, Verlust der Heimat und der Muttersprache sind komplexe Themen, die nicht ungewöhnlich in der Kinderliteratur sind. Doch Joke van Leeuwen nähert sich dem Themenfeld auf eine Art und Weise, die zumindest auf den ersten Blick  irritiert. Der Leser bzw. die Leserin kann nicht erahnen, um welchen Krieg es sich handelt und auch nicht, an welchem Ort die Handlung schließlich stattfindet. Weder die Illustrationen noch die Sprache in der Exilheimat liefern Hinweise. Gerade das aber macht den Roman aus, bietet er so doch die Möglichkeit, allgemein über Krieg und über den Verlust von Heimat und Sprache nachzudenken. Die Figur Tonda ahnt weder, warum es zum Krieg kam, noch, wer gegen wen kämpft. Sie weiß nur, dass Krieg Schmerz, Angst und Verlust bedeutet. Erzählt wird konsequent aus Tondas Sicht und es sind ihre Gefühle und Schmerzen, von denen man erfährt.

Besonders gelungen ist, wie sich Joke van Leeuwen dem Thema Sprachwechsel nähert. In dem neuen Land kennt Tonda zwar die Buchstaben, kann Sätze lesen, aber versteht ihren Sinn nicht. Menschen helfen ihr nur bedingt und erst im Heim bekommt sie Sprachunterricht, der ihr den Zugang zum neuen Leben ermöglicht. In kleinen Schritten erzählt sie, wie sie sich der Sprache nähert, wie sie zunächst einzelne Gegenstände zu bezeichnen lernt, dann ganze Sätze und wie sich schließlich alleine auf die Suche nach ihrer Mutter macht. Die Annäherung an die neue Sprache erfolgt über Illustrationen und der Leser kann die einzelnen Schritte detailliert nachverfolgen.

Als mein Vater ein Busch wurde und ich meinen Namen verlor ist ein schwieriges, irritierendes und zugleich poetisches Kinderbuch, das das Potential von Kinderliteratur unterstreicht.

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Robert Paul Weston: Zorgamazoo. Nachgedichtet von Uwe-Michael Gutzschhahn. Illustratrionen von Víctor Rivas. Berlin (Jacoby & Stuart) 2012.

Zorgamazoo ist ein phantastischer Roman in Versform, der mit seiner Sprachkraft fesselt. Grandios von Uwe-Michael Gutzschhahn ins Deutsche nachgedichtet, beginnt er mit folgenden Sätzen:

Hier ist eine Geschichte,
ein unglaubliches Stück.
Bevor es losgeht, lehn dich zurück.
Hol dir 'ne Decke,
ein kuschliges Kissen.
Mach's dir bequem.
Den Kakao nicht vergessen?

Im Mittelpunkt der Geschichte steht das mutige Mädchen Katrina Katrell, das bei seinem Vormund Mrs. Krabone aufwächst. Der Autor stellt die Hauptfigur direkt vor, sein Ton ist fast balladesk. Katrinas Leben, so setzt sich die Geschichte fort, ist nicht besonders schön, da ihr Vormund sie immer wieder bremst und wegen ihrer Phantasie bestraft. Anders als sonst in der englischen (Kinder- und Jugend-)Literatur ist Katrina jedoch keine Waise, sondern ihre in ihren Berufen sehr erfolgreichen Eltern haben schlicht kein Interesse an ihrem Kind. Daher verwundert es nicht, dass Katrina sich in Phantasiewelten flüchtet bis diese eines Tages real werden. Im Gegensatz zu Mrs. Krabone  glaubt  das Mädchen an phantastische Wesen. Sie droht ihm sogar und ein Arzt soll Katrinas Gehirn operieren, um so das Phantasieren zu unterbinden. Katrina flieht vor ihrem Vormund und dem Arzt. Sie trifft auf den Zorgel Morty. Es entsteht eine ungewöhnliche Freundschaft, die zahlreiche Abenteuer übersteht. Morty ist ein Wesen, das an einen Bären erinnert. Anders als Katrina sehnt er sich nicht nach Abenteuern, sondern nach Ruhe. Er möchte weiterhin in seiner Welt als Sportjournalist arbeiten. Und doch wird er dazu auserkoren, die Zorgelwelt zu retten, denn alle Zorgel sind verschwunden, keiner ahnt, wohin. Katrina und Morty machen sich auf die Suche. Sie treffen noch auf andere Wesen und erkennen schließlich, was tatsächlich passiert ist.

Es ist eine Geschichte über zwei Wesen, die an ihre Grenzen kommen, nie aufgeben und über sich hinauswachsen. Letztendlich finden sie einen Ort, an dem sie leben können. Es ist aber auch ein Langgedicht, das gegen die Eintönigkeit appelliert und vor dem Verschwinden der Phantasie warnt.

Der Roman erschien bereits 2008 und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Uwe-Michael Gutzschhahn gelingt das Wagnis einer temporeichen Übersetzung ins Deutsche: Er bleibt nah an der englischen Originalfassung, greift jedoch die Eigenheiten der deutschen Sprache auf.

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Jenny Robson: Tommy Mütze. Eine Erzählung aus Südafrika. Aus dem Englischen von Barbara Brennwald. Basel (Baobab Books) 2012.

An einem Montag in der Englischstunde passiert das, was den Jungen Dumisani dazu bringt, von der genialsten Woche seiner bisherigen Schullaufbahn zu sprechen. Mitten im Unterricht kommt ein neuer Schüler in die Klasse, der sein Gesicht unter einer Skimaske versteckt. Dumisani und sein bester Freund Doogal, der Ich-Erzähler der Geschichte versuchen das Rätsel der Mütze zu lösen und scheitern immer wieder. Tommy Mütze, wie der Schüler genannt wird, verweigert die Antwort. Selbst die Klassenbeste Cherise schafft es trotz zahlreicher Tricks nicht, das Geheimnis aufzuklären. Tommy gelingt jedoch, sich in die Klasse zu integrieren, Freunde zu finden und trotz der Mütze als vollwertiges Klassenmitglied anerkannt zu werden. Nach und nach erfahren alle Kinder, dass Tommy öfter die Schule wechseln musste. Als er dann von Schülern einer höheren Klasse bedroht wird, beschließt Tommy sein Geheimnis zu lüften …

Es ist eine kurze, wunderschöne Geschichte, die Mut macht. Die Autorin Jenny Robson stammt aus Südafrika, was sie in ihrem Nachwort hervorhebt. Sie entwirft keine Welt, in der die Hautfarben getrennt sind, sondern zeigt ein Miteinander. Auch in der Klassengemeinschaft gibt es Kinder, die schüchtern sind und sich nach Verständnis sehnen. Mit Hilfe der Mütze schafft es Tommy, seine Fremdheit zu überwinden und eine Brücke zu seinen Mitschülern zu schlagen. Schließlich kommen alle mit unterschiedlichen Skimützen und verdecken ihr Gesicht. Und plötzlich schaffen es auch die Schweigsamen und Schüchternen, laut das zu sagen, was sie denken.

In Fußnoten werden Sachverhalte und Besonderheiten der südafrikanischen Kultur, Sprache und Schule erläutert. Damit eröffnet und erläutert der Roman den jungen Lesern und Leserinnen eine neue und fremde Welt. Tatsächlich sind Kinder- und Jugendbücher aus den afrikanischen Ländern im deutschsprachigen Raum eher selten. Es ist also sehr erfreulich, dass dieses Buch nicht  nur übersetzt, sondern auch für den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Sparte "Kinderbuch" nominiert wurde.

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Maris Putnins: Die wilden Piroggenpiraten. Ein tollkühnes Abenteuer um eine entführte Mohnschnecke und ihre furchtlosen Retter. Aus dem Lettischen von Matthias Knoll. Mit Bildern von Karsten Teich. Frankfurt a.M. (Fischer Schatzinsel) 2012.

"Dereinst vor langer, langer Zeit herrschten in der fernen Südsee die wilden Piroggenpiraten." Mit diesen Sätzen beginnt der spannende, aber auch ungewöhnliche (Kinder-)Roman des lettischen Autors Maris Putnins, der wunderbar von Matthias Knoll ins Deutsche übersetzt und von Karsten Teich illustriert wurde. Es ist ein Roman, der nicht nur mehrfachadressiert ist, sondern auch tradierte Genrebezeichnungen sprengt. Es ist kein Abenteuerroman im herkömmlichen Sinne, aber auch kein phantastischer Roman, sondern eine Erzählung, die bewusst mit diesen Mustern spielt, sie aufgreift und letztlich neu interpretiert. Insofern sind Die wilden Piroggenpiraten, die als Mehrteiler konzipiert und in Lettland sehr erfolgreich sind, zu Recht für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

Der Titel verrät schon die Besonderheit des Romans: Nicht Menschen oder Tiere stehen im Mittelpunkt, sondern Gebäck der unterschiedlichsten Arten. Da ist z.B. die Mohnschnecke, Tochter aus gutem und wohlhabendem Haus, die gerne ein Abenteuer erleben möchte und den neuen Verkäufer Eclair zwingt, mit ihr ein Gartenfest auf Sankt Krokant zu besuchen. Dort veranstaltet Graf Napoleon von und zu Schnitte – "ein Schichtkuchen mit Sahnefüllung" (S. 17) – rauschende Feste und das Mädchen möchte gerne dabei sein. Eclair, der in Mohnschnecke verliebt ist, willigt ein und muss erleben, wie ein Hörnchen Mohnschnecke beeindruckt. Doch dann wird sie vor den Augen Eclairs und des Hörnchens von den wilden Piroggenpiraten entführt. Hörnchen und Eclair machen sich unabhängig auf die Suche nach ihr und ein wildes und tollkühnes Abenteuer beginnt.

Die kurze Skizze des Inhalts deutet es bereits an: Ein spannender und zugleich außergewöhnlicher Roman. Entfaltet wird eine rasante, aus unterschiedlichen Perspektiven erzählte Geschichte, die mitunter lustig, aber auch gesellschaftskritisch ist. Der Roman bietet nicht nur unterschiedliche Lesarten an, sondern auch eine Mehrfachadressierung: Erwachsene Leser und Leserinnen werden in den Gebäckstücken Figuren aus der Weltgeschichte erkennen und auch bestimmte Anspielungen werden ihnen nicht entgehen.

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  Rezensiert von Jana Mikota







06.05.2013CBK Online-Redaktion
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