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Hören und Sehen

Beiträge zu Medien- und Ästhetischer Erziehung

hoerenundsehen_1Die Medienwelt wird gemeinhin (und oberflächlich) vor allem als eine visuelle Welt wahrgenommen. Dies schlägt sich - medienpädagogisch betrachtet - in einer Fülle an einschlägiger Literatur zu bildungsrelevanten Aspekten der Bild- und Filmsprache, der Foto- und Videografie, der diversen Fernsehgenres, der graphischen Gestaltung von Bildschirmoberflächen usw. nieder.

Dass daneben seit Jahren zumindest eine Nische (als kleines gallisches Dorf sozusagen) existiert, die den auditiven Medien - sowie den akustischen Anteilen an multimedialen Produkten - angemessene Aufmerksamkeit widmet und ermöglicht, ist vor allem Jutta Wermke zu danken.


Die Deutschdidaktikerin hat sowohl in ihrer Zeit an der FU Berlin als auch seit ihrer Berufung an die Universität Osnabrück gerade für die Hörerziehung manche Lanze gebrochen, und der im Jahr 2001 von ihr im Münchener KoPäd-Verlag herausgegebene Band "Hören und Sehen - Beiträge zu Medien- und Ästhetischer Erziehung" setzt dieses Engagement logisch und konsequent fort. Die 12 Einzelbeiträge des Bandes sind gereift im Diskussionszusammenhang der wesentlich durch Jutta Wermke und Almut Hoppe profilierten „Arbeitsgruppe Medien”, die 1997 innerhalb des Symposiums Deutschdidaktik gegründet worden ist und sich die Förderung einer integrierten Medienerziehung zum Ziel gesetzt hat. Wesentliche Impulse dieses integrativen Ansatzes - das sei zumindest am Rande bemerkt - haben in den letzten Jahren bundesweit eine moderne Fortentwicklung des Selbstverständnisses und der Fachkultur des Deutschunterrichts bewirkt, die zeigt, wie traditionsreiche (oder sollte ich besser sagen traditionsbelastete?) Fächer durch ihre Öffnung gegenüber medienkundlichen wie -erzieherischen Aspekten an Aktualität, Attraktivität und damit an Akzeptanz bei Schülerinnen und Schülern gewinnen können. Fachintegration bedeutet natürlich keineswegs, dass fachübergreifende und fächerverbindende Bezüge unberücksichtigt bleiben müssten. Dass diese vor allem beim Musikunterricht zu suchen sind, wird nicht verwundern, wenn es um die ästhetische Dimension akustischer Medienangebote geht ...

Sympathisch ist, dass Jutta Wermke das Hören als „Stiefkind der Pädagogik” nicht etwa isoliert aus seinem Schattendasein erlösen will, sondern vielmehr auch hier auf Integration, auf das Zusammenführen größerer Kontexte setzt. So will schon der Titel des Buches programmatisch verstanden werden; die Konjunktion UND sollte eigentlich groß geschrieben werden. Der Inhalt selbst widmet sich dann beiden möglichen Schwerpunktsetzungen der titelgebenden Verbindung: HÖREN und Sehen sowie Hören und SEHEN sind mit jeweils einem halben Dutzend Beiträgen repräsentiert. Mitunter erschließt sich der Schulform- bzw. Schulstufenbezug erst beim Lesen der durchweg interessanten Beiträge; auch wenn das Vorwort von Jutta Wermke- mit Blick auf die potenziellen Adressaten - eine hilfreiche Voraborientierung bietet. Andererseits kann die ausführliche Lektüre keinesfalls schaden, auch wenn sich der Weg des Adressaten zum direkt im Unterricht verwertbaren Ergebnis dadurch verlängert, weil - wie es der Band für sich beansprucht - die unterschiedlichen Beiträge „für die Primarstufe, die Sekundarstufen und für DaF” relevant sind und somit eine große Spanne abdecken.

Eine ausführliche Würdigung aller Beiträge, deren thematische Bandbreite von Kinderhörkassetten, Videoclips und Literaturverfilmungen über Klanglandschaften und Soundcollagen bis zur Rolle des Internet und digitaler Medien im modernen Deutschunterricht reicht, würde an dieser Stelle zu weit führen. Einige will ich exemplarisch herausgreifen.

So nimmt Almut Hoppe in ihrem Beitrag über „Akustische Dimensionen von Literatur” das Motto des 2000er Symposiums Deutschdidaktik sozusagen wörtlich: „Grenzen überschreiten” - hier sind es die sinnlich wahrnehmbaren Grenzen zwischen der künstlerischen Gestalt von Bild, Wort und Klang. Mit viel Gespür für Melismatik, Wortmelodien und rhythmische Strukturen werden zunächst lyrische Variationen vorgeführt, die im Unterricht gut zur Sensibilisierung der Schülerinnen und Schüler eingesetzt werden könnten. Die visuelle wie akustische Dimension des artifiziell eingesetzten Wortes tritt an einprägsamen Beispielen hervor, deren Fülle zunächst vielleicht verwirrt, aber auch den eigenen Spürsinn aktiviert. Ganz im Sinne eines erweiterten Textbegriffes, der dem Selbstverständnis des Deutschunterrichts und dem Reservoire seiner traditionellen Gegenstandsbereiche einen inzwischen allenthalben spürbaren Impuls verleiht, werden scheinbare Genregrenzen durch Medientransformation überwindbar. Dass dafür beispielhaft Eichendorffs romantisches Gedicht "Der Abend" genutzt wird, zeigt, welche Potenziale auch und gerade in solchen zweifellos "sehr traditionellen" Texten mit ihren reichen semantischen Bezügen verborgen sind. Schade nur, dass in der Publikation eine mögliche visuelle Transformation des Gedichts ebenso ausgespart bleiben musste wie die Wiedergabe der sechseinhalbminütigen professionellen Klanginstallation, die zwar eindrucksvoll beschrieben (also eigentlich verbal „rücktransformiert”) wird, was aber das Hörerlebnis wohl nicht ersetzen kann. Anregungen für kreativen, ergebnisoffenen Unterricht bieten sich in jedem Falle.

Die Herausgeberin selbst widmet ihren eigenen Beitrag „Zuhören als Gewaltprävention?” einem sensiblen und leider hochaktuellen Thema: Gewalt und Aggressivität unter Kindern und Jugendlichen. Dabei hält sie sich nicht bei den ebenso griffigen wie undifferenzierten Schablonen zunehmender Gewaltbereitschaft und Gewalterfahrung in der Gesellschaft auf, sondern lässt sich auf die (gerade Pädagogen sehr zu empfehlenden, weil Kenntnislücken schließenden) Positionen des Soziologen Waldemar Vogelgesang oder des Journalisten Klaus Farin ein. In diesem Kontext fragt Wermke, ob und wie die Fähigkeit des Zuhörens präventiv in Bezug auf Gewaltfaszination wie -ausübung wirken kann. (Wie naheliegend diese Fragestellung ist, verdeutlicht übrigens täglich das Fernsehprogramm: Selbst in angesehenen Gesprächssendungen wie „Sabine Christiansen” oder „Berlin Mitte” artet das Unvermögen, dem Verfechter einer anderen Position einfach nur zuhören zu können, regelmäßig in aggressives und damit kaum mehr auf Verständigung als vielmehr auf ein „Niederbrüllen des Gegners” gerichtetes Verhalten aus. Die Vorbildwirkung für Diskussionen mit bzw. unter Jugendlichen sollte nicht unterschätzt werden.)

Jutta Wermke verknüpft zunächst geschickt wahrnehmungs-physiologische und -psychologische Aspekte mit Kommunikationstheorie, Literaturgeschichte und Jugendkultur, ohne ins Theoretisieren zu verfallen. Im Gegenteil - bereits hier finden sich in der Sensibilisierung für die uns umgebende Klang- und Geräuschfülle Anregungen für eine bewusste akustische Wahrnehmung unserer Umwelt. Diese stellt keinen Selbstzweck dar, sondern bietet Gelegenheit für differenzierte ästhetische Bewertungen, die Subjektivität, Generationsspezifik und damit Unterschiedlichkeit durchaus nicht aussparen sollten. Die Verbindung zum Unterricht (Jutta Wermke orientiert auf die Schuljahrgänge 7 bis 10) stellt sich über Verfremdung her: Nicht Gewalt an sich wird thematisiert, sondern in der akustischen Erfassung und Ausdeutung verschiedener Werke der abstrakten bzw. surrealistischen Malerei als Dimension, als Qualität präsent. Dies verhindert das allzu schnelle, rezeptartige Abarbeiten löblicher, doch wirkungsarmer Vorgaben und eröffnet dem Unterricht Spiel-Räume im Wortsinn. Klee, Dali, Munch oder Picasso - die Visualität der ausgewählten Bilder offenbart mit sparsamer wie zielgerichteter Hilfestellung plötzlich einen intensiven und variantenreichen Klang, der sich nicht in der inneren rezeptiven Wahrnehmung (und dem möglichen Austausch darüber) erschöpft, sondern dem durch aktives, kreatives Handeln sozusagen akustische Gestalt verliehen werden könnte. Wie weit die Bezüge dieser unterrichtlichen Verbindung von Deutsch, Kunsterziehung und Musik reichen können, sei an den Gemälden „Guernica” (Picasso) und „Vorahnung des Bürgerkrieges” (Dali) nur angedeutet, wo Geschichte und Geographie, ethische Erziehung und politische Bildung Wesentliches beitragen könnten.

Vom SEHEN geht Bettina Heck in ihrem Beitrag aus, der „Medienvergleich als Methode” am Beispiel von Max Frischs Roman „Homo faber” und seiner Verfilmung durch Volker Schlöndorff thematisiert. Der Roman gehört seit langem zum Literaturkanon der gymnasialen Oberstufe, auch die Verfilmung steht seit gut zehn Jahren in den Regalen der Medienstellen - der reine Neuigkeitswert dieses Unterrichtsvorschlags erscheint also zunächst gering, zumal Wolfgang Gast und andere hierzu bereits substanzielle Beiträge geliefert haben. Die Autorin verknüpft für ihren Ansatz den Inhalt sehr stark mit der ästhetischen Ebene beider Kunstwerke, um bei Schülern trotz deren völlig anderer Seh- und Lesegewohnheiten Interesse für den Gegenstand zu wecken. Der Vergleich, das Entdecken von Gemeinsamkeiten und Unterschieden also soll die eigentliche Spannung im Unterrichtsgeschehen erzeugen, gerade wenn - wie es Bettina Heck evoziert - der Lehrende sich moderierend zurücknimmt und selbst offen für unerwartete Erkenntnisse und Wertungen zeigt. Wirklich hilfreich für den Unterricht erweist sich das akribische Vorgehen der Autorin, die in übersichtlicher Tabellenform sowohl Textabschnitte des Romans als auch zugehörige Filmsequenzen ausführlich protokolliert und analysiert. Deutlich wird - und dies kann nicht oft genug wiederholt werden -, dass es nicht Ziel der (beliebten) Methode des Medienvergleichs sein kann, „das eine Medium zum Maßstab des anderen zu erklären”. Vielmehr schärft ein derartiges Vorgehen die subjektive Wahrnehmungsfähigkeit, die Sensibilität der Sinne und die Bereitschaft, sich phantasievoll auf den Blick hinter den Schein der Dinge einzulassen. Der Unterricht kann damit sozusagen einen Gegenentwurf anbieten zu der eingeschränkten Wahrnehmungsfähigkeit, der „Bildnisproblematik” (Bettina Heck), des Roman- und Film-Protagonisten Walter Faber.

Den so genannten Neuen Medien und ihren Herausforderungen an den Deutschunterricht stellen sich Beate Laudenberg, Olaf Schneider sowie Matthias Berghoff und Volker Frederking in ihren Beiträgen, die den Band „HÖREN und SEHEN” abrunden und beschließen. Hier reicht die Spanne von der Nutzung des Internets als Informationssteinbruch, der erst durch den kompetenten Einsatz von Suchmaschinen handhabbar wird (wobei die gefundene Hommage des 17-jährigen Konstantin Wecker an Altmeister Brecht wirklich eine köstliche Entdeckung ist ...), über webbasierte Lernumgebungen (von deren Praktikabilität im schulischen Kontext ich allerdings immer noch nicht restlos überzeugt bin ...) bis zur Virtualisierung von Literatur.

Insgesamt also stellt „HÖREN und SEHEN” meines Erachtens eine sehr empfehlenswerte Handreichung mit hohem inhaltlichem Anspruch und schulpraktischem Bezug dar. Auch wenn (bzw. weil) die Einzelbeiträge inhaltlich und methodisch nicht ausschließlich Neues zu bieten haben, weist ihre Summe doch eindrucksvoll nach, dass im 21. Jahrhundert beim Stichwort Medienerziehung längst nicht nur Computerfreaks auf ihre Kosten kommen.





Jutta Wermke (Hrsg.), Hören und Sehen, KoPäd-Verlag, München, 2001




17.08.2002 Anonymus
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