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Mit Medien lesen?

Fortbildungsveranstaltung 2005, Deutscher Germanistenverband, Landesverband Hessen und Institut für Jugendbuchforschung, Johann Wolfgang Goethe-Universität

Ist es möglich, das Lesen mit Hilfe von Medien zu fördern? Zunächst scheint es doch so, dass gerade der Medienkonsum vom Lesen ablenkt, es gar verhindert.

Die Referenten der Fortbildungsveranstaltung vertraten engagiert das Gegenteil.


Mit Medien lesen? Ein Buch ist ein Buch. Die Schüler haben es, die Lehrer haben es. Und so sollte dem Unterricht doch nichts mehr im Wege stehen. So einfach ist die Sache schon lange nicht mehr. Sie war es auch nie. In seinem Vortrag "Leseförderung im symmedialen Unterricht" betonte Prof. Volker Frederking (Universität Erlangen-Nürnberg), dass im Deutschunterricht die Prädikatoren von Lesekompetenz - Fähigkeit zur Kognition und zur Decodierung, Entwicklung von Lernstrategien und Leseinteresse - nur unzureichend entwickelt werden. Im OECD-Durchschnitt liege Deutschland ziemlich unten. Leseförderung sei über das Medium Buch allein nicht mehr möglich. Das Buch sei für Kinder und Jugendliche, die eine Vielzahl von Medien konsumieren und ihre Handhabung beherrschen, ein Medium unter anderen. Das Buch sei auch nur eine Form des Lesens. Für Jungen sei zudem Lesen uncool, sodass eine Leseförderung nur unter Einbezug vielfältiger Medien erfolgreich sein könne. Prof. Frederking zeigte in einer, auch technisch, überzeugenden Präsentation praktische Beispiele für den Deutschunterricht. Symmediale Literaturrezeption ist möglich über die Hör- und Filmästhetik sowie Inszenierungen im medialen Vergleich. Das Internet kann im Unterricht genutzt werden als Informations- und Kommunikationsmedium. Auch internetgestützte Kommunikationen und Kooperationen zwischen einzelnen Schülern oder ganzen Klassen wecken literarisches und kulturelles Interesse. Er wies auch auf die produktiven Möglichkeiten hin, die durch "literarische Geselligkeit" oder Formen virtueller Theatralik im Netz initiiert werden (Materialien sind abrufbar unter http://www.deutschdidaktik.ewf.uni-erlangen.de). Mit einem Kantzitat endete Frederking: "Begriffe ohne Anschauung sind leer". Übertragen auf den Einsatz von Medien im Unterricht, heißt das, Medien machen Jugendlichen von heute die sinnliche Dimension des Lesens zugänglich, fördern also Leselust und Lesekompetenz.

Im zweiten Beitrag von Prof. Katja Müller (Passau) stand die Hörästhetik im Mittelpunkt: "Hörbücher als Mittel der Leseförderung". Auch sie vermittelte die Überzeugung, dass Hörmittel das Faszinosum Lesen - Schönheit, Wissen, Lust -für Kinder und Jugendliche zugänglicher macht. Sie schlug den Bogen zu Hans Glinz, seinen Vorstellungen von der Klang-, Lese- und Spracherziehung, und plädierte in diesem Bezug für einen Unterricht, in dem alles eingesetzt wird, womit man Literatur hörbar machen kann. Hören kann zwar für manche Kinder zunächst schwierig sein, aber die Förderung der hörästhetischen Wahrnehmung erleichtere das literarische Lernen, das Begreifen von Techniken. Hörbücher sind einfach einzusetzen und vielfältig zu nutzen, aber auch das Vorlesen, Vorlesegespräche fördern die Imaginationsfähigkeit, begünstigen die Orientierung in der fiktionalen Rahmenwelt.

Im abschließenden Rundgespräch am Nachmittag boten Frau Germann, freie Journalistin, Frau Meyer-Kahrweg vom Hessischen Rundfunk und Frau Dr. Bergmann von der "Stiftung Zuhören" Informationen, Orientierungshilfen, Projekte und Anregungen rund um das Hörbuch.

Frau Germann gab einen Überblick über den Markt der Tonträger und bekräftigte, dass das Hören bei Kindern sehr beliebt sei. Fast die gesamte klassische und moderne Kinderliteratur gibt es als Hörbuch, wobei die ästhetischen Ansprüche steigen. Ein Verzeichnis "Töne für Kinder" erscheint alle zwei Jahre.

Die Aktivitäten des Hessischen Rundfunks zur Förderung des Hörbuchs schilderte Frau Meyer-Kahrweg. Interessierte können die HR2-Bestenliste einsehen. Die Jury besteht aus Literaturkritikern, die sich speziell in das Hörmedium eingearbeitet haben. Einmal im Jahr wird das Hörbuch des Jahres gekürt. Abrufen kann man diese Informationen unter http://www.hr2.de!

Die "Stiftung Hören" macht sich die Schulung des Hörens zum Anliegen. Frau Dr. Bergmann stellte die Projekte der Stiftung vor, zu denen der Arbeitskreis Radio und Schule, die Gründung von Hörclubs und die konkrete Arbeit in Schulen gehört. Über die Stiftung ist z.B. ein Paket von 10 CDs zu beziehen, in denen Lehrern didaktisierte Hörbeispiele für die Unterrichtsgestaltung zur Verfügung stehen.

Die Zuhörer (full house!) empfanden diese Veranstaltung als Gewinn, vor allem, weil sowohl die theoretische Grundlagen wie die praktischen Möglichkeiten als gemeinsame Sache präsentiert wurden.

Frederkings Schopenhauerzitat, das er an den Beginn seiner Ausführungen stellte, traf die Konzeption und Umsetzung des Themas an diesem Tag: "Die Dignität der Praxis ist unabhängig von der Theorie. Die Theorie macht die Praxis nur deutlicher."





Vortrag: Prof. Dr. Karla Müller

Fortbildungsveranstaltungen LV Hessen




04.07.2005Ursula Zierlinger
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