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Lohnendes Experiment: „BÜCHNER.LENZ.LEBEN“

Aktueller Film weicht die Grenzen eines Genres auf

Ein hinzugedichteter Dialog, eine gestrichene Figur, vielleicht sogar ein alternatives Ende: Literaturverfilmungen bieten stets Stoff für Diskussionen. Einen neuen Weg beschreitet Isabelle Krötsch als Regisseurin von „Büchner.Lenz.Leben”. Der ungewöhnliche Film ist zur Zeit in deutschen Programmkinos zu sehen.


Krötschs erster Langfilm beginnt mit einer gewagten Szene. In einer Zeit, in der Computer-Animationen ein Millionenbudget verschlingen und lange Kameraeinstellungen mit wenigen Schnitten die Zuschauer nervös machen, ist erst einmal nur eine graue Leinwand zu sehen. Ihre Funktion ist offensichtlich: den Blick - oder vielmehr das Gehör - auf das Wesentliche zu lenken. Das ist in diesem Fall das Wort. Hans Kremer liest aus Georg Büchners epochalem Werk "Lenz", über zwei Minuten lang, mit ruhiger, klarer Stimme.

Nahezu meditativ sind auch die ersten Bilder des Films. Verschneite Berge werden allmählich erkennbar, die Kamera dreht sich bedächtig weiter, gleitet über Hänge und Wipfel. Diese fast schon provokante Gelassenheit hält über anderthalb Stunden an, etwa, wenn Lenz – dargestellt ebenfalls von Kremer – sich in aller Ruhe ankleidet.

Dass der Schauspieler mal den Dichter Lenz verkörpert und mal als Vorleser auftritt, greife lediglich den Wechsel der Identifikationen auf, der das Lesen literarischer Erzählwerke für gewöhnlich begleite, erklären die Macher: Mal befinde sich der Leser außerhalb des Geschehenen, mal verschmelze er mit einer Figur innerhalb der Erzählung. Indem der Film diesen Effekt nachzuahmen versucht, bricht er mit der üblichen, stringent nacherzählenden Darstellungsweise von Literaturverfilmungen.

Oft werfen Kritiker deutschen TV- und Filmemachern vor, zu wenig Neues zu versuchen. Bei „Büchner. Lenz. Leben” ist das Gegenteil der Fall; der Film mutet dem Zuschauer lange Pausen zu, intensive Blicke der Hauptfigur direkt in die Kamera, den nahezu vollständigen Verzicht auf Musik, aufwändige Kostüme oder Spezialeffekte. Entstanden ist ein Experiment, auf das es sich einzulassen lohnt.

Von Paula Konersmann








04.06.2015CBK Online-Redaktion
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