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Noch'n Gedicht!

Fortbildungsveranstaltung des Landesverbandes Hessen und des Instituts für Jugendbuchforschung der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main am 22.2.2007

Gute Zeiten für Lyrik? Der PISA-Schock führte zu Reflexion und Einführung von Qualitätsstandards und zur Vereinheitlichung von Prüfungs- und Vergleichskriterien. Standards und standardisierte Schüler werden heiß diskutiert. "Brotlose Künste" könnten also auf der Strecke bleiben. Die Referenten der Veranstaltung - Prof. Dr. Volker Frederking, Axel Krommer und Almut Hoppe - zeigten sich zwar prinzipiell offen gegenüber der Enwicklung von Standards, waren aber einhellig der Meinung, dass gerade ein angemessener Umgang mit Lyrik in wesentlichen Aspekten nicht mit Standards zu erfassen sei.


Prof. Dr. Frerderking (Universität Erlangen-Nürnberg) griff in seinem Referat "Vom 'toten Buchstaben' zum 'lebendigen Wort'" die Befürchtungen auf, dass Standards auf Nivellierung hinauslaufen könnten. Er zitierte dazu u. a. Walter Kintsch:"Zur ästhetischen Produktion gehört ein kreativer Aspekt, zum literarischen Verstehen ein ästhetischer. Die kognitiven Verstehensmodelle haben derzeit weder zur Kreativität noch zur Ästhetik etwas beizutragen." Ästhetische Bildung sei in Deutschland aber im Zeichen von PISA erst recht notwendig. Deutschland stehe in Bezug auf die Lesekompetenz fast auf dem letzten Platz. Im symmedialen Deutschunterricht könne formal-ästhetische Bildung "wiederbelebt" werden, denn die herkömmliche Art des Literaturunterrichts "breche dem Gedicht das Genick". In Übereinstimmung mit Frederkings Ansatz haben Medien seit langem einen festen Platz im Deutschunterricht. Literarische Bildung könne deshalb in der Schule in vielfältiger medialer Form vermittelt werden:

Hörästhetik - Vergleich, Austausch, eigene Umsetzung,

Hörproben - eigene Assoziationen -nächste Probe - eigenen Umsetzung ( Analyse und/oder Ausprobieren der eigenen Stimme als Interpretationsmedium),

Lyrik-Lesungen im Film - Text selbst lesen, verfilmen oder einen Text im Stil des Autors schreiben; rezeptive, produktive oder analytische Kommentare schreiben.

Frederking sieht den großen Vorteil des Arbeitens in einem Computerraum oder an Laptops im Prinzip der Gleichzeitigkeit und schneller Interaktionsmöglichkeiten: Der Text ist jederzeit verfügbar; ergänzende Materialien, Arbeitsanregungen können eingegeben werden; der kommentierende, analysierende oder kreative Schreibprozess kann unmittelbar beginnen und verfolgt werden.

Dieser Zugang zur Lyrik eröffne neue Erfahrungs- und Handlungsspielräume, da Medien von Schülern geliebte Arbeitsinstrumente seien und zudem auf einer Ebene gearbeitet werden könne.

(Frederkings Vortrag kann eingesehen werden unter www.deutschdidaktik.ewf.uni-erlangen.de, Benutzername: Frankfurt 2007; Passwort: Frankfurt 2007)

Auch Axel Krommer (Universität Erlangen-Nürnberg) berief sich auf die Widerstände des Schüler gegen Lyrik - Lyrik nervt! (Thalmayr alias Hans Magnus Enzensberger). Er arbeitete in seinem Beitrag "POEM. Lyrik wird Film" mit Beispielen des Kinoprojekts "Poem" von Ralf Schmerberg und "Poetry Clips" von Bas Boettcher und Wolf Hogekamp. Für Krommer sind es Zugangsmöglichkeiten zur Lyrik, die den Arbeitsbedürfnissen von Schülern entgegenkommen. Unabdingbar ist in diesem Modell die Textarbeit von der assoziativen Deutung bis zur Analyse. Die Einstiegsmöglichkeiten sind variabel. Textlektüre, assoziative Deutungshypothese, Vergleich der filmischen Umsetzung mit den eigenen Interpretationsansätzen können auch in der Umkehrung erfolgen - erst die Verfilmung und dann die Konfrontation mit dem Text. Aus der breiten Spanne zwischen den Erfahrungen der Deckungsgleichheit und der Divergenz mit den eigenen Ansätzen ergibt sich in jedem Fall ein starker Anreiz zur Auseinandersetung mit dem Text. Gedichtverfilmungen sind immer Deutungsansätze. Die medialen Umsetzungen machen den sonst eher schmerzhaften Schnitt zwischen spontanem und analytischem Beurteilen - nervt! - vergessen, befördern im Gegenteil die Lust an der Analyse.

(Das Unterrichtsmodell "POEM - ein Film von Ralf Schmerberg" ist in der Reihe "Einfach Deutsch" bei Schöningh erschienen.)

Am Nachmittag stellte Almut Hoppe (IQSH.Kiel; Lehrbeauftragte der Christian-Albrechts-Universität Kiel) eine interaktive Methode der selbstständigen Erarbeitung von Texten vor. Die Arbeitsweise fußt auf dem TZI-Modell der Psychoanalytikerin Ruth Cohn. Dieses Vorgehen, die themenzentrierte Interaktion, bewirke lebendiges Lernen, da drei Faktoren zur Wirkung kommen:

  • die Wünsche und Ziele der Einzelnen (ICH),
  • das Miteinander und Zusammensein in der Gruppe (WIR),
  • die Sache, um die es geht (ES).

Hoppe erläuterte die Vorteile des Modells in Bezug auf die inhaltliche und formale Erarbeitung moderner Gedichte im Unterricht. In einer Warm-up-Phase wird sozusagen der PC hochgefahren: Was wisst ihr schon über Lyrik? Schüler tragen ziemlich viel Vorwissen zusammen, das für den einzelnen aus dem Stand nicht abrufbar gewesen wäre. Sie fühlen sich so ernst genommen und nicht frustriert - Lyrik nervt! In einem zweiten Schritt werden segmentierte Gedichte an Gruppen vergeben, die die Aufgabe bewältigen müssen,das ihnen unbekannte Gedicht zusammenzusetzen. Das führe sofort zu einer lebhaften Diskussion über inhaltliche und formale Aspekte des Gedichts, d.h. die Schüler kommen über den Text ins Gespräch, können ihr aktiviertes Vorwissen anwenden und das Ergebnis der Gruppenarbeit begründet vorstellen. Da es Frau Hoppe gelang, die Anwesenden zum Ausprobieren des Modells zu motivieren, zeigte sich die Effizienz des eigentlich einfachen Prinzips. In kurzer Zeit war das ganze Auditorium in lebhafte Gespräche miteinander verwickelt.

Diese Methode zeigte deutlich, dass es auch ohne medialen Einsatz möglich ist, Schüler "an den lyrischen Text" zu bringen. Voraussetzung ist aber, dass der Einzelne, die Gruppe und die Sache ausgewogen zum Tragen kommen.

(Informationen über das TZI-System sind z.B. abrufbar unter www.ruth-cohn-institut-rw.de/index2html)

Alle Beiträge führten bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern zu angeregtem Meinungsaustausch. Übertragung und Gegenübertragung funktionierten – TZI lässt grüßen!





Fortbildungsveranstaltungen LV Hessen




10.04.2007Ursula Zierlinger
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