Unsere Themen


Lehrer-Fortbildung mit Hindernissen: Wie weit darf Eigeninitiative gehen?

Lehrer-Fortbildung mit Hindernissen: Wie weit darf Eigeninitiative gehen?
(Schleswig-Holsteinische Landeszeitung vom 09.12.2006)


Lehrer-Fortbildung mit Hindernissen: Wie weit darf Eigeninitiative gehen? (Schleswig-Holsteinische Landeszeitung am 9.12.2006)

Scharfe Töne bei Germanisten-Tagung in Sankelmark / Erhebliche Informationsdefizite bei Zentral-Abitur für das Fach Deutsch

Sie setzen die schleswig-holsteinische Bildungspolitik engagiert um, fühlen sich aber dafür eigentlich noch bestraft. Die Wellen des Unmuts schlugen hoch, als sich rund 60 Deutschlehrerinnen und -lehrer am Rande ihrer alljährlichen Fachtagung in der Akademie Sankelmark zur Mitgliederversammlung des Germanistenverbandes trafen. "Wir bezahlen alles selbst, bilden uns am Wochenende in unserer Freizeit fort, werden aber noch gescholten, wenn durch die oft längere Anreise doch mal eine Unterrichtsstunde vertreten werden muss", sagte eine Teilnehmerin.

Andreas Borrmann (Rendsburg)


(Sankelmark/gakn) Sie setzen die schleswig-holsteinische Bildungspolitik engagiert um, fühlen sich aber dafür eigentlich noch bestraft. Die Wellen des Unmuts schlugen hoch, als sich rund 60 Deutschlehrerinnen und -lehrer am Rande ihrer alljährlichen Fachtagung in der Akademie Sankelmark zur Mitgliederversammlung des Germanistenverbandes trafen. "Wir bezahlen alles selbst, bilden uns am Wochenende in unserer Freizeit fort, werden aber noch gescholten, wenn durch die oft längere Anreise doch mal eine Unterrichtsstunde vertreten werden muss", sagte eine Teilnehmerin. Hintergrund ist die kurzfristige Weisung vom Institut für Qualitätssicherung Schleswig-Holstein (IQSH), welches für die Fortbildungen der Lehrer zuständig ist, dass die Tagung erst freitags um 13 Uhr beginnen durfte. Das IQSH habe dabei keine Wahl, sagte dessen Vertreterin für das Fach Deutsch, Frauke Witzke. Es müsse sich nach der strikten Jede-Stunde-zählt-Vorgabe des Bildungsministeriums richten. Danach dürfen Fortbildungen nur in der unterrichtsfreien Zeit stattfinden.

Bislang startete das vom Germanistenverband organisierte und bezuschusste Seminar, für das die Teilnehmer aber auch noch selbst tief in die Tasche greifen müssen, schon am Freitagvormittag und dauerte bis zum Samstagabend.

Eigentlich müsste das Bildungsministerium die Lehrer fortbilden, schließlich gehe es um Pflichtthemen, waren sich die Germanisten einig. Zumindest erwarte man aber eine Würdigung ihrer Eigeninitiative: "Das Ministerium muss in die Pflicht genommen werden."

Rund 120 Teilnehmer haben sich in Sankelmark dieses Jahr fast zwei Tage lang in Fachvorträgen und Workshops intensiv mit den formalen und inhaltlichen Aspekten des Zentralabiturs im Fach Deutsch auseinandergesetzt. Dieses wird in Schleswig-Holstein erstmals 2008 durchgeführt, und die Leistungskurse haben im August mit der Vorbereitung der Schüler für die Abituranforderungen begonnen. Unter den Lehrern herrscht allerdings weiterhin große Unsicherheit, was die Rahmenbedingungen, den Ablauf und die Themenstellung angeht.

Frauke Witzke vom IQSH zeigte sich selbst dankbar dafür, dass sie bei der Veranstaltung Informationen über das Zentralabitur erhalten habe: "Wir wurden vom Bildungsministerium nicht in die Entwicklung der Abschlussarbeiten integriert." Dem IQSH selbst stehe kein Fortbildungspersonal zur Verfügung, sagte Witzke. Nun will sie sich nochmal mit dem Germanistenverband zusammensetzen und über eine mögliche Kooperationsveranstaltung beraten, die dann vielleicht auch finanziell unterstützt werden könnte. Denn bislang erhielten bei der Fachtagung nur die universitären Referenten ein Honorar, aber nicht die Lehrer, die die Workshops für ihre Kollegen anboten und sich nun weigern, "sich weiterhin selbst auszubeuten".

Die alljährliche Fachtagung der schleswig-holsteinischen Lehrersektion im Germanistenverband, die seit rund 30 Jahren kontinuierlich stattfindet, gilt längst bundesweit als Aushängeschild und ist dem Ansturm der fortbildungswilligen Deutschlehrer kaum noch gewachsen. Schließlich gibt es rund 1400 gymnasiale Deutschlehrer in Schleswig-Holstein. "Wir mussten auch dieses Jahr wieder viele weitere Anfragen ablehnen", berichtete die Landesvorsitzende Susanne Schütz.

"Diese herausragende Tagung ist in Fachkreisen fast schon ein Mythos", urteilt der Berliner Bundesvorsitzende des Fachverbandes Deutsch im Germanistenverband, Fritz Tangermann, der auch der hauptstädtischen Senatsverwaltung angehört. Er berichtete in Sankelmark bei einer Podiumsdiskussion mit Vertretern des schleswig-holsteinischen Bildungsministeriums von den Berliner Erfahrungen und Schwierigkei-ten in der Vorbereitung des Zentralabiturs, das dort bereits 2007 durchgeführt werden wird.

Die gute regionale Betreuung der Mitglieder in Schleswig-Holstein habe eine Sogwirkung auch auf andere Landesverbände der Germanisten, unterstrich Tangermann die Vorbildfunktion des nördlichsten Landesverbandes. Dieser hat mit über 300 Mitgliedern dieses Jahr eine Rekordmarke erreicht und ist somit nicht nur die aktivste, sondern auch bundesweit stärkste Landesvereinigung.

 

 








11.12.2006Online-Redaktion
Kooperationspartner

Archive

Veranstaltungen