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Faktum und Fiktion

In seinem Vortrag "Erzählen zwischen Faktum und Fiktion" stellte Prof. Matías Martínez sehr klar heraus, dass die Unterscheidungsmöglichkeit zwischen Faktum und Fiktion höchst problematisch sein kann.

Die Vermittlung von Abgrenzungskriterien im Deutschunterricht sei unverzichtbar. Für die Leser/Konsumenten sei eine hochgradige Fiktionskompetenz notwendige Voraussetzung, um Autoren, die in großem Maße über diese Fiktionsfertigkeiten verfügen, durchschauen zu können.


Martínez präsentierte fünf Fallbeispiele, in denen ganz unterschiedliche Vorgehensweisen zur Anwendung kamen.

  • Recherchierte Faktualität

Der Spiegelredakteur René Pfister hatte 2011 den Egon Erwin Kisch-Preis für die beste Reportage erhalten – ein Portrait des bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer. Der Preis wurde ihm aberkannt, nicht wegen fehlender Qualität, sondern weil er Seehofers Umgang mit seiner Modelleisenbahn im Keller seines Hauses zwar detailgenau beschrieben habe, selbst aber nie dort gewesen sei. Seehofer hatte nichts zu beanstanden gehabt.

Es müsse in einer seriösen Reportage erkennbar sein, ob eigene Beobachtung zugrundeliege oder welche Quelle genutzt worden sei. Dies sei im vorliegenden Text nicht der Fall.

Die Jury blieb bei der Aberkennung des Preises, obwohl alles der Wahrheit entsprach. Nicht nur die Spiegelredaktion protestierte, da jede Reportage nicht nur aus Erlebtem, sondern auch aus Gelesenem und Erfragten bestehe.

  • Gefälschte Faktualität

Janet Cooke bekam 1981 den Pulitzer-Preis für einen Artikel in der Washington Post: "Jimmy’s world". Jimmy ist ein achtjähriger drogenabhängiger Junge, dessen brutale Lebenswirklichkeit packend geschildert wird. Der Artikel schlug hohe Wellen, es wurde sogar nach dem Jungen gefahndet, man fand ihn nicht, so dass er für tot erklärt wurde.

Im Zusammenhang mit Unstimmigkeiten in ihrem Lebenslauf – gefälschte Universitätsgrade – gab Janet Cooke zu, die ganze Geschichte erfunden zu haben.

Der Preis wurde Cooke aberkannt, obwohl die soziale Wahrheit des Textes evident war.

  • Funktionale und plausibilisierte Fikionalität für faktuale Geltung

1965 schrieb Truman Capote den weltweit Aufsehen erregenden Roman „In Cool Blood“. Es geht um den kaltblütigen Mord an einer Farmerfamilie, der 1959 tatsächlich stattgefunden hat. In einer aufwendigen Recherche näherte sich Capote dem Verbrechen: Gespräche mit der Polizei, den Richtern, offizielle Dokumente, umfangreiche Ermittlungen in der Umgebung, bei Nachbarn und Freunden, Kontakt mit den Mördern, die er bis zum Galgen begleitete. Capote habe mit seinem Roman das Genre der sogenannten „Non-Fiction-Novel“ begründet. Das ist nicht ganz richtig, denn der Text ist sowohl faktual als auch fiktional, denn Capote setzt z.B. einen allwissenden Erzähler ein, rekonstruiert Gespräche, die so nie stattgefunden haben. Er selbst gab den faktualen Anspruch nicht auf, sondern nannte sein Werk eine höchst wahrscheinliche Fiktion.

  • Simulierte Faktualität

Im Jahr 2000 war der Journalist Tom Kummer Mittelpunkt eines enormen Presseskandals. Er hatte spektakuläre Interviews mit Hollywoodgrößen im SZ-Magazin veröffentlicht. Es kam heraus, dass er diese Interviews nie gemacht hatte. Die Chefredakteure der Zeitung wurden daraufhin entlassen. Kummer gab zu seiner Verteidigung an, er habe Interviews mit dem Image, der virtuellen Existenz der Stars gemacht, die reine Medienprodukte seien. Seine Interviews seien Metareportagen – Simulation, aber keine Fälschung. Objektivität sei genau wie Wahrheit und Wirklichkeit ein Mythos.

  • Gefälschte und/oder traumatisch verschobene Faktualität

Binjamin Wilkomorski hat 1995 das Buch Bruchstücke. Aus einer Kindheit 1939-1948 veröffentlicht. Aus der Perspektive eines Kindes wird geschildert, was ihm in der Zeit des Nationalsozialismus und später geschehen ist: Ermordung der Eltern, Leben in zwei Konzentrationslagern, nach dem Krieg Waisenhaus in Polen und später Adoption durch ein Schweizer Ehepaar. Wilkomorski erhielt Literaturpreise für sein Werk, war ein gefragter Zeitzeuge, wurde von angesehenen Archiven befragt und in Fernsehfeatures vorgestellt. 1998 wurde aufgedeckt, dass Wilkomorski eine ganz andere Identität und Lebensgeschichte hatte. Die Urteile über Wilkomorski, eigentlich Dösseker, reichten von „plumper Fälschung“ bis zur „traumatisch bedingten Erinnerungsfälschung“ – der Autor hatte tatsächlich eine bittere Kindheit: uneheliches Kind, Waisenhaus, Misshandlungen.

In der Fachwissenschaft wurde der Fall Auslöser einer grundlegenden Diskussion zum literarischen Genre der Autobiographik.

 

Im Fazit betonte Martínez noch einmal, dass die Unterscheidung zwischen Fiktionalität und Faktualität aufgrund sprachlich-literarischer Kriterien oft sehr schwierig sei. Fiktionskompetenz müsse deshalb eine umfassende kulturelle Kompetenz sein, die vor allem auch fundiertes Kontextwissen einschließe.

 

Quelle: Prof. Dr. Matías Martínez (Bergische Universität Wuppertal): "Erzählen zwischen Faktum und Fiktion". Vortrag vom 2. März 2017 an der Goethe-Universität, Frankfurt am Main





Geschichte(n) Erzählen --- Tagungsbericht mit aufschlussreichen Materialien




22.05.2017CBK Online-Redaktion
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