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Spielarten der Graphic Novel

Eine kommentierte Leseliste

Unter dem Schlagwort „Graphic Novel“ sind unterschiedlichste Text-Bild-Produktionen versammelt. In seinem Vortrag „Spielarten der Graphic Novel“ bei der Fortbildungsveranstaltung "Literatur im Bilde" charakterisierte Dr. Bernd Dolle-Weinkauff (Goethe-Universität Frankfurt) die vielförmigen Möglichkeiten graphischen Erzählens.


Graphic Novels, die

  • Comicromane und in sich abgeschlossen sind.

Eine wesentliche Rolle spielt die Adaption literarischer Vorlagen, die Illustration von Klassikern. Immer mehr Gewicht gewinnen allerdings originäre Stoffe, die psychische Probleme von Kindern und Jugendlichen aber auch politische, soziale und gesellschaftliche Themen fokussieren.

a) Literaturadaptionen: beispielsweise: Tolkien, Der kleine Hobbit; Saint-Exupéry, Der kleine Prinz; Mark Twain, Tom Sawyer und Huckleberry Finn; Pausewang, Die Welle; Erich Kästner, Kinderbücher; Frank, Der Zauberer von Oz. Bei illustrierten Klassikern handelt es sich meist um stark verkürzte Versionen der Originale.

b) Originäre Stoffe:

Bravo, Emile/ Regnaud, Jean: Meine Mutter ist in Amerika und hat Buffalo Bill getroffen. Carlsen 2009.

Ein Kind muss den dramatischen Verlust seiner Mutter verkraften. Der Leser wird in die Phantasie des Kindes mit einbezogen, das sich die Mutter in einer imaginären Welt vorstellt.

Telgemeier, Raina: Smile. Panini 2013.

Eine Zahnspange tragen zu müssen, ist für Kinder oft eine Katastrophe. Vorpubertäre Probleme werden ernst genommen und doch humorvoll dargestellt.

Asano, Inio: Gute Nacht Pun Pun. Tokyopop, 11 Bde. 2013-15.

Asano nimmt sich der Lost generation in Japan an. Die wirtschaftliche Dauerkrise hat ein Prekariat entstehen lassen, das sich nach einer besseren Welt sehnt. Im Bild des traurigen Vogels Pun Pun wird dieses Selbstbild gespiegelt. Rettung scheint nur durch ein Kind möglich.

  • Comics sind, aber keine Novels.

Es handelt sich um inhaltlich hochambitionierte, teilweise beeindruckende Werke, in denen aber kaum narrative Strukturen zu finden sind.

Eisner, Will: The Contract with God and Other Tenement Stories. A Graphic Novel. New York/London 2006 (EA 1978).

Bereits 1978 gab Eisner das erste Buch „The Contract with God“ heraus und setzte damit Maßstäbe: ein Comic in Buchlänge für Erwachsene! Thematisch anspruchsvolle Geschichten um soziale und gesellschaftliche Enttäuschungen: Frustration, Desillusionierung, Gewalt. Sein Werk wird als „Graphic Novel“ bezeichnet, es ist aber ein ambitioniert erzählter Comic.

Kichka, Michel: Zweite Generation. Was ich meinem Vater nie gesagt habe. Ehapa 2014.

Thematisch greift Kichka Spiegelmans „Maus“  auf, arbeitet aber formal absolut konträr. Gags, Witze, Nöte und Freuden von Überlebenden des Holocaust werden in lockerer Folge, ohne zusammenhängenden Handlungsverlauf  zusammen gefügt.

Hogh, Alexander/Mailliet, Jörg: Tagebuch 14/18. Vier Geschichten aus Deutschland und Frankreich. Tintentrinker Verlag 2014.

Ein deutsch-französischer Comic, in dem die Tagebücher von zwei Franzosen und zwei Deutschen die Grundlage für eine bruchstückhafte, aber sehr beeindruckende Darstellung der Kriegstraumata sind.

  • Novels, aber keine Comics sind.

In diesen Beispielen wird die Grammatik, also das Verhältnis von Bild und Schrift jeweils neu und anders erfunden. Äußerst raffiniert wird auf mehreren Ebenen von Text und Bild erzählt.

Kinney, Jeff: Gregs Tagebuch. Von Idioten umzingelt. Baumhaus 2008.

Der tägliche Überlebenskampf eines 13jährigen Jungen! Wer immer schon einmal wissen wollte, wie es in den Köpfen der Jungen aussieht, wie sie ihre Umwelt sehen, der wird hier äußerst amüsant bedient. Ein Erfolg bei Jung und Alt in bisher 10 Bänden! Erzählfunktionen werden vollständig vom Bild getragen. Schrift und Bild wechseln ab im Fortgang der Erzählung, also hat die Graphik nie die Funktion der Illustration.

Tetzner, Lisa/Binder, Hannes: Die schwarzen Brüder. Fischer Sauerländer, 21. Aufl. 2011.

Der berühmte Roman von Lisa Tetzner erschien schon 1940/41. Sie schildert darin das Schicksal der Tessiner Jungen, die nach Mailand verkauft wurden, um dort als lebende Kaminbesen brutal ausgebeutet zu werden. Sie wehrten sich schließlich und wagten den Aufstand im Bund der „ Schwarzen Brüder“. Hannes Binder beschäftigte sich lange mit der dunklen Geschichte und schuf 2002 eine graphische Erzählversion des Romans. Der Text selbst wird stark verkürzt auf etwa 10% und alterniert mit den Bildern. Schrift und Bild ergänzen sich. Das piktorale Erzählen ist von großer Bedeutung und verschränkt drei Ebenen miteinander: einmal den Weg der Jungen ins Elend (Landkarte), ihre Situation (Bild) und den Fortgang der Handlung (Text).

Svingen, Arne/Grav, Christoffer: Mit eigenen Augen. Sauerländer 2013.

Ein blindes Mädchen und ein Bild von einem Mann, der gerade in eine Karriere als Stern am Musikhimmel startet: Im Zusammenspiel zwischen Illustration und inneren Monologen entstand eine eindrucksvolle, raffiniert erzählte, sehr reflexionsgeprägte Liebesgeschichte.

  • Bilderbücher sind.

In diesen Büchern ist die Entwicklung der Graphic Novel seit langem antizipiert worden. Auch hier werden piktographische, narrative auch lyrische Elemente vielfach verknüpft.

Budde, Nadia: Such dir was aus, aber beeil dich. Fischer 2009.

Alles, was einem als Kind, nicht nur in der DDR, so passieren kann, wird ironisch, witzig und humorvoll in Comic-Form präsentiert.

Stevenson, Robert Louis/Wagenbreth, Henning: Der Pirat und der Apotheker. Hammer 2012.

Henning Wagenbreth hat eine Ballade von Robert Louis Stevenson in Szene gesetzt. Die Geschichte von zwei bösen Buben bietet ein breites Spektrum im Kampf zwischen Gut und Böse. Die Form der Moritat wird auf der Bildebene aufgenommen, Wimmelbilder, narrrative Elemente und interne Bildverknüpfungen treiben das Gedicht voran.

Tan, Shaun: Ein neues Leben. Carlsen 2008.

Was kann einen Menschen dazu bringen, alles zu verlassen und ein neues Leben zu suchen? Angesichts der aktuellen Flüchtlingsströme ein brisantes Thema! Tan arbeitet ohne Schrifttext, also kein narratives Werk. Lyrische Elemente setzt er in suggestive Bilder um, wie es Schriftsteller mit ihrer Sprache tun.

  • keine Graphic Novels sind. 

Es ist bei diesen Beispielen eher von stark verkürzten, illustrierten Texten bekannter literarischer Werke zu sprechen.

Seghers, Anna/Sharp, William: Das siebte Kreuz. Aufbauverlag 2015.

William Sharp, jüdischer Emigrant in den USA, illustrierte 1942 Anna Seghers Roman. Die graphische Bearbeitung Sharps erschien damals mit großem Erfolg in mehreren Fortsetzungen und wurde jetzt wieder neu aufgelegt. Es handelt sich um eine sogenannte „pictoral version“ mit einem sehr stark verkürzten Text.

Remarque, Erich Maria/Eickmeyer, Peter: Im Westen nichts Neues. Splitter-Verlag 2014.

Eickmeyer recherchierte sehr genau, z.B. in den noch erhaltenen Schlachtfeldern und Kampfschauplätzen des Ersten Weltkriegs, um die Situation der jungen Soldaten nachempfinden und graphisch darstellen zu können. Auch hier handelt es sich um eine Illustration des berühmten Romans, dessen Text auf ein Drittel gekürzt wurde.





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16.06.2016CBK Online-Redaktion
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