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Ein Nobelpreis für gute Rechtschreibung

Der Fachverband Deutsch fordert einen intensiveren Schreibunterricht

Im Mai 2015 erklärt eine schleswig-holsteinische Deutschlehrerin bei einem Elternabend einer 7. Klasse im Gymnasium, Rechtschreibung werde jetzt in der Sekundarstufe I nicht mehr benotet. Deutschlehrer/innen in Schleswig-Holstein sind ihrer Korrekturpraxis verunsichert. Denn der Fehlerquotient, der viele Jahre lang zur Korrekturpraxis gehörte, ist relativiert worden, und die Lehrkräfte fragen sich, wie sie die Sprachrichtigkeit künftig bewerten sollen.


Dabei geht es nicht darum, die Rechtschreibung nicht mehr zu bewerten, sondern es soll nur ein abgesenkter Fehlerquotient gelten, weil in anderen Bundesländern ein Fehlerquotient nicht zur Bewertung der Rechtschreibung herangezogen wird. Zugleich soll erreicht werden, dass nicht rein quantitativ und schematisch bewertet wird, sondern die Qualität der Fehler auch eine Rolle spielen soll.

Die Veränderung des Fehlerquotienten bei der Korrektur von schriftlichen Arbeiten im Fach Deutsch in Schleswig-Holstein ist der Anlass, über den Rechtschreib-Unterricht neu nachzudenken. Ursachen für eine zurückgehende Rechtschreibsicherheit lassen sich leicht
benennen: der Umgang der Jugendlichen mit technischen Medien, Migrationshintergründe, bildungsferne Elternhäuser, die Kürze der bei Klausuren zur Verfügung stehenden Zeit, nachlassende Konzentration u.a. Es ist auch nachvollziehbar und begrüßenswert, dass das Bildungsministerium und Eltern erreichen wollen, dass sich die Beurteilung der Rechtschreibung nicht nach Bundesländern unterscheidet.

Nachdrücklich herauszustellen ist jedoch: Rechtschreibung ist eine grundlegende und wertvolle Kompetenz, die nicht nur gesellschaftliche Integration, sondern auch persönliche Bildung der Einzelnen befördert. Das Ziel, dass Heranwachsende richtig, sicher und gut schreiben, kann nicht relativiert werden, weil es im Vergleich mit anderen deutschunterrichtlichen Zielen von großem Gewicht ist, denn:

– Alphabetisierung ist ein gesellschaftlicher Wert.

– Verständigung untereinander wird durch richtig geschriebene Texte erreicht. Zwar kann man auch fehlerhaft geschriebene Texte – bis zu einer gewissen Grenze – verstehen, aber damit wird die Kommunikation schwierig und belastet.

– Allgemeinpädagogisch aktiviert das Lernen von Rechtschreibung Gehirnaktivitäten aller Art. Das wird aktuell auch bei der Diskussion über die Vorteile einer verbundenen Schreibschrift festgestellt.

– Eigenaktivität, das Entdecken von Regeln und Mustern, Konzentration und Selbstüberprüfung schaffen lerntheoretisch intrinsische Motivation – auch für andere Lerngebiete.

– Rechtschreibung setzt eine Haltung zum eigenen Tun voraus und stärkt diese Haltung zugleich. Lernen hat mit Ernsthaftigkeit, Disziplin und Ausdauer zu tun: Haltungen, die bei allem Lernen und der Gestaltung des eigenen Lebens wirken.

– Die ethische Dimension des Lernens im Bereich von Erziehung und Bildung spielt für Lernen und Handeln in der Welt eine große Rolle.

– Fachdidaktisch bringt Rechtschreibunterricht Einsichten in die Struktur und die Geschichte der Sprache, hier in die drei Prinzipien der Rechtschreibung – das alphabetische, das silbische und das morphematische.

– Freude beim flüssigen und richtigen Schreiben von eigenen Texten generiert Ideen, Kreativität und Flow.

– Für Ausbildung, Studium und Beruf bringt Rechtschreibsicherheit Vorteile.

– Die gesellschaftliche Repressivität, die mit dem Erlernen der Rechtschreibung verbunden ist, wird zwar gegenwärtig kritisiert (Foucault), keiner der Jugendlichen, die jetzt schreiben lernen, wird aber gesellschaftlicher Repressivität entgehen, indem er nicht mehr lernt, richtig und gut zu schreiben.

Besser als Albert Camus es in seiner begeisternden Autobiographie Der erste Mensch schildert, welche Bedeutung eine solide Grundbildung hat, kann man es nicht sagen. Camus erzählt von seiner Kindheit in der Rue de Lyon in Algier. Der spätere Nobelpreisträger lebt, wie man heute sagen würde, unterprivilegiert in ärmlichen Verhältnissen. Nachdem er den Nobelpreis erhalten hat, schreibt er einen Dankesbrief an seinen Grundschullehrer, der es ihm ermöglicht hat, sich aus der sozialen Misere durch Bildung herauszuarbeiten.

Im Gymnasium gab es nur den »Wettstreit der Intelligenz und der körperlichen Gewandtheit bei den Spielen. In beiden Wettbewerben waren die beiden Kinder [Jacques, d.i. Albert Camus, und sein Freund] nicht die Letzten. Die solide Ausbildung in der Volksschule hatte ihnen eine Überlegenheit gegeben, die sie von der Sexta an in die Spitzengruppe brachte. Ihre unerschütterliche Orthographie, ihr solides Rechnen, ihr geschultes Gedächtnis und vor allem der Respekt, der ihnen vor jeder Art Wissen eingebläut worden war, bildeten entscheidende Trümpfe.« [Albert Camus: Der erste Mensch. Reinbek bei Hamburg 2013, S. 5.]

Bildung (Lesen, Schreiben, Rechnen,Wissenserwerb) als Chance für sozialen Aufstieg und gesellschaftliche Partizipation – das gilt auch gegenwärtig weltweit.

Der Fachverband Deutsch hat die Veränderung des Rechtschreibquotienten zum Anlass genommen, zusammen mit Experten darüber nachzudenken, was die Korrekturpraxis bisher für die Transparenz derNotengebung, aber auch für Weiterentwicklung der Sprachrichtigkeit bei den Lernenden geleistet hat, welche Wege es geben kann, eine angemessene, landesweit und notwendigerweise auch bundesweit vergleichbare, gerechte Bewertung der Sprachrichtigkeit zu erreichen, und wie die Kompetenz der Lernenden, richtig und gut zu schreiben,
weiterentwickelt werden kann.

Diesem Ziel diente eine Veranstaltung des Fachverbandes, bei der zahlreiche Aspekte thematisiert wurden. In der anschließenden Diskussion wurden Handlungsimpulse entwickelt, die zu Korrekturgerechtigkeit und verbesserte Sprachkompetenz der Jugendlichen führen sollen.

Über die Veranstaltung berichteten die Kieler Nachrichten am 27. März 2015. Sie titeln mit der Frage: »Wie wichtig ist Rechtschreibung?« Der Fachverband Deutsch ist dagegen der Auffassung, dass diese Frage beantwortet ist. Rechtschreibung ist eine grundlegende, unverzichtbare Kompetenz. Es müssen jetzt institutionell mehr Möglichkeiten geschaffen werden, die Jugendlichen helfen, eine sichere und gute Schreibpraxis zu entwickeln. Der Vorstand des Fachverbands Deutsch schlägt den Verantwortlichen im Bildungsministerium vor, mehr Zeit in Form einer zusätzlichen wöchentlichen Schreibstunde und differenzierte, individualisierte Übungsmaßnahmen, z.B. in Form von Coachings, zur Verfügung zu stellen. Eine größere Schreibsicherheit käme den Jugendlichen in allen Schulfächern zugute, »durchgängige Sprachbildung« würde von einer theoretischen Maxime, von einer bloßen Forderung, zu schulischer Praxis.

Ein begrüßenswerter erster Schritt der Bildungsministerien zeichnet sich ab, denn zum ersten Mal seit vielen Jahren soll auch die Rechtschreibleistung im Rahmen eines Leistungs-Ländervergleichs der vierten Grundschulklassen im Jahre 2016 ermittelt werden [vgl. Heike Schmoll: Rechtschreibtest für Grundschüler. Kultusminister einigen sich. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14. März 2015, S. 6]. Da ist es weise und vorausschauend, schon jetzt mit Verbesserungen im Rechtschreibunterricht zu beginnen.

Über die Ergebnisse dieser Initiative des Fachverbands Deutsch wird bei der nächsten Sankelmark-Tagung berichtet.

Almut Hoppe

Die Stellungnahme der Studienleiterin und ehemaligen schleswig-holsteinischen Landesvorsitzenden des Fachverbands Deutsch und Bundesvorsitzenden der Fachgruppe der Deutschlehrer ist erschienen im Rundbrief 47/2015, S. 4-6.








09.11.2015CBK Online-Redaktion
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