Unsere Themen


Vorlesungen in der Q-Phase: Ein Projekt des Caspar-Vischer-Gymnasiums Kulmbach

Neue Unterrichtskonzepte erforderlich für die neu eingeführte Qualifikationsphase

Mit der Einführung der Qualifikationsphase und dem verpflichtenden schriftlichen Abitur im Fach Deutsch ist schnell deutlich geworden, dass der Unterricht in den Deutschkursen – obwohl der Fachlehrplan Deutsch in vielen Punkten unverändert geblieben ist – nicht einfach wie bisher durchgeführt werden kann. Es werden neue Unterrichtskonzepte verlangt, will man ihn für die Schüler erfolgreich, effizient und interessant gestalten.


Zwei wichtige Veränderungen müssen hierbei geleistet werden:

1) Der sehr umfangreiche Literaturunterricht – meist stark an die Unterrichtskonzepte des alten Grundkurses angelehnt – muss reduziert werden, da das geforderte literaturgeschichtliche Wissen in allen bisher gehaltenen G8-Abituren eher gering war.

2) Die Schreiberziehung muss einen deutlich größeren Raum in der Oberstufe erhalten. Wurden in der Tradition des alten Grundkurses Übungsaufsätze eher milde eingefordert und Schreibübungen weitgehend aus dem Unterricht verbannt, muss beides in einem zeitgemäßen Deutschunterricht wieder mehr eingefordert werden. Da alle Schüler ein schriftliches Deutsch-Abitur schreiben müssen, sollte der schriftliche Sprachgebrauch einen deutlich höheren Stellenwert besitzen.

Woher aber die Zeit nehmen? Will man intensive und zeitaufwendige Schreibeinheiten in den Deutschunterricht der Oberstufe integrieren, muss der Literaturunterricht gerafft werden.

Ein Modell, wie Zeit gespart und zugleich trotzdem ein hochwertiger Literaturunterricht abgehalten werden kann, wird seit dem Schuljahr 2012/13 am Caspar-Vischer-Gymnasium in Kulmbach erprobt. Einige Epochen werden komprimiert im Vorlesungsbetrieb vermittelt – eine "Modus 21-Maßnahme", die auch der Zustimmung des Elternbeirates bedarf. Pro Semester findet eine Vorlesungsreihe statt, die jeweils zwei Doppelstunden umfasst und vom gesamten Jahrgang gehört wird. Im Anschluss an die Vorlesungsreihe wird eine Stegreifaufgabe geschrieben. Die zwei Vorlesungsdoppelstunden werden von zwei Lehrern bestritten und es kann entweder eine große Epoche auf zwei Stunden aufgegliedert oder zwei kleinere Epochen nacheinander vorgestellt werden.

An unserer Schule wird momentan folgendes Vorlesungsmodell praktiziert:

11/1:

  • Romantik I
  • Romantik II

11/2:

  • Vormärz / Junges Deutschland
  • Biedermeier

12/1:

  • Naturalismus
  • Literatur der Jahrhundertwende

12/2:

  • Literatur der BRD und DDR
  • Literatur der Postmoderne

 

In den Vorlesungen werden die zeit- und geistesgeschichtlichen Hintergründe und die zentralen Merkmale einer Epoche anhand exemplarischer Texte vorgestellt. Um die Schüler nicht zu überfordern, kann noch nicht in allen Bereichen ein universitärer Standard angelegt werden. Die Vorlesung sollte auf 70 bis 80 Minuten konzipiert sein, um genügend Zeit für eine kleine Zwischenpause und Fragen zu haben. Neben rein lehrerzentrierten Vorlesungseinheiten dürfen auch gerne die Schüler miteinbezogen werden. Als vorteilhaft hat sich ein motivierender und schüleraktivierender Beginn erwiesen und auch kleinere Frageeinheiten zu einem Gemälde oder Text lockern auf und beugen einer zu schnellen Ermüdung vor. Die Vorlesung muss anhand einer Powerpoint-Präsentation illustriert werden. Als aufmerksamkeitsfördernd hat sich auch der Einsatz anderer Medien, wie Gemälde oder Filmausschnitte, erwiesen. Zudem müssen die Schüler vorab ein Vorlesungsskript erhalten. In diesem sollten die Struktur der Vorlesung und alle wesentlichen Fachbegriffe enthalten sein, aber noch genügend Raum zum eigenständigen Mitschreiben gegeben werden. Auf diese Weise haben die Schüler eine auch für die Klausur- und Abiturvorbereitung brauchbare Mitschrift. Die Vorlesungen geben einen ersten Einblick in eine Epoche. Dass dieses Bild dann im nachfolgenden Literatur- und Schreibunterricht noch anhand weiterer Textbeispiele vertieft werden muss, versteht sich von selbst.

Die Vorteile des Vorlesungsmodells sind vielfältig:

1) Durch die komprimierte Stoffvermittlung schafft man ein Überblickswissen zu zentralen Epochen, welches für das schriftliche und ggf. auch das mündliche Abitur von hohem Wert ist. Dank der Skripte können die Schüler schnell und effektiv Epochenwissen wieder auffrischen.

2) Neben einer effektiven Abiturvorbereitung ist auch die einheitliche Abiturvorbereitung von hohem Wert. Alle Schüler erhalten trotz eines individuellen Kursunterrichtes einen gleichen literaturgeschichtlichen Standard. Dies dient der Gerechtigkeit und ist auch bei unvorhergesehenen Lehrerausfällen von großem Vorteil. Selbst wenn ein Kurs kurz vor dem Abitur von einer anderen Lehrkraft übernommen werden muss, weiß man in puncto Literaturgeschichte genau, was unterrichtet worden ist.

3) Im Unterricht bleibt mehr Zeit für die Schreiberziehung, da die komprimierte Vermittlung literaturgeschichtlichen Wissens deutlich Zeit spart. Pro Semester gewinnt man durch die Vorlesungen ca. vier Doppelstunden.

4) Die Vorlesung bietet eine gute Gelegenheit für einen kleinen Leistungsnachweis. Die angekündigte Stegreifaufgabe erhöht bei den Schülern die Ernsthaftigkeit für die Vorlesung und ist für den Lehrer eine effektive Leistungsabfrage gerade in den zeitlich sehr knappen Semestern 12/1 und 12/2.

5) Obwohl die Vorlesungen in der Ersterstellung sehr zeitaufwendig sind, ist dieses Modell über die Jahre gesehen trotzdem zeitsparend. Bedingung hierfür ist allerdings, dass einmal entwickelte Vorlesungen (digitales Vorlesungsskript und PPP) an die Kollegen der nächsten Jahrgänge weitergegeben werden. So entstehen feste Vorlesungseinheiten, die Jahr für Jahr wiederverwendet werden können. Und für die Kollegen der Ersterstellung bleibt als kleiner Trost, dass sie bei vier Kursen pro Jahrgang nur zwei von acht Vorlesungen selber halten müssen, also auch so gesehen über die zwei Jahre hinweg eine Entlastung haben. Zudem kann das Vorlesungssystem natürlich auch sukzessive aufgebaut werden.

OStR Christian Kramer (Caspar-Vischer-Gymnasium Kulmbach)

Christian Kramer, Jahrgang 1974, unterrichtet nach dem Studium der Germanistik und Geschichte an der Otto-Friedrich-Universität in Bamberg seit 2007 am Caspar-Vischer-Gymnasium Kulmbach. Seit 2011 hat er dort die Fachbetreuung Deutsch inne. Er hält Fortbildungen im Bereich Bildungsstandards und Lernaufgaben, außerdem ist er seit 2015 Mitarbeiter beim Regionalteam Deutsch Oberfranken.

 








23.06.2016CBK Online-Redaktion
Kooperationspartner

Archive

Veranstaltungen