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Deutschunterricht und Medienkids

Fortbildungsveranstaltung Februar 2002, Johann-Wolfgang-Goethe-Universität, Frankfurt

zum Vortrag von Prof. Dr. Christine Garbe, Universität Lüneburg: "Literarische Sozialisation von Kindern und Jugendlichen im Medienverbund"

Gegenstand des Vortrags ist die Frage, welche Voraussetzungen Kinder und Jugendliche aufgrund ihrer literarischen und medialen sozialisation heutzutage in den Deutsch- und speziell den Literaturunterricht mitbtringen und was dieser folglich hinsichtlich der Rezeptionskompetenzen und Motivationslagen seiner Adressaten berücksichtigen muss, um erfolgreiche literarische und mediale Lernprozesse zu initiieren:

Wozu noch lesen? Was, wie und warum lesen Kinder und Jugendliche heutzutage? Wie wird man zu einem Leser oder einer Leserin? Welchen Beitrag kann die Schule leisten?


Frau Prof. Dr. Garbe stellte ihren Vortrag ganz deutlich unter die Fragestellung: Was ist und zu welchem Ende vermitteln wir Lesekompetenz?

Frau Garbe verband diese Frage zunächst mit einer Analyse der Aufgaben, die in der PISA-Studie zur Überprüfung der Lesekompetenz gestellt wurden. Diese sind so angelegt, dass Leistungen in der Aneignung von Informationen überprüft werden, d.h. sie sind informationsorientiert. Was jenseits dieser Lesekompetenz liegt, wird kaum erfasst. Deutlich wird dies bereits in der Verteilung der Aufgaben: Nur 62 % der Text sind Schrifttexte, 38 % nicht kontinuierliche Texte. Von den 62 % wiederum sind nur 12 % narrative und 50 % explikatorische Texte.

Der Deutschunterricht aber arbeitet schwerpunktmäßig anders – nämlich mit narrativen Texten.

Ziel unseres Unterrichts ist die Persönlichkeitsbildung. Wir wollen Schüler befähigen, subjektive Instrumentarien zu entwickeln, um sowohl Kontingenz als auch Leidenserfahrungen bewältigen zu können. Enkulturation kann nur stattfinden über die Auseinandersetzung mit Kunst, Religion, Geschichte, Literatur und Philosophie als kulturelle Deutungssysteme. Wesentliche Kriterien sind hierbei Erfahrung, Interpretation, Orientierung und Identifikationsangebote, auch Motivation zur Auseinandersetzung. Dies kann nur geschehen über die subjektiv bedeutsame Praxis der Kommunikation, der „Erzählens“. Selbstverständlich bedürfen Schüler auch des Kompetenzerwerbs, der ihnen Verhaltensformen und Handlungsorientierung ermöglicht und sie befähigt zu entscheiden, was wichtig für sie und andere ist, was also "zählt".

In der PISA-Studie wird der abstrakte Kompetenzerwerb aber absolut gesetzt. Schließe sich der Deutschunterricht dieser Auffassung von Lesekompetenz an, so müsse er rein funktionalistisch arbeiten, nicht mehr inhaltsbezogen. Dies aber sei - so Frau Garbe - ein fataler Fehler. Medienbiografien haben deutlich gezeigt, dass der inhaltlich offene Unterricht, der Diskussion zulässt, in dem emotionale Bezüge hergestellt werden können, Schüler zum Lesen bringt. Schwierige Text müssen im Gespräch erschlossen werden, eine gemeinsame Sinndeutung muss ausdiskutiert werden, denn Schüler haben das Bedürfnis nach Sinn- und Weltauslegung.

Daraus ergibt sich die Chance, dass das Buch für Jugendliche aus der Unterhaltungsfunktion, bei der es im Medienverbund ohnehin mehr und mehr an Stellenwert verliert, herauskommt. Dafür gewinnt es seinen Status als Medium der Selbst- und Weltvergewisserung.

Fazit: Die funktionalistische Lesekompetenz ist Aufgabe aller Fächer, natürlich auch des Deutschunterrichts, der aber darf nicht auf inhaltlich interpretierende Lesekompetenz verzichten.





Vortrag von Prof. Dr. Christine Garbe: "Die literarische Sozialisation von Kindern und Jugendlichen in der Mediengesellschaft"

Fortbildungsveranstaltungen LV Hessen




22.02.2002Ursula Zierlinger
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