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Zeit für eine bessere Bildung

Positionspapier zu G8 aus Sicht des baden-württembergischen Landesverbandes

Der baden-württembergische Fachverband Deutsch im Deutschen Germanistenverband tritt für eine Überprüfung der gymnasialen Ausbildung in acht oder neun Jahren ein.

Die Situation in den einzelnen Bundesländern ist sehr unterschiedlich. Während man in Bayern und Niedersachsen ‚zur Vernunft zurückgefunden hat‘, wie man in Wirtschaftskreisen kolportierte, indem von G8 wieder auf G9 umgestellt wurde, werden in anderen Bundesländern wie in Baden-Württemberg beide Schulformen mit eindeutiger Priorisierung von G8 parallel gefahren.

Eine Aufrechterhaltung der Priorisierung von G8 halten wir aus verschiedenen Gründen für problematisch. Wir treten für eine bundespolitische Initiative mit dem Ziel eines bundesweit einheitlichen G9 mit einer leistungsbezogenen Option auf G8 ein.


Folgende Gesichtspunkte haben in diesem Zusammenhang besondere Relevanz:

1. Chancengleichheit

Eine aktuelle Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) weist nach, dass G8 durch die höhere Lerndichte nachweislich zu deutlich weniger Chancengleichheit führt, insbesondere dort, wo Eltern nicht helfen können, entweder durch fehlenden akademischen Hintergrund oder fehlendes Geld für Nachhilfe vgl. "Höhere Lernintensität verringert Chancengerechtigkeit".

2. Wertschätzung aller Talente und Berufe

Chancengleichheit bedeutet nicht Gleichmacherei. Chancengleichheit bedeutet, dass es für jedes Kind eine Schulform gibt, in der es gemäß seiner Talente gefördert wird, und dass Absolventen/innen dieser Schulform berufliche Perspektiven haben, in denen sie ihre Talente und Begabungen frei von existentiellen Sorgen nutzen können. Der enorme Druck auf die Gymnasien (50% aller Grundschulabsolventen/innen gehen laut eines Artikels in „Die Zeit“ vom 24.01.2019 aufs Gymnasium) spiegelt sicherlich auch den Mangel beruflicher Perspektiven für Realschulabsolventen/innen wider. Akademiker/innen, Handwerker, Erzieher/innen oder Krankenschwestern und andere Pflegekräfte sind für eine Gesellschaft jedoch von gleichermaßen großer Bedeutung. Jedoch verdient man im Handwerk und in sozialen Berufen oftmals deutlich weniger, als es angesichts der verantwortungsvollen Aufgaben in diesen Berufsfeldern angemessen wäre. Hier ist auch ein Umdenken in der Wirtschaft gefordert.

Der Besuch von Gymnasien, respektive Hochschulen soll allen offen stehen, aber er sollte aus den richtigen Gründen erfolgen, sonst wird die Wahl dieses Bildungsgangs zur Qual. Hier sind nicht nur die Politik und die Wirtschaft, sondern es ist die ganze Gesellschaft gefordert: Wir alle müssen Schluss machen mit falschem Statusdenken und Dünkel und den Wert aller Talente und Berufe gleichermaßen achten! Vor diesem Hintergrund wäre für Schüler/innen und deren Eltern zu überlegen, warum, unter welchen Umständen, inwiefern eine allgemeine Hochschulreife anzustreben wäre. Außerdem scheint – und das wird des Öfteren von Hochschulseite angemahnt – nicht jedes Abiturzeugnis „reif“ für ein Hochschulstudium zu machen.

3. Zeit für gymnasiale Bildung und ein qualitativ bestmögliches Studium

G8 nimmt den Schülerinnen und Schülern ein entscheidendes Jahr im Reifeprozess. Das 13. Schuljahr fehlt nicht nur generell beim Sprachenlernen, sondern basal beim Schriftspracherwerb und beim Erwerb von kommunikativen Kompetenzen. Der Schlüssel für eine Verbesserung gerade im Fach Deutsch liegt unseres Ermessens nicht nur in zusätzlichem Personal, sondern gerade auch in einem Paradigmenwechsel mit Fokussierung auf Weiterentwicklung sprachlicher und kommunikativer Fertigkeiten bis hin zu wissenschaftlichen Arbeitsformen. Fehlende Aus-druckskompetenz und für ein Studium dringend benötigter Wortschatz können in der Verdichtung eines G8 nicht nachgeholt werden. Schülerinnen, Schüler und junge Talente wollen und sollen gefordert sein – Überforderung ruiniert allerdings jedes Talent und führt zu Resignation. Ein Gymnasialbesuch bedeutet heute, bereits in der Mittelstufe eine 40-Stunden-Woche zu haben. G8 überfordert daher ohne Not viele Gymnasiastinnen und Gymnasiasten.

Wenn Hochschulen in der Konsequenz einsemestrige Vorstudien einführen müssen, um Abiturienten/innen ausreichend auf das Studium vorzubereiten, dann ist dies nicht nur ein Zeitverlust, der die Verkürzung der Schulzeit insgesamt ad absurdum führt, sondern der Sinn und Zweck der gymnasialen Reifeprüfung wird dadurch überhaupt in Frage gestellt.

Desgleichen sind viele Studierende mit den Studienbedingungen überfordert; manche Defizite werden dann bis ins Berufsleben weitergeschleppt. Eine zu hohe Lernintensität und zu viele Prüfungen in zu kurzer Zeit führen zu sogenanntem „Bulimie-Lernen“ – Wissen rein, Wissen raus. Dabei geht insbesondere das Lernen im Zusammenhang verloren. Interesse spielt leider oft nur noch eine geringe Rolle. Deutsche Studierende waren lange wegen ihrer Selbstständigkeit international hoch angesehen. Diese Fähigkeit, den eigenen Lernprozess zu organisieren, selbstständig Schwerpunkte zu setzen, die eigenen Interessen und Stärken zu fördern, hat abgenommen. Diese Fähigkeit ist aber nicht nur zentral für lebenslanges Lernen – sie ist der Urgrund unserer Bildung selbst. Nicht zuletzt ermöglichen 13 Schuljahre, eher einzelne Wissensbereiche selbstständig zu vernetzen und Problemstellungen fächerübergreifend-synthetisierend zu erfassen. Außerdem bieten 13 Schuljahre noch genug zeitlichen Freiraum für vielfältige außerschulische Erfahrungen, die Perspektivenwechsel ermöglichen und so einen wertvollen Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung leisten, was für eine letztlich gelingende berufliche Lebensplanung unentbehrlich ist.

Es gibt sicherlich nicht nur einen Weg, um für mehr Qualität und Fairness in unserem Bildungssystem zu sorgen. Die Rückkehr zu einem qualitativ hochwertigen, zeitgemäß reformierten G9 mit der Möglichkeit eines schnellen G8-Zugs für überdurchschnittlich leistungsfähige Schülerinnen und Schüler wäre der Weg, der zu unserem bildungskulturellen Hintergrund und zur Struktur unserer Universitäten passt. So stellen einige Bundesländer, darunter Bayern und Niedersachsen, bereits wieder auf G9 um oder bieten eine freie Wahlmöglichkeit an bzw. sie leiten momentan die Umstellung ein.

4. Zeit für Kernaufgaben

Eine Bildungs- und Qualitätsoffensive (hier ist explizit nicht die Digitalisierungswelle gemeint, die aus Schülerinnen/Schülern und Studentinnen/Studenten „digital natives“ macht) muss aber auch dazu führen, dass Erzieher/innen, Lehrer/innen und Professoren/innen wieder deutlich mehr Zeit für ihre Kernaufgaben bekommen: für den direkten Kontakt und das Fördern im Kindergarten, für die Vorbereitung des Unterrichts und um Fragen der Schüler/innen zu beantworten, für kontinuierliche Weiterentwicklung einer Lehre, die mit der Forschung Schritt hält und den Studierenden mehr selbstständiges Tun erlaubt. Die Verwaltung an Schulen und Universitäten sollte Lehrende und Erziehungskräfte in erster Linie unterstützen und ihnen so Zeit für ihre Kernaufgaben verschaffen. Stattdessen werden die Lehrenden und Erzieher/innen an den Schulen sowie das Personal an Hochschulen mehr und mehr mit administrativen Aufgaben überhäuft.

Das vielgelobte finnische Schulsystem ist vielleicht gerade deswegen so erfolgreich, weil es den Unterrichtenden (es sind übrigens immer zwei in der Klasse) genau diese Fokussierung auf den Kern des Unterrichtens ermöglicht, ihnen sogar einen Arbeitsplatz an der Schule zur Verfügung stellt, der letztlich auch das Anbieten fester Sprechzeiten für Schüler/innen erlaubt.

Es ist an der Zeit, über unser Bildungssystem erneut nachzudenken!

Bildung ist ein zu wertvolles Gut, als dass es zum Gegenstand von parteipolitischem Gezänk oder persönlichen Karriereinteressen werden darf. Es gibt weder grüne noch rote noch schwarze, sondern nur gute oder schlechte Bildungspolitik. Daher ist es an der Zeit, dass Lehrende, Eltern und Lernende gemeinsam an der Konzeption eines qualitativ hochwertigen und fairen Bildungssystems arbeiten. Es geht um Fairness und Qualität im Bildungssystem und es geht um Fürsorge für unsere Kinder, Auszubildenden und Studierenden.

Wir fordern die Politik auf, eine Überprüfung unseres Bildungssystems nach folgenden Kriterien vorzunehmen:

1. Chancengleichheit durch gleichwertige Bildungs- und Ausbildungsgänge, die dem jeweiligen Talent gerecht werden

2. Gesellschaftliche Wertschätzung aller Talente und Berufe

3. Zeit für die gymnasiale Bildung durch Wahlmöglichkeit zwischen G8 und G9 in allen Bundesländern

4. Bildungs- und Qualitätsoffensive in allen Bildungs- und Ausbildungsbereichen mit Konzentration auf die jeweiligen Kernaufgaben

5. Entlastung von Verwaltungsaufgaben im Bildungsbereich

 

Fachverband Deutsch Baden-Württemberg im Deutschen Germanistenverband








09.12.2019CBK Online-Redaktion

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