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Fantasy-Literatur: Viel geschmäht und heiß geliebt!

Rezensionen neuerer Fantasy-Literatur

„Viel geschmäht und heiß geliebt“ - unter diesem Titel fand im Februar 2010 in der Frankfurter Goethe-Universität eine Fortbildungsveranstaltung des Landesverbandes Hessen für Lehrerinnen und Lehrer aller Schulstufen statt. Heft 3/2010 der „Mitteilungen des Deutschen Germanistenverbandes“ bietet eine ausführliche Vorstellung der inhaltlichen Schwerpunkte.

Maren Bonacker von der „Phantastischen Bibliothek Wetzlar“ hat einige ihrer Rezensionen aktueller Fantasy-Literatur zur Verfügung gestellt. Sie sind als Printversion erschienen in verschiedenen Ausgaben des kritischen Monatsmagazins für Kinder- und Jugendmedien, Leseförderung und Lesekultur: Bulletin Jugend & Literatur.


Eine zusammenfassende Übersicht dieser Rezensionen steht als pdf-Datei zur Verfügung

Rezensionen neuerer Fantasy-Literatur

Auswahlliste Fantasy Fiction

Die folgenden Kurzfassungen sind ausführlicheren Rezensionen von Maren Bonacker – Leiterin der Kinder- und Jugendabteilung der Phantastischen Bibliothek Wetzlar – entnommen.

  • Philip Caveney: Der falsche König. Sebastian Darke Band 1, cbj, 2007.
  • Philip Caveney: Der Piratenprinz. Sebastian Darke Band 2, cbj, 2008.

Für Kinder ab 10 Jahren eine lesenswerte Fortsetzungsgeschichte. Sebastian Darke ist der Sohn eines Hofnarrren und möchte gern selbst einer werden, obwohl er keinerlei Talent dafür hat. Er hat spannende Abenteuer zu bestehen, und natürlich gibt es eine liebenswerte Prinzessin, einen bösen Onkel und eine zauberkräftige fiese Hexe und einen geheimnisvollen Schatz. Ein bisschen wie Indiana Jones und Schatzinsel für Jüngere!

  • Henry Chancellor: Tom Scatterton und der Saphir des Maharadscha. Hamburg: Carlsen 2008.

Ebenfalls für Kinder ab 10 Jahren ist die Geschichte um Tom eine sehr spannende Lektüre. Nachdem Toms Eltern auf einer Expedition verschwunden sind, lebt er mit seinem Onkel in einem vernachlässigten Museum mit seltsam lebendig scheinenden ausgestopften Tieren. Im Museum entdeckt er durch einen Schrankkoffer – klassischer Eingang in eine andere Welt – den Weg in eine Parallelwelt, in der er die Spur seiner Eltern entdeckt und faszinierende Abenteuer erlebt.

  • Zizou Corder: Lee Raven. München: Hanser 2009.

Ein kleiner Taschendieb stiehlt ein Buch, obwohl er nicht lesen kann: einen Comic, den er von früher kannte. Und das ist ein phantastisches Buch, nämlich JEDES Buch. Was immer man wünscht, findet man darin. Und wer nicht lesen kann, dem erzählt das Buch seine Geschichten. Das wollen natürlich auch andere haben, und so wird ein temporeicher Krimi geboten, in der Zukunft angesiedelt, voller Magie und - eine Hommage an das Lesen! Für Jugendliche - das Buch könnte auch Jungen begeistern.

  • Zoran Drvenkar: Zarah. Du hast doch keine Angst, oder? Illustrationen: Martin Baltscheid. Berlin: Bloomsbury 2007.

Eine der vielen Rotkäppchenadaptionen, aber die hat es in sich. Es geht um Mobbing und Ausgrenzung, denn vier Mädchen versuchen das kleinere mit dem roten Band im Haar ständig in Angst und Schrecken zu versetzen. Schauplatz ist – versteht sich – der Wald. Doch das kleine Mädchen fürchtet sich nicht, und die anderen werden in ihrer eigenen Falle gefangen mit einem bitterbösen Ende. Der Text ist kongenial graphisch umgesetzt worden von Martin Baltscheid. Das ist Buch ist für Erwachsene und Kinder gleichermaßen zu empfehlen.

  • Nancy Farmer: Drachenmeer. Bindlach: Loewe-Verlag 2005.

In ihrem Roman bringt Nancy Farmer ihren Lesern die nordische Mythologie näher. Ihr Protagonist Jack, ein Erdmagier, muss sich mit seiner Kenntnis der Kräfte der Erde bewähren im Kampf gegen grausame Gegner. Positiv ist festzuhalten, dass Gut und Böse hier nicht eindeutig getrennt erscheinen, auch einzelne Figuren vielschichtig sind und sich weiter entwickeln. Lesegeübte Jugendliche und Erwachsene sind die Adressaten dieses Romans.

  • Antonia Michaelis: Jenseits der Finsterbachbrücke. Die Geschichte einer Freundschaft, die keine Mauern kannte. Vignetten: Constanze Spengler. Hamburg 2009.

Eigentlich eine gute Sache: Eine Junge findet endlich den lang ersehnten Freund. Aber in die idyllische ländliche Waldgegend zieht mit dem neuen Freund Unheimliches und Böses ein. Die Menschen bekommen Angst, und die bis dahin heile Welt des Jungen wird mehr und mehr in Frage gestellt. Was hat sein neuer Freund damit zu tun? Antonia Michaelis nutzt fantastische Handlungselemente, um ein Parabel zu schreiben, in der gesellschaftliche Gegensätze, soziale Missstände und politische Auseinandersetzungen thematisiert werden. Gleichzeitig ist es eine großartige Geschichte um Freundschaft und Verlust. Die gekonnte Spannungsführung verführt zum Lesen „in einem Rutsch“. Für Jugendliche und Erwachsene!

  • Chris Mould: Schrecklich schaurige Piraten. Illustrationen: Chris Mould. Ravensburger 2009.
  • Chris Mould: Grässlich gruselige Geister. Illustrationen: Chris Mould. Ravensburger 2009.
  • Die Abenteuer des Stanley Buggles, Bde. 1 und 2

Chris Mould gilt als die „gruselbuchtechnische“ Entdeckung des Jahres 2007. Man nehme: einen spindeldürren Elfjährigen, der ein unheimliches Haus in einem unheimlichen, abseitigen Dorf geerbt hat und dort seine Ferien allein verbringen darf mit …… einem Werwolf, tot-lebendigen und stinkenden Piraten, auferstandenen Geistern Verstorbener, sprechenden Köpfen und Gegenständen! Das Ganze verpackt in eine geschickte Orts- und Personenwahl, in anschaulich-gruselige Schilderung und einen findigen Text – zugeschnitten auf eher lesefaule Jungen ab 9 Jahren. Natürlich ist der Junge ein Held und besiegt die bösartige Gruselmeute.

  • Philip Reeve: Lerchenlicht oder die Rache der Riesenspinnen! oder zum Saturnring zurück! Ein Exempel dramatischen Heldentums in den entlegensten Gefilden des Weltraums. Illustration: David Wyatt. Berlin 2007.
  •  Philip Reeve: Sternstunde oder die Verschwörung der Moopse! oder unsere Abenteuer in der vierten Dimension! Die packenden Erlebnisse eines heldenhaften Britenknaben im Meer von Raum und Zeit! Illustration: David Wyatt. Berlin 2009.

Very bristish! Und das in der britischsten Zeit der Queen Victoria. Aber alles ist in den Weltraum verlegt, in den das Empire ja bekanntlich nicht vorgedrungen ist. Eine sehr abenteuerliche Familiengeschichte wird erzählt, in der selbstredend die Kinder – ein Mädchen und ein Junge – die Eltern retten und nebenbei die Geheimnisse des Weltraums entschlüsseln, indem sie grandiose Abenteuer bestehen. Reeve mixt Elemente der Science Fiction, historische Parallelwelten und spannende Piraterie. Es sei nur das Haus der Familie erwähnt, in dem oben oben, aber auch unten oben und auch die Seiten oben sind. Ganz klar hingegen ist die Struktur der Romane: Die komplizierten Titel knüpfen schon an die Tradition der Romane des 18. und 19. Jahrhunderts an, ebenso die komplexen Handlungsstränge, die „wissenschaftlichen „ Erläuterungen und die elaborierte, etwas altertümliche Sprache.

Ein Vergnügen für erfahrene Leseratten – Jugendliche und Erwachsene!

  • Marlene Röder: Im Fluss. Ravensburg 2007.

Eine phantastische, spannende Geschichte, in der alles im „Fluss“ ist. Ein Mädchen zieht mit ihren Eltern in einen Ort an einem schönen Fluss, sucht Anschluss, findet ihn … und dann beginnen die unheimlichen Ereignisse, als sie versucht, Personen und Ereignisse genauer kennen zu lernen. Die äußere Idylle entpuppt sich schnell als Bedrohung. In einer vielschichtigen Erzählstruktur – drei Ich-Erzähler im Rhythmus eines Jahres, dessen vier Jahreszeiten in unterschiedlichen Perspektiven beschrieben werden – entfaltet Marlene Röder eine fesselnde Geschichte um Liebe und Tod. Möglich für LeserInnen ab 12 Jahren.

  • Jonathan Stroud: Die Spur ins Schattenland. München 2008.

Auf den Spuren der „Brüder Löwenherz“ erzählt Stroud, wie das Mädchen Charlie mit dem Unfalltod ihres Freundes Max, den sie vielleicht hätte retten können, fertig zu werden versucht. Sie glaubt, ihn zurückholen zu können aus dem Schattenland, in das sie in ihren Träumen immer wieder eintaucht. Die Grenzen verwischen sich für sie zwischen den Welten, und ihre Familie erlebt sie als zunehmend psychisch gefährdet. Für den Leser eröffnet Stroud zwei Perspektiven, indem er einmal Charlie erzählen lässt und parallel dazu ihren Bruder, der die Situation anders wahrnimmt und seine Schwester retten will. Die Waage neigt sich am Ende nicht zugunsten der inneren und der äußeren Welt. Der Leser muss sich ein Urteil bilden. Anspruchsvoll, gleichwohl spannend zu lesen: ab 12 Jahren

  • Jonathan Stroud: Valley. Tal der Wächter. München 2009.

Die Welt der nordischen Sagen mit ihren Helden, ihren Kämpfen und Rachefeldzügen, ihren Ritualen und Traditionen – das alles lässt Jonathan Stroud fröhliche Urständ feiern. Dabei bedient er sich eines bewährten Plots: In einem abgeschlossenen Tal – niemand kann hinein oder heraus, denn mächtige und gefräßige Trolde leben in den Wäldern ringsum – leben 12 Familien, beschützt durch ihre Ahnen. Ihr Dasein ist ebenso ruhig wie langweilig. Das ändert sich, als es zu Streit und Mord kommt. Alte Feindschaften brechen auf, und der „Held“ will nicht nur Rache nehmen, sondern auch mit einer Gefährtin das Tal verlassen. Er findet die schlimmsten Ahnungen über die Außenwelt bestätigt. Kleine Prologe zur Geschichte des Tals leiten die Kapitel ein. Sie werden immer düsterer und grässlicher, lassen das Bild der vermeintlich gütigen Stammesväter mehr und mehr verblassen. Dieser Roman ist nicht so temporeich und witzig wie Bartimäus, aber sorgfältig erzählt, vor allem in Bezug auf die Anschaulichkeit der alt-nordischen Mythenwelt. Ab 12 Jahren!

  • Brandon Sanderson: Alcatraz und die dunkle Bibliothek. München 2008.

Alcatraz? Da war doch was! Ja richtig. Da handelt es sich doch um das Hochsicherheitsgefängnis auf der gleichnamigen Insel vor San Francisco mit unglaublichen Geschichten. Unglaublich ist diese Geschichte auch: Wie Harry Potter lebt Alcatraz – das ist nämlich der sinnreiche Name eines Jungen – in einer Pflegefamilie, weiß kaum etwas über seine Eltern und erfährt mit 13 Jahren, dass er die Welt retten soll gegen die Bösen an sich – Bibliothekare! Denn die fälschen die Realität, indem sie sie in Büchern so darstellen, wie es ihren Zielen dient. Alcatraz Eltern sind in diesem Kampf um ihr Leben gekommen. Tja, wer’s mag! Aber ein schöner Lesespaß ist entstanden, da der Autor das alles nicht ernst nimmt und vergnüglich mit literarischen Vorbildern spielt. Für alle Alterstufen von 12 – 100!





Rezensionen neuerer Fantasy-Literatur 09/2010

Fantasy-Literatur: Viel geschmäht und heiß geliebt!

3/2010 Germanistik – Ein Blick von „draußen“




28.10.2010Ursula Zierlinger
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