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Es war einmal - Märchen neu für den Unterricht entdecken

Fortbildungsveranstaltung des Landesverbandes Hessen im Deutschen Germanistenverband – in Zusammenarbeit mit dem Institut für Jugendbuchforschung an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main (23.02.2012)

 

Vor 200 Jahren erschien der erste Band der „Kinder- und Hausmärchen” in der Sammlung der Brüder Grimm. Der zweite Band folgte ein Jahr später. Dieses Jubiläum ist Anlass genug, Jacob und Wilhelm Grimm in diesem und im kommenden Jahr in den Mittelpunkt literarischen und wissenschaftlichen Interesses zu stellen.

In der vom hessischen Landesverband organisierten Fortbildungsveranstaltung wurde am 23. Februar 2012 über Märchen und ihre Qualitäten für den Unterricht diskutiert.


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Einige Vergleichs-Märchentexte (Aschenputtel, Rapunzel, Rotkäppchen; s.u.) stehen auch als pdf-Datei zur Verfügung.

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Im Fokus der Veranstaltung standen

  • Märchen und ihre spätromantische Mythisierung
  • die ungebrochene Popularität von Märchenstoffen in allen Medienformaten
  • neue wissenschaftliche Zugänge für den Unterricht
  • Konzepte existierender und geplanter Brüder Grimm-Museen

Märchen – kennen wir alles! Weit gefehlt. Zugespitzt formuliert: Die Brüder Grimm waren äußerst erfolgreich darin, ihren Zeitgenossen und auch den folgenden Generationen bis heute ihre Märchenadaption als die 'allein selig machende' zu suggerieren.

In seinem Vortrag "Märchen – (k)ein romantischer Mythos?" setzte sich Prof. Dr. Hans-Heino Ewers (Universität Frankfurt) mit dem "Alleinstellungsanspruch" der Brüder auseinander: Ihre Sammlung von originären oder wiederhergestellten Märchen solle so rein als möglich, solle unverstellt sein. Dieser Anspruch sei nicht eingehalten worden. Vielmehr sei die Sammlung deutlich stilisiert und beruhe auf einem hohen Anteil literarischer Quellen. Zudem stammten die Zuträger meist aus dem Bürgertum, dessen literarische Sozialisation frankophil war. Im Selbstzeugnis räumen die Brüder ein, dass der "Ausdruck von uns her rührt, was sich von selbst versteht". Ewers kam zu dem Schluss: Wilhelm schafft den volkstümlichen Ton, nicht das Volk. Es handle sich um Kunstmärchen, die zwar den Eindruck der Volkspoesie erwecken, jedoch eine individuelle literarische Leistung Wilhelm Grimms seien, orientiert am Geschmack der gebildeten Mittel- und Oberschicht. Wilhelms "Märchenton" habe die Lesekultur entscheidend geprägt, die bestehende Märchentradition beendet und eine neue begründet.

Im 18. Jahrhundert war vor allem das französische Märchen in Europa sehr verbreitet, meist Feenmärchen. Dabei handelte es sich um Erwachsenenliteratur, Liebes- und Heiratsgeschichten sowie Erziehungsgeschichten um Pubertät und Adoleszenz. Die Gegenwart wurde thematisiert. Ironie, Erotik, Allegorie kennzeichnen diese Märchen, oft gegen höfische Werte und wenig volkstümlich. In die Hochliteratur der Aufklärung und ihren pädagogischen Impetus passte das nicht.

Den Grimms sei es gelungen, diese Märchenliteratur in Verruf zu bringen, indem sie ihre Märchen als die reinen und ursprünglichen darstellten. Sie eliminierten die Moderne, Satire und Ironie, auch die Allegorisierung aus den Märchen, kreierten den andächtig-gläubigen Märchenton, erzeugten eine künstliche Mündlichkeit und erweckten damit den Eindruck, dass es sich um Erzählungen aus dem einfachen Volk handle. Kinder seien die Adressaten, so die Grimms, denn sie befänden sich in der urmenschlichen Entwicklungsstufe. Da es in der Reaktion auf die erste Ausgabe der Kinder- und Hausmärchen Elternproteste gab, habe Wilhelm die Märchen für die folgenden Ausgaben umgeschrieben und für Kinder Unpassendes gelöscht.

Die Probe aufs Exempel lieferte Ewers in einem Textvergleich: dasselbe Märchen in der Wiedergabe unterschiedlicher Sammler bzw. Herausgeber.

Jacob und Wilhelm Grimm sei vorzuwerfen, dass sie ihre Reputation als Sprach- und Geschichtsforscher nutzten, um andere als die eigenen Märchenversionen als Verfälschung zu brandmarken.

Es gelte, diese Entwicklung rückgängig zu machen und die alten Märchen wieder in ihren Rang zu heben. Material gibt es in Fülle: Straparola, Perrault, Feenmärchen, Wieland, Musäus. Dazu sind die Märchennovellen aus dem 16. bis zum  20. Jahrhundert zu entdecken: Perrault, Grimm, Basile, Rose de la Force. 

Der Vortrag "Grimms Märchen und die Literaturtheorie – Unterrichtsideen für die gymnasiale Oberstufe" schloss nahtlos an. Prof. Dr. Holger Ehrhardt (Brüder-Grimm-Stiftungsprofessur Universität Kassel) plädierte für den Einsatz literaturtheoretischer Modelle im Unterricht. Gerade bei den Märchen gelte es, Deutungsoffenheit nicht mit Willkür und Beliebigkeit zu verwechseln. Der psychoanalytische Ansatz sei zwar literaturwissenschaftlich umstritten, biete aber für Schüler einen anderen Blick auf Märchen. So lasse beispielsweise die Freudsche Traumsymbolik einen genaueren Zugriff auf die Bildsprache im Märchen zu. Auch die einfache, klischeehafte psychologische Deutung Bettelheims ermögliche Schülern den direkten Zugang zur Symbolik der Märchen, indem etwa der Frosch(könig) in seiner Adoleszenz- und Sexsymbolik analysiert werde.

Dr. Andreas Wicke (Universität Kassel) fokussierte die Problematik der Märchenadaptionen auf einen Vergleich der Veränderungen, die die Brüder Grimm an ihrer eigenen Arbeit vorgenommen haben: Handschriftliche Urfassung der Märchen (1810), Erstausgabe (1812/13) und Zweitausgabe (1819). Der didaktische und methodische Einsatz editionsphilologischer Verfahren sei in der Sekundarstufe II hervorragend geeignet, die Textzeugen (Varianten) in ihrer Differenz zu belegen und damit die Aussage der Brüder Grimm in Frage zu stellen, sie hätten gegenüber der mündlichen Überlieferung "aus eigenen Mitteln nichts hinzugesetzt".

Schulen können die vollständig digitalisierten Märchentexte nutzen unter de.wikisource.org.wiki/Märchen

Die handschriftliche Urfassung gibt es bei Reclam. Damit sei der Unterricht gut zu organisieren und unabhängig von der Computerausstattung der Schule.

Über die Methode des Textvergleichs seien vielfältige Untersuchungsaufträge sprachlich-grammatikalischer Analyse möglich, darüber hinaus lasse sich aber auch fächerübergreifend (z.B. Kontextwissen) und handlungsorientiert (z.B. Transformationsaufgaben) arbeiten.

Konkrete Aufgabenvorschläge sowie Literaturhinweise rundeten die Vorträge ab.

Burkhard Kling (Steinau a.d.Str.) und Martin Hoppe (Hanau) erweiterten das Spektrum für die Unterrichtsplanung zum Thema Märchen mit konkreten außerschulischen Angeboten. Das Brüder-Grimm-Haus in Steinau a.d.Str. biete weit mehr als Exponate in den Räumen und Vitrinen oder "Flachware" an den Wänden. Man werde gut eingeführt in die Familiengeschichte der Grimms und in das gesellschaftliche Leben der Zeit. An Illustrationen mangele es nicht, denn die Grimms hatten den Zeichner und Maler ja in der Familie – den ebenfalls berühmten dritten Bruder Ludwig Emil, der kongenial Leben und Werk der Brüder und der ganzen Familie begleitet habe.

Wer sich jedoch gründlicher in die Märchen und in das wissenschaftliche Werk einarbeiten möchte, kann sich im Museum einen guten Einblick verschaffen über die Originalhandschriften ebenso wie über mediale Zugänge, so etwa zum Wörterbuch. Hilfe bei der Organisation von Aufgabenstellungen werde vor Ort geboten. Genauer informieren kann man sich unter www.brueder-grimm-haus.de

Die Grimm-Stadt Hanau plant ein Brüder Grimm Kulturzentrum, das mit einem interaktiv-kommunikativen Konzept in die Zeit der Brüder Grimm "einsteigen" lassen wolle und zwar im wahrsten Sinn des Wortes: Mit dem Start im Berliner Arbeitszimmer solle ein virtueller Rückstieg in Leben und Arbeit der Brüder ermöglicht werden. Doch auch aktuell habe Hanau bereits ein breites Angebot zum Thema Grimm entwickelt: Kostüm- und Erlebnisführungen, Einführung in die Sprache des 19. Jahrhunderts oder Begehen historischer Pfade. Nähere Informationen unter www.grimms-m-hanau.de

Ursula Zierlinger, Landesverband Hessen

 

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Vergleichs-Märchentexte

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Giambattista Basile: Die Aschenkatze

… Das nächste Fest erschien, die Schwestern gingen wieder aus, und Lucrezia trat vor den Drachenbaum, worauf sie nach Wiederholung des Zauberspruches auf das prächtigste angekleidet und alsdann in einen goldenen Wagen gebracht wurde, den so viele Diener umringten, dass der ganze Aufzug dem eines auf einem öffentlichen Spaziergang arretierten, von Bütteln umringten Freudenmädchens glich. Nachdem sie nun bei ihren Schwestern den gewöhnlichen Neid erweckt hatte, begab sie sich wieder fort, von dem Diener des Königs begleitet, der sich wie mit doppeltem Zwirn an ihren Wagen annähte. Als sie nun sah, dass er immer hinter ihr herkam, so rief sie: "Fahr zu, Kutscher", worauf der Wagen mit solcher Schnelligkeit davonjagte und ihre Eile so groß war, dass ihr ein Pantoffel entfiel, und zwar einer der niedlichsten, die man je gesehen. Da nun der Diener den dahinfliegenden Wagen nicht erreichen konnte, so hob er den Pantoffel von der Erde auf und brachte ihn dem König, indem er ihm zugleich erzählte, wie es ihm ergangen war.

Der König nahm den Pantoffel in die Hand und sprach: "Wenn der Grundbau so schön ist, wie wird erst das Haus aussehen? O schöner Leuchter, auf dem sich das Licht befand, welches mich entzündet; o du schöner Kork, befestigt an die Angelschnur Amors, mit welcher er meine Seele gefangen hat, sieh, hier umarme ich dich und drücke dich an mein Herz, und wenn ich auch den Baum nicht erreichen kann, so bete ich doch die Wurzeln an, wenn ich auch den Knauf nicht haben kann, so küsse ich doch das Fußgestell! Bisher warst du das Gefängnis eines weißen Fußes, jetzt bist du die Fessel eines unglücklichen Herzens; du erhöhtest um anderthalb Zoll die Tyrannei meines Lebens und durch dich wächst auch um ebensoviel die Wonne meines Lebens, solang ich dich besitze und bewahre."

Nachdem er dies gesprochen, rief er seinen Sekretär, ließ einen Trompeter kommen und hierauf  "Tu, Tu" eine öffentliche Bekanntmachung ergehen, dass alle Frauen des Landes sich bei einem gewissen Feste und Bankett einfinden sollten, das er sich in den Kopf gesetzt zu veranstalten. Als daher der bestimmte Tag erschien, o du mein Himmel, woher kamen nur alle die Pasteten und Torten, woher die Braten und Fleischklöße, woher die Makronen und das Zuckerwerk? Denn sie waren in so großer Menge vorhanden, dass man ein vollständiges Heer damit hätte speisen können.

Sobald nun die Frauen alle angelangt waren, vornehme und geringe, reiche und arme, alte und junge, schöne und häßliche und sämtlich in bestem Putz, und man erst tüchtig geschmaust hatte, so probierte der König einer jeden der Eingeladenen, ohne auch nur eine zu übergehen, den Pantoffel an, um zu sehen, welcher er so gut und genau passe, dass er an der Form des Pantoffels das, was er suchte, zu erkennen vermöchte; er fand aber keinen passenden Fuß und war nahe daran zu verzweifeln. Gleichwohl gebot er Stillschweigen und sprach: " Kommet morgen wieder und esset mit mir eine Suppe; doch bitte ich auch, dass ihr kein einziges Frauenzimmer zuhause lasset, und sei sie, wer sie wolle." Hierauf sagte zu ihm der Prinz:

"Ich habe zwar noch eine Tochter, allein sie steckt immer hinter dem  Herde, und es fehlt so gänzlich an aller Zierlichkeit und Gestalt  und Sitten, dass sie es nicht verdient, an eurem Tisch zu essen." – "Schon gut", sagte der König, "gerade sie soll vor allen anderen kommen, denn so wünsche ich es."

So nun schieden sie, und am darauffolgenden Tage fanden sich wiederum alle ein, und zugleich mit den Töchtern Carmonsinas kam auch Lukrezia. Kaum wurde diese von dem König erblickt, so schien sie ihm auch sogleich die zu sein, welche er suchte; jedoch hielt er seine Empfindungen fürs erste noch zurück. Nachdem aber die Kinnbackentätigkeit der Anwesenden ihr Ende gefunden hatte, wurden wieder die Proben mit dem Pantoffel angestellt, und nicht sobald näherte sich letzterer Lucreziens Fuß, als er gleich dem Eisen, welches auf den Magnet losfährt, von selbst an den Fuß dieses Herzblattes Amors fuhr. Kaum nahm dies der König wahr, so eilte er auf sie los, um ihr aus seinen Armen eine Presse zu machen, bat sie, sich unter dem Thronhimmel niederzulassen, und setzte ihr alsdann die Krone aufs Haupt, worauf alle Anwesenden vor ihr, als vor ihrer Königin, Knickse und Referenzen zu machen anfingen. Als ihre Schwestern dies sahen, so barsten sie fast vor Ärger, und da sie nicht gesonnen waren, dieses Herzeleid länger mitanzusehen, so schlichen sie sich ganz heimlich still und leise nachhause, indem sie sich wider Willen gestehen mußten, daß:

"In gar großer Narrheit lebt,
Wer den Sternen widerstrebt."

Basiles Version findet sich z.B. in Das Märchen aller Märchen. Hg. von Walter Boehlich, Frankfurt 1982, S. 86-98.

 

Charles Perrault: Cendrillon

… Der königliche Prinz war immer an ihrer Seite und sagte ihr eine Menge schöner Sachen, wobei Cendrillon keine Langeweile hatte. Sie hätte darüber beinahe die Warnung ihrer Tante vergessen, denn der erste Schlag von zwölf Uhr ertönte, als sie glaubte, es wäre erst elf Uhr. Sie stand auf und eilte davon, flüchtiger als ein Reh. Der Prinz folgte ihr nach, aber er konnte sie nicht einholen. Aber da sie einen von ihren Glaspantöffelchen verlor, so hob er ihn sorgfältig auf. Cendrillon kam außer Atem nach Hause, ohne Wagen, ohne Lakaien, mit ihren alten Kleidern, und von ihrer ganzen Herrlichkeit war ihr nichts geblieben als der eine Pantoffel. Man hielt Nachfrage bei der Torwache, ob sie nicht eine Prinzessin hätte aus dem Schloss gehen sehen? Sie sagte aber, es sei niemand hinausgegangen als ein Mädchen in schlechter Kleidung, das eher wie eine Bäuerin als eine Prinzessin ausgesehen hätte.

Als die beiden Schwestern vom Balle nach Hause kamen, fragte Cendrillon, ob sie sich heute wieder so gut amüsiert hätten, und ob die schöne Dame auch da gewesen wäre. Sie sagten ja, aber sie wäre mit dem Glockenschlag Zwölf fortgegangen und so in Eile gewesen, dass sie einen allerliebsten Pantoffel aus Glas verloren hätte. Der Prinz hätte ihn aufgehoben und ihn den ganzen Ball über betrachtet; es wäre nichts gewisser, als dass er in die schöne Dame, welcher der Pantoffel gehörte, verliebt sein müsste. Damit sagten sie nun keine Unwahrheit, denn wenige Tage darauf ließ der Prinz unter Trompeten- und Paukenschalle bekannt machen, dass er die Person heiraten wolle, deren Fuß in diesen Pantoffel passe. Man probierte ihn zuerst den königlichen Prinzessinnen an, dann den Herzoginnen, dann dem ganzen Hofe, aber das war alles umsonst. Man brachte ihn endlich auch den beiden Schwestern, die sich alle mögliche Mühe gaben, um den Fuß hineinzubringen, aber kaum die große Zehe hineinbrachten. Cendrillon, die ihnen zusah und den Pantoffel erkannte, sagte endlich lächelnd: "Ich will doch sehn, ob er mir etwa passt." Ihre Schwestern lachten sie aus, aber der Kavalier, der die Proben anstellte und das Mädchen sehr schön fand, sagte, es sei nicht mehr als billig, dass sie den Versuch auch anstelle, da er Befehl habe, allen Frauenzimmern das Pantöffelchen anzuprobieren. Er hieß Cendrillon niedersitzen und siehe da, ihr Füßchen glitt ohne Mühe hinein, und der Schuh saß ihr wie angemessen. Man denke sich das Erstaunen der beiden Schwestern und was sie vollends für Augen machten, da Cendrillon das andere Pantöffelchen aus der Tasche nahm und es anzog. In diesem Augenblicke war die Fee im Zimmer, die mit einem Schlag auf Cendrillons Kleider diese ebenso schön machte wie jene, in welchen sie auf dem Balle erschienen war.

Jetzt erkannten die beiden Schwestern in ihr die Dame des Balls. Sie warfen sich ihr zu Füßen und baten sie tausendmal um Verzeihung wegen der Beleidigungen, die sie ihr zugefügt hatten. Cendrillon hob sie auf, umarmte sie und verzieh ihnen von ganzem Herzen. Ja, sie bat sogar um ihre Freundschaft und Liebe. Man brachte sie hierauf zu dem Prinzen, der sie schöner als jemals fand und sie wenige Tage darauf heiratete. Cendrillon, welche ebenso gut als schön war, gab ihren Schwestern eine Wohnung im Schlosse und verheiratete sie an demselben Tage an zwei vornehme Herren vom Hofe.

Moral

Die Schönheit ist ein seltner Schatz für unsre Damen,
man wird nicht müde, Schönheit zu bewundern.
Doch was wir wahre Anmut nennen,
ist noch viel edler und bewundernswerter.
Sie ist's, mit der die Patin Aschenputtel zierte;
zur Anmut ward das Kind erzogen,
und Anmut war's, die seine Patin lehrte –
mit dem Erfolg, dass eine Kön'gin aus ihm wurde.
Und die Moral, die wir daraus gewinnen:
Ihr Schönen, lernt, dass diese Gabe
Noch besser als ein hübscher Kopfputz ist,
will man ein Herz entflammen und es ganz gewinnen.
Es ist die wahre Anmut eine Feengabe,
und ohne sie erreicht Ihr nichts,
doch mit ihr, da gelingt euch alles.

Weitere Moral

Es ist ein großer Vorzug, zweifellos,
gewandten Geist und Mut,
Vernunft und vornehme Geburt
und ähnlich edle Eigenschaften
als Anteile des Himmels zu empfangen.
Es mag wohl gut sein, wenn ihr sie besitzt,
für euer Weiterkommen aber sind sie ohne Wert,
wenn Ihr nicht eine Patin, einen Paten habt,
die Euch auch helfen, sie zu nutzen.

Perraults Version findet sich z.B. in Feenmärchen. Hg. von Friedmar Apel und Norbert Miller, Düsseldorf 2005, S. 68-75.

 

Brüder Grimm: Aschenputtel (1857)

… Der Königssohn aber sprach ‚ich gehe mit und begleite dich‘. Denn er wollte sehen, wem das schöne Mädchen angehörte. Sie entwischte ihm aber und sprang in das Taubenhaus. Nun wartete der Königssohn, bis der Vater kam, und sagte ihm, das fremde Mädchen wäre in das Taubenhaus gesprungen. Der Alte dachte ‚sollte es Aschenputtel sein?‘ und sie mussten ihm Axt und Hacken bringen, damit er das Taubenhaus entzweischlagen konnte: aber es war niemand darin. Und als sie ins Haus kamen, lag Aschenputtel in seinen schmutzigen Kleidern in der Asche, und ein trübes Öllämpchen brannte im Schornstein: denn Aschenputtel war geschwind aus dem Taubenhaus hinten herabgesprungen und war zu dem Haselbäumchen gelaufen: da hatte es die schönen Kleider abgezogen und aufs Grab gelegt, und der Vogel hatte sie wieder mitgenommen, und dann hatte es sich in seinem grauen Kittelchen in die Küche zur Asche gesetzt.

Am anderen Tag, als das Fest von neuem anhub, und die Eltern und Stiefschwestern wieder fort waren, ging Aschenputtel zu dem Haselbaum und sprach

‚Bäumchen, rüttel dich und  schüttel dich,
wirf Gold und Silber über mich.‘

Da warf der Vogel ein noch viel stolzeres Kleid herab, als am vorigen Tag. Und als es mit diesem Kleide auf der Hochzeit erschien, erstaunte jedermann über seine Schönheit. Der Königssohn aber hatte gewartet, bis es kam, nahm es gleich bei der Hand und tanzte nur allein mit ihm. Wenn die anderen kamen und es aufforderten, sprach er ‚das ist meine Tänzerin‘. Als es nun abends war, wollte es fort, und der Königssohn ging ihm nach und wollte sehen, in welches Haus es ging: aber es sprang ihm fort und in den Garten hinter dem Haus. Darin stand ein großer schöner Baum, an dem die herrlichsten Birnen hingen, es kletterte so behende wie ein Eichhörnchen zwischen die Äste, und der Königssohn wusste nicht, wo es hingekommen war. Er wartete aber, bis der Vater kam, und sprach zu ihm ‚das fremde Mädchen ist mir entwischt, und ich glaube, es ist auf den Birnbaum gesprungen‘. Der Vater dachte ‚sollte es Aschenputtel sein?‘ ließ sich die Axt holen und hieb den Baum um, aber es war niemand darauf. Und als sie in die Küche kamen, lag Aschenputtel da in der Asche, wie sonst auch, denn es war auf der anderen Seite vom Baum  herabgesprungen, hatte dem Vogel auf dem Haselbäumchen die schönen Kleider wiedergebracht und sein graues Kittelchen angezogen.

Am dritten Tag, als die Eltern und Schwestern fort waren, ging Aschenputtel wieder zu seiner Mutter Grab und sprach zu dem Bäumchen

‚Bäumchen, rüttel dich und schüttel dich,
wirf Gold und Silber über mich.‘

Nun warf ihm der Vogel ein Kleid herab, das war so prächtig und glänzend, wie es noch keins gehabt hatte, und die Pantoffeln waren ganz golden. Als es in dem Kleid zu der Hochzeit kam, wussten alle nicht, was sie vor Verwunderung sagen sollten. Der Königssohn tanzte ganz allein mit ihm, und wenn es einer aufforderte, sprach er ‚das ist meine Tänzerin‘.

Als es nun Abend war, wollte Aschenputtel fort, und der Königssohn wollte es begleiten, aber es entsprang ihm so geschwind, dass er nicht folgen konnte. Der Königssohn hatte aber eine List gebraucht, und hatte die ganze Treppe mit Pech bestreichen lassen: da war, als es hinabsprang, der linke Pantoffel des Mädchens hängengeblieben. Der Königssohn hob ihn auf und er war klein und zierlich und ganz golden. Am nächsten Morgen ging er damit zu dem Mann und sagte zu ihm ‚keine andere soll meine Gemahlin sein als die, an deren Fuß dieser goldene Schuh passt‘. Da freuten sich die beiden Schwestern, denn sie hatten schöne Füße. Die älteste ging mit dem Schuh in die Kammer und wollte ihn anprobieren, und die Mutter stand dabei. Aber sie konnte mit der großen Zehe nicht hineinkommen, und der Schuh war ihr zu klein, da reichte ihr die Mutter ein Messer und sprach ‚hau die Zehe ab: wann du Königin bist, so brauchst du nicht mehr zu Fuß zu gehen‘. Das Mädchen  hieb die Zehe ab, zwängte den Fuß in den Schuh, verbiss den Schmerz und ging heraus zum Königssohn. Da nahm er sie als seine Braut aufs Pferd und ritt mit ihr fort. Sie mussten aber an dem Grabe vorbei, da saßen die zwei Täubchen auf dem Haselbäumchen und riefen

‚rucke di guck, rucke di guck,
Blut ist im Schuck:
Der Schuck ist zu klein,
die rechte Braut sitzt noch daheim.‘

Er blickte nieder auf ihren Fuß und sah, wie das Blut aus dem Schuh herausquoll. Er wendete sein Pferd um, brachte die falsche Braut wieder nach Hause und sagte, das wäre nicht die rechte, die andere Schwester solle den Schuh anziehen. Da ging diese in die Kammer und kam mit den Zehen glücklich in den Schuh, aber die Ferse war zu groß. Da reichte ihr die Mutter ein Messer und sprach ‚hau ein Stück von der Ferse ab, wann du Königin wirst, brauchst du nicht mehr zu Fuß zu gehen‘. Das Mädchen hieb ein Stück von der Ferse ab, zwängte den Fuß in den Schuh, verbiss den Schmerz und ging heraus zum Königssohn. Da nahm er sie als seine Braut aufs Pferd und ritt mit ihr fort. Als sie an dem Haselbäumchen vorbeikamen, saßen zwei Täubchen darauf und riefen

‚rucke di guck, rucke di guck,
Blut ist im Schuck:
Der Schuck ist zu klein,
die rechte Braut sitzt noch daheim.‘

Er blickte nieder auf den Fuß und sah, wie das Blut aus dem Schuh quoll und an den weißen Strümpfen ganz rot heraufgestiegen war. Da wendete er sein Pferd und brachte die falsche Braut wieder nach Hause. ‚Das ist auch nicht die rechte‘, sprach er, ‚habt Ihr keine andere Tochter?‘ ‚Nein‘, sagte der Mann, ‚nur von meiner verstorbenen Frau ist noch ein kleines verbuttetes Aschenputtel da: das kann unmöglich die Braut sein‘. Der Königssohn sprach, er sollte es heraufschicken, die Mutter aber antwortete ‚ach nein, das ist viel zu schmutzig, das darf sich nicht sehen lassen‘. Er wollte es aber durchaus haben, und Aschenputtel musste gerufen werden. Da wusch es sich erst Gesicht und Hände rein, ging dann hin und neigte sich vor dem Königssohn, der ihm den goldenen Schuh reichte. Dann setzte es sich auf einen Schemel, zog den Fuß aus dem schweren Holzschuh und steckte ihn in den Pantoffel, der war wie angegossen. Und als es sich in Höhe richtete und der König ihm ins Gesicht sah, so erkannte er das schöne Mädchen, das mit ihm getanzt hatte und rief ‚das ist die rechte Braut‘. Die Stiefmutter und die beiden Schwestern erschraken und wurden bleich vor Ärger: er aber nahm Aschenputtel aufs Pferd und ritt mit ihm fort. Als sie an dem Haselbäumchen vorbeikamen, riefen die zwei weißen Täubchen

‚rucke di guck, rucke di guck,
kein Blut im Schuck:
Der Schuck ist nicht zu klein,
die rechte Braut, die führt er heim.‘

Und als sie das gerufen hatten, kamen sie beide herabgeflogen und setzten sich dem Aschenputtel auf die Schultern, eine rechts, die andere links, und blieben da sitzen.

Als die Hochzeit mit dem Königssohn sollte gehalten werden, kamen die falschen Schwestern, wollten sich einschmeicheln und teil an seinem Glück nehmen. Als die Brautleute nun zur Kirche gingen, war die älteste zur rechten, die jüngere zur linken Seite: da pickten die Tauben einer jeden das Auge aus. Hernach, als sie herausgingen, war die älteste zur linken und die jüngere zur rechten: da pickten die Tauben  einer jeden das andere Auge aus. Und waren sie also für ihre Bosheit und Falschheit mit Blindheit auf ihr Lebtag bestraft.

Diese Grimmsche Version findet sich z.B. in Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen. 8. Aufl., unverändert zur 7. Aufl., besorgt von Hermann Grimm, 1864. 14. Aufl., Darmstadt 1991 (Lizenzausgabe der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft), S. 154-164.

 

Brüder Grimm: Aschenputtel (Erstausgabe 1812/13)

Der Prinz aber wollte wissen, wer die fremde Prinzessin sey, woher sie gekommen und wohin sie fahre, und hatte Leute auf die Straße gestellt, die sollten Acht darauf haben, und damit sie nicht so schnell fortlaufen könne, hatte er die Treppe ganz mit Pech bestreichen lassen. Aschenputtel tanzte und tanzte mit dem Prinzen, war in Freuden und gedachte nicht an Mitternacht. Auf einmal, wie es mitten im Tanzen war, hörte es den Glockenschlag, da fiel ihm ein, wie die Tauben es gewarnt, erschrack und eilte zur Thüre hinaus und flog recht die Treppe hinunter. Weil die aber mit Pech bestrichen war, blieb einer von den goldenen Pantoffeln fest hängen, und in der Angst dachte es nicht daran, ihn mitzunehmen. Und wie es den letzten Schritt von der Treppe tat, da hatt' es zwölf ausgeschlagen, da war Wagen und Pferde verschwunden und Aschenputtel stand in seinen Aschenkleidern auf der dunkeln Straße. Der Prinz war ihm nachgeeilt, auf der Treppe fand er den goldenen Pantoffel, riß ihn los und hob ihn auf, wie er aber unten hinkam, war alles verschwunden; die Leute auch, die zur Wache ausgestellt waren, kamen und sagten, daß sie nichts gesehen hatten.

Aschenputtel war froh, daß es nicht schlimmer gekommen war, und ging nach Haus, da steckte es sein trübes Öl-Lämpchen an, hängte es in den Schornstein und legte sich in die Asche. Es währte nicht lange, so kamen die beiden Schwestern auch und riefen "Aschenputtel, steh auf und leucht uns." Aschenputtel gähnte und that als wacht es aus dem Schlaf. Bei dem Leuchten aber hörte es, wie die eine sagte: "Gott weiß, wer die verwünschte Prinzessin ist, daß sie in der Erde begraben läg'! der Prinz hat nur mit ihr getanzt und als sie weg war, hat er gar nicht mehr bleiben wollen und das ganze Fest hat ein Ende gehabt." – "Es war recht, als wären alle Lichter auf einmal ausgeblasen worden", sagte die andere. Aschenputtel wußte wohl wer die fremde Prinzessin war, aber es sagte kein Wörtchen.

Der Prinz aber gedachte, ist dir alles andere fehlgeschlagen, so wird dir der Pantoffel die Braut finden helfen, und ließ bekannt machen, welcher der goldene Pantoffel passe, die solle seine Gemahlin werden. Aber allen war er viel zu klein, ja manche hätte ihren Fuß nicht hineingebracht, und wären zwei Pantoffel ein einziger gewesen. Endlich kam die Reihe auch an die beiden Schwestern, die Probe zu machen; sie waren froh, denn sie hatten kleine schöne Füße und glaubten, uns kann es nicht fehlschlagen, wär der Prinz nur gleich zu uns gekommen. "Hört," sagte die Mutter heimlich, "da habt ihr ein Messer, und wenn euch der Pantoffel doch noch zu eng ist, so schneidet euch ein Stück vom Fuß ab, es thut ein bißchen weh, was schadet das aber, es vergeht bald und eine von euch wird Königin." Da ging die älteste in ihre Kammer und probirte den Pantoffel an, aber die Ferse war zu groß, da nahm sie das Messer und schnitt sich ein Stück von der Ferse, bis sie den Fuß in den Pantoffel hineinzwängte. So ging sie heraus zu dem Prinzen, und wie der sah, daß sie den Pantoffel an hatte, sagte er, das sey die Braut, führte sie zum Wagen und wollte mit ihr fortfahren. Wie er aber ans Thor kam, saßen oben die Tauben und riefen:

"Rucke di guck, rucke di guck!
Blut ist im Schuck:
Der Schuck ist zu klein,
Die rechte Braut sitzt noch daheim."

Der Prinz bückte sich und sah auf den Pantoffel, da quoll das Blut heraus, und da merkte er, daß er betrogen war, und führte die falsche Braut zurück. Die Mutter aber sagte zur zweiten Tochter: "nimm du den Pantoffel, und wenn er dir zu kurz ist, so schneide lieber vorne an den Zehen ab." Da nahm sie den Pantoffel in ihre Kammer, und als der Fuß zu groß war, da biß sie die Zähne zusammen und schnitt ein groß Stück von den Zehen ab, und drückte den Pantoffel geschwind an. Wie sie damit hervortrat, meinte er, das wäre die rechte und wollte mit ihr fortfahren. Als er aber in das Thor kam, riefen die Tauben wieder:

"Rucke di guck, rucke di guck!
Blut ist im Schuck:
Der Schuck ist zu klein,
Die rechte Braut sitzt noch daheim."

Der Prinz sah nieder, da waren die weißen Strümpfe der Braut roth gefärbt und das Blut war hoch heraus gedrungen. Da brachte sie der Prinz der Mutter wieder und sagte: "das ist auch nicht die rechte; aber ist nicht noch eine Tochter im Haus?" "Nein," sagte die Mutter, nur ein garstiges Aschenputtel ist noch da, das sitzt unten in der Asche, dem kann der Pantoffel nicht passen." Sie wollte es auch nicht rufen lassen, bis es der Prinz durchaus verlangte. Da ward Aschenputtel gerufen und wie es hörte, daß der Prinz da sey, wusch es sich geschwind Gesicht und Hände frisch und rein; und wie es in die Stube trat, neigte es sich, der Prinz aber reichte ihr den goldenen Pantoffel und sagte: "probir ihn an! Und wenn er dir paßt, wirst du meine Gemahlin." Da streift es den schweren Schuh von dem linken Fuß ab, setzt ihn auf den goldenen Pantoffel und drückte ein klein wenig, da stand es darin, als wär er ihm angegossen.

Und als es sich aufbückte, sah ihm der Prinz ins Gesicht, da erkannte er die schöne Prinzessin wieder und rief: "das ist die rechte Braut." Die Stiefmutter und die zwei stolzen Schwestern erschracken und wurden bleich, aber der Prinz führte Aschenputtel fort und hob es in den Wagen, und als sie durchs Thor fuhren, da riefen die Tauben:

"Rucke di guck, rucke di guck!
Kein Blut im Schuck:
Der Schuck ist nicht zu klein,
Die rechte Braut, die führt er heim."

Die Version findet sich z.B. in Die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, Urfassung 1812/14 Lindau o.J., S. 63-71.

 

Giambattista Basile: Petrosinella

Als nun einst die Orca weggegangen war und Petrosinella den Kopf aus dem kleinen Loch steckte, um ihre Flechten zu sonnen, kam eben der Sohn eines Fürsten vorbei. Als er die beiden goldenen Banner sah, welche Seelen anwarben, damit sie sich den Heerscharen der Liebe anschlössen, und er inmitten der beiden kostbaren Wogen das Antlitz einer Sirene erblickte, das die Herzen bezauberte, konnte er nicht anders, als sich Hals über Kopf in so viel Schönheit zu verlieben. Er ließ ihr zunächst eine Bittschrift von Seufzern zukommen, darauf übermittelte er ihr die Aufforderung, sie möge sich ergeben. Die Verhandlungen gediehen so gut, dass sich der Prinz für seine Kusshändchen Kopfnicken, für seine Verbeugungen Augenzwinkern, für seine Angebote Worte des Dankes, für seine Versprechungen Hoffnungen und für seine Schmeicheleien freundliche Worte einhandelte. Und so ging das einige Tage, bis sie so vertraut miteinander waren, dass sie beschlossen, sich zu treffen, und zwar in der Nacht, wenn der Mond mit den Sternen Bäumchen-wechsel-dich spielt, und sobald Petrosinella der Orca einen Schlaftrunk gegeben hatte, wollte sie den Prinzen an ihren Haaren heraufziehen.

Als die festgesetzte Stunde herangekommen war, fand sich der Prinz wie vereinbart vor dem Turm ein und pfiff, worauf Petrosinella ihre Zöpfe herunterließ. Mit beiden Händen klammerte er sich daran fest und rief: "Auf!" Oben angelangt, sprang er durch das Fensterchen in die Kammer und kostete von jenem Petersilientrank der Liebe. Und ehe noch die Sonne ihre Pferde anspornte, durch den Tierkreis zu springen, stieg der Prinz die goldene Treppe wieder hinunter, um seinen Geschäften nachzugehen. Und das trieben sie so oft, bis ihnen eine Gevatterin der Orca auf die Schliche kam, und die ließ sich, wie eines jener Rosso, nicht verdrießen, ihre Nase in die Scheiße der anderen zu stecken. Sie gab nämlich der Orca den Rat aufzupassen, da ihre Petrosinella mit einem gewissen Jüngling Liebe mache. Sie vermutete, die Sache sei schon weit gediehen. 

 

Charlotte Rose de la Force: Petersilchen

Am nächsten Tage, als er meinte, dass die Stunde vorüber sei, in der die Fee gewöhnlich in den Turm ging, begab er sich wieder dorthin und wartete geduldig auf die Nacht. Als sie hereingebrochen war, ging er unter das Fenster und ahmte die Stimme der Fee nach, indem er sagte: " Petersilchen, lass deine Haare herunter!" Durch den Klang der Stimme getäuscht, ließ das arme Petersilchen seine schönen Haare herunter, und der Prinz kletterte hinauf. Als er oben angelangt war und die wundervolle Schönheit der Prinzessin von nahem sah, glaubte er, wieder hinabstürzen zu müssen. Er besann sich jedoch auf seine angeborene Kühnheit, sprang in das Zimmer und warf sich der Prinzessin zu Füßen und umschlang ihre Knie mit einer Glut, die sie überzeugen musste. Sie erschrak zuerst und schrie, dann erbebte sie, aber nichts konnte sie besser beruhigen, als dass sie in den Prinzen ebenso verliebt war wie er in sie. Er sagte ihr die schönsten Dinge der Welt, worauf sie nur mit Verwirrung reagierte, was dem Prinzen Hoffnung einflößte. Schließlich kühner geworden, machte er ihr den Vorschlag, sie auf der Stelle zu heiraten. Sie willigte ein, ohne zu wissen, was sie tat und machte die ganze Zeremonie mit.

Der Prinz war glücklich und auch Petersilchen gewöhnte sich daran, ihn zu lieben; sie sahen sich jeden Tag, und bald darauf wurde sie schwanger. Dieser ihr unbekannte Zustand beunruhigte sie sehr. Der Prinz wusste das, aber er wollte es ihr nicht erklären, weil er Angst hatte, sie zu kränken. Aber als die Fee sie besuchen kam, brauchte sie sie nur anzusehen, um ihre Krankheit zu erkennen.

 

Kinder- und Hausmärchen (KHM) 1812

Eines Tages kam nun ein junger Königssohn durch den Wald, wo der Thurm stand, sah das schöne Rapunzel oben am Fenster stehen und hörte sie mit so süßer Stimme singen, dass er sich ganz in sie verliebte. Da aber keine Thüre im Thurm war und keine Leiter so hoch reichen konnte, so gerieth er ganz in Verzweiflung, doch ging er alle Tage in den Wald hin, bis er einstmals die Fee kommen sah, die sprach:

"Rapunzel, Rapunzel,
lass dein Haar herunter."

Darauf sah er wohl, auf welcher Leiter man in den Thurm kommen konnte. Er hatte sich aber die Worte wohl gemerkt, die man sprechen musste, und des andern Tages, als es dunkel war, ging, er an den Thurm und sprach hinauf:

"Rapunzel, Rapunzel!
Lass dein Haar herunter!"

Da ließ sie die Haare los, und wie sie unten waren, machte er sich daran fest und wurde hinaufgezogen.

Rapunzel erschrak nun anfangs, bald aber gefiel ihr der junge König so gut, dass sie mit ihm verabredete, er solle alle Tage kommen und hinaufgezogen werden. So lebten sie lustig und in Freuden eine geraume Zeit, und die Fee kam nicht dahinter, bis eines Tages das Rapunzel anfing und zu ihr sagte: "Sag sie mir doch Frau Gothel, meine Kleiderchen werden mir so eng und wollen nicht mehr passen." Ach du gottloses Kind, sprach die Fee, was muss ich von dir hören, und sie merkte gleich, wie sie betrogen wäre und war ganz aufgebracht.

 

KHM 1857

Nach ein paar Jahren trug es sich zu, dass der Sohn der Königs durch den Wald ritt und an dem Turm vorüberkam. Da hörte er einen Gesang, der war so lieblich, dass er stillhielt und horchte. Das war Rapunzel, die in ihrer Einsamkeit sich die Zeit damit vertrieb, ihre süße Stimme erschallen zu lassen. Der Königssohn wollte zu ihr hinaufsteigen und suchte nach einer Türe des Turms, aber es war keine zu finden. Er ritt heim, doch der Gesang hatte ihm so sehr das Herz gerührt, dass er jeden Tag hinaus in den Wald ging und zuhörte.

Anfangs erschrak Rapunzel gewaltig, als ein Mann zu ihr hereinkam, wie ihre Augen noch nie einen erblickt hatten, doch der Königssohn fing an, ganz freundlich zu ihr zu reden und erzählte ihr, dass von ihrem Gesang sein Herz so sehr sei bewegt worden, dass es ihm keine Ruhe gelassen und er sie selbst habe sehen müssen.

Die Zauberin merkte auch nichts davon, bis einmal Rapunzel anfing und zu ihr sagte: "Sag sie mir doch, Frau Gothel, wie kommt es nur, Sie wird mir viel schwerer heraufzuziehen als der junge Königssohn, der ist in einem Augenblick bei mir." "Ach, du gottloses Kind", rief die Zauberin, "was muss ich von dir hören" …

 

Charles Perrault: Rotkäppchen

Es war einmal ein kleines Dorfmädchen, das war so hübsch, wie man es sich nur denken kann; seine Mutter liebte es abgöttisch und seine Großmutter gar noch mehr. Die gute Frau ließ ihm ein rotes Käppchen machen, und das stand ihm so gut, dass man es allenthalben Rotkäppchen nannte …

Rotkäppchen brach alsbald auf, um seine Großmutter zu besuchen, die in einem anderen Dorf wohnte. Als es durch den Wald kam, begegnete es Gevatter Wolf, der rechte Lust hatte, es zu fressen; doch er traute sich nicht, da ein paar Holzfäller im Wald arbeiteten. Er fragte es, wo es hinginge; das arme Kind, das nicht wusste, wie gefährlich es ist, bei einem Wolf zu verweilen und ihm Gehör zu schenken, sagte zu ihm: "Ich will meine Großmutter besuchen und ihr einen Kuchen und ein Töpfchen Butter bringen, die ihr meine Mutter schickt." …

Rotkäppchen zog das Häkchen heraus, und die Türe ging auf. Als der Wolf es eintreten sah, zog er sich die Decke über den Kopf und sprach: "Stell den Kuchen und das Töpfchen Butter auf den Brotkasten und leg dich zu mir."

Rotkäppchen zog sich aus und legte sich ins Bett. Da war sie sehr erstaunt, wie ihre Großmutter ohne Kleider aussah und sie sprach: "Großmutter, was habt Ihr für große Arme!" "Damit ich dich besser umarmen kann, mein Töchterchen." "Großmutter, was habt Ihr für große Beine!" "Damit ich besser laufen kann, mein Kind." "Großmutter, was habt Ihr für große Ohren!" "Damit ich besser hören kann, mein Kind!" "Großmutter was habt Ihr für große Augen!" "Damit ich besser sehen  kann, mein Kind." "Großmutter, was habt ihr für große Zähne!" "Damit ich dich besser fressen kann." Mit diesen Worten stürzte sich der böse Wolf auf Rotkäppchen, und fraß es auf.

Moral

Hier sieht man, dass kleine Kinder, zumal junge Mädchen, wenn sie hübsch sind, fein und nett, sehr schlecht daran tun, jedwedem Gehör zu schenken, denn dann nimmt es nicht wunder, dass der Wolf so viele von ihnen frisst. Ich sage der Wolf, weil nicht alle Wölfe von der gleichen Art sind. Da gibt es solche, die kein Aufsehen erregen und sich zuvorkommend, liebenswürdig und brav zeigen. Ganz zahm und gefällig folgen sie den jungen Damen in ihre Häuser und in ihre Gemächer – doch ach! Wer weiß es nicht, dass die sanften Wölfe unter den Wölfen die allergefährlichsten sind.

 

KHM: Rotkäppchen

Es war einmal eine kleine süße Dirne, die hatte jedermann lieb, der sie nur ansah, am allerliebsten aber ihre Großmutter, die wusste gar nicht, was sie alles dem Kinde geben sollte. Einmal schenkte sie ihm ein Käppchen von rotem Sammet, und weil ihm das so wohl stand, und es nichts anders mehr tragen wollte, hieß es nur noch das Rotkäppchen …

Rotkäppchen aber war herum gelaufen nach Blumen, und als es so viele hatte, dass es keine mehr tragen konnte, fiel ihm die Großmutter wieder ein, und es machte sich auf den Weg zu ihr. Es wunderte sich, dass die Türe aufstand, und wie es in die Stube kam, sahs so seltsam darin aus, dass es dachte "ei, du mein Gott, wie ängstlich wird mir's heut zu Mut, und bin sonst so gerne bei der Großmutter!" Darauf ging es zum Bett und zog die Vorhänge zurück: da lag die Großmutter und hatte die Haube tief ins Gesicht gesetzt, und sah so wunderlich aus. "Ei, Großmutter, was hast du für große Ohren!" "Dass ich dich besser hören kann." "Ei, Großmutter, was hast du für große Augen!" "Dass ich dich besser sehen kann." "Ei, Großmutter, was hast du für große Hände!" "Dass ich dich besser packen kann." "Aber, Großmutter, was hast du für ein entsetzlich großes Maul!" "Dass ich dich besser fressen kann." Und wie der Wolf das gesagt hatte, sprang er aus dem Bette und auf das arme Rotkäppchen und verschlang es …

Wie der Wolf den fetten Bissen im Leibe hatte, legte er sich wieder ins Bett, schlief ein, und fing an überlaut zu schnarchen. Der Jäger ging eben vorbei, und dachte bei sich "wie kann die alte Frau so schnarchen, du musst einmal nachsehen, ob ihr etwas fehlt". Da trat  er in die Stube, und wie er vor das Bett kam, so lag der Wolf darin, den er lange gesucht hatte …

 

Ludwig Bechstein: Rotkäppchen

Es war einmal ein gar allerliebstes, niedliches Ding von einem Mädchen, das hatte eine Mutter und eine Großmutter, die waren gar gut und hatten das kleine Ding so lieb. Die Großmutter absonderlich, die wusste gar nicht, wie gut sie's mit dem Enkelchen meinen sollte, schenkt' ihm immer dies und das und hatte ihm auch ein feines Käppchen von rotem Sammet geschenkt, das stand dem Kind so überaus hübsch, und das wusste auch das kleine Mädchen und wollte nichts anderes mehr tragen und darum hieß es bei alt und jung nur das Rotkäppchen …

"Das will ich alles so machen, wie du befiehlst, liebe Mutter", antwortete das Rotkäppchen, band ihr Schürzchen um, nahm einen leichten Korb, in den es die Flasche und den Kuchen von der Mutter legen ließ und ging fröhlichen Schrittes in den Wald hinein. Wie es so völlig arglos dahin wandelte, kam ein Wolf daher. Das gute Kind kannte noch keine Wölfe und hatte keine Furcht …

"Heißen denn alle Kräuter nach dem Wolf?" fragte Rotkäppchen.

"Die besten, nur die besten, mein liebes frommes Kind!" sprach der Wolf mit rechtem Hohn. Denn alle, die er genannt hatte, waren Giftkräuter. Rotkäppchen aber wollte in ihrer Unschuld der Großmutter solche Kräuter als Heilkräuter pflücken und mitbringen …

"Ach Großmutter, was hast du nur ein so großes Maul und so lange Zähne!" – "Dass ich dich damit fressen kann!" Und damit fuhr der ganze Wolf grimmig aus dem Bette heraus, und fraß das arme Rotkäppchen. Weg war's.

Jetzt war der Wolf sehr satt, und es gefiel ihm sehr im Stübchen der Alten und in dem weichen Bett, und legte sich wieder hin und schlief ein und schnarchte, dass es klang, als schnarre ein Räderwerk in einer Mühle.

Zufällig kam ein Jäger vorbei, der hörte das seltsame Geräusch und dachte: "Ei, die arme alte Frau da drinnen hat einen bösen Schnarcher am Leib, sie röchelt wohl gar und liegt im Sterben! Du musst hinein, und nachsehen, was mit ihr ist.- …

 

 

 





Tagungsprogramm "Es war einmal - Märchen neu für den Unterricht entdecken

Märchentexte zum Vergleich: Aschenputtel, Rapunzel, Rotkäppchen

Fortbildungsveranstaltungen LV Hessen




31.10.2012CBK Online-Redaktion
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