Unsere Themen


Ihr Ansprechpartner im Landesverband Baden-Württemberg

Dr. Wolfgang Rzehak [Vorsitzender des Landesverbands]
07571-2251
rzehak@yahoo.com



Tagungsbericht "Leben zwischen den Welten: Faust – Der goldene Topf – Der Steppenwolf"

Mit zahlreichen Ausarbeitungen und Materialien für den Unterricht

Hermann Hesses Schreibmaschine im Hesse Museum Gaienhofen (By Thomoesch (Self-photographed) [Public Domain], via Wikimedia Commons)

Die vom baden-württembergischen Landesverband des Fachverbands Deutsch ausgerichtete Jahrestagung beschäftigte sich mit den neuen, in Baden-Württemberg verbindlichen Pflichtlektüren in vergleichender Betrachtung: „Faust“, „Der goldene Topf“ und „Der Steppenwolf“. Der Vorstand konnte nicht nur erfahrene Referenten für diese Tagung gewinnen, auch das Gros des Publikums setzte sich aus Multiplikatoren im weitesten Sinne, aus Fachleitern, Fachberatern und Schulleitern zusammen. Reichhaltiges Material, u.a. zu den einschlägigen Lernorten lag aus.


Prof. Dr. Volker Frederking: Goethes Faust – Identitätsorientierte und symmediale Zugänge zu einem Klassiker

Prof. Dr. Volker Frederking stellte in seinem Vortrag "Goethes Faust – identitätsorientierte und symmediale Zugänge zu einem Klassiker" zwei didaktische Ansätze vor, um das "klassischste" aller deutscher Bildungsgüter in zeitgemäßer Form im Deutschunterricht zu erschließen. Der von ihm zugrunde gelegte "identitätsorientierte Zugang" nimmt den jugendlichen Rezipienten ernst, indem dieser an der Planung und Durchführung der Unterrichtseinheit beteiligt wird. Prof. Frederking spielte diesen Zugang am Beispiel einer von ihm durchgeführten Faust-Einheit durch, zu deren Beginn die Schüler eigene Interessenschwerpunkte und Fragehorizonte entwickelten, aus denen die Themen der weiteren Unterrichtseinheit abgeleitet wurden. Dadurch gewannen biographische Aspekte, die Beschäftigung mit dem Faust-Stoff sowie Goethes spezifische Umsetzung an Bedeutung und wurden der intensiven Arbeit am Dramentext vorangestellt. Es entstand eine rege Diskussion im Plenum über die Frage, inwiefern eine Vorablektüre heutigen Schülerinnen und Schülern zugemutet werden kann und ob das enge zeitliche Korsett der Kursstufe solch einen wünschenswert weit gesteckten Rahmen einer Unterrichtseinheit noch zulässt.

Beim zweiten Ansatz, dem "symmedialen" Zugang zum Faust, geht es darum, Schülerinnen und Schülern Bildungserfahrungen in vielfältiger medialer Form zu ermöglichen – ein Anliegen, für das der Faust angesichts zahlreicher Hörfassungen, Theaterinszenierungen, die in Bild- und Videodokumenten vorliegen, Comic-Adaptionen etc. ein breites mediales Angebot aufweist. Prof. Frederking wies in diesem Zusammenhang auf die Möglichkeiten hin, mit Hilfe von Tablets eine individualisierte Rezeption zu ermöglichen und z.B. Auszüge von Inszenierungen auf einem Bildschirm unmittelbar vergleichend nebeneinander zu stellen.

***

Dr. Denise Roth: Das Faust-Museum als Lernort (Knittlingen)

Zu später Stunde, nach dem Abendessen, stellte Dr. Denise Roth den Lernort Knittlingen vor. Dabei ging es weniger um das historisch museale Aufbereiten des Lernstoffs als vielmehr um den Aufweis vielfältiger museumspädagogischer Angebote unter dem Titel „Lernen am authentischen Ort“. Das Angebot für Schüler und Lehrer hat mittlerweile eine große Bandbreite eingenommen, was auch an der Wiederaufnahme des Dramas als Abitur-Lektüre liegt. „Faust-Museum“ und „Faust-Archiv“ bieten dabei unterschiedliche Hilfestellungen und Formate an, die Denise Roth im Folgenden beschrieb.

Schüler und Lehrer können auf Anfrage umfangreiches Informationsmaterial, auch Scans aus einem Bilderpool für Referate, GFS und BLL erhalten. Häufig konzipieren Schüler als GFS eine Themenführung durch das Faust-Museum oder bereiten eine Präsentation vor. Hier stehen die Mitarbeiter des Faust-Museums/Faust-Archivs stets helfend zur Seite.

Immer größerer Beliebtheit erfreuen sich mittlerweile aber auch die Workshops, die im Vorfeld in Absprache mit dem jeweiligen Schüler und/oder Lehrer konzipiert werden.

Basis bildet in jedem Fall eine ca. einstündige Führung, die das Faust-Thema vom historischen Ursprung herleitet und den Überblick über Goethes „Fäuste“ sowie die Faust-Adaptionen nach Goethe bis heute leistet. Hier werden schon die grundsätzlichen Themen angesprochen und die Hauptmotive, wie der „Teufelspakt“ etc. umrissen.

Danach geht es ins Faust-Archiv, wo Schwerpunktthemen skizziert und zumeist in Gruppenarbeit kreativ von den Schülern bearbeitet werden. Maxime ist dabei stets, das Verständnis der Schüler für das, um was es Goethe ging, zu fördern: Begrenzung des Menschen, Gewissenlosigkeit, Schuldfrage und aber auch deren Übertragbarkeit auf heute.

Creative writing bietet sich hierfür besonders an, wobei die Schüler in verschiedene Rollen schlüpfen können: „Wie würdet Ihr als Regisseur einen heutigen Teufelspakt inszenieren? Schreibt eine Drehbuchszene!“ Aber auch visuelle, theatralische Lösungen: „Wie würde eine Szene auf dem Theater mit welchen Requisiten aussehen?“ Oder auch: „Wie sollte ein Museum ein ‚Teufelspakt‘-Zimmer gestalten? Welche Exponate müssten, unter welcher ‚Inszenierung‘ wie gezeigt werden?“

Gleichzeitig soll die Sensibilisierung für die Prägnanz, Aktualität, Aussagekraft sowie interpretativen Auslegungsmöglichkeiten der Goetheschen Poesie gestärkt werden. Im Vordergrund steht stets der Primärtext.

All dies öffnet den Blick für die Gestaltung des Stoffes – und lässt den Stoff selbst zu etwas Vertrautem werden. So wird ein persönlicher Bezug zu diesem alten und doch so aktuellen Thema hergestellt, frei nach dem Motto: Mach Dir deinen Faust.

***

Prof. Dr. Angelika Schmitt-Kaufhold: Das alltägliche Leben ins Blaue hinausrücken – Zugänge zu E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der goldene Topf“

Im Mittelpunkt des Workshops stand die Auseinandersetzung mit dem Thema der Duplizität, des changierenden Wechsels von realistischer und poetischer Dimension in der Erzählung.

Es wurde der Frage nachgegangen, inwieweit dieser Dualismus Struktur, Figurengestaltung und Erzählweise des Textes prägt und wie er in der sprachlich-stilistischen Gestaltung fassbar wird. 

Parallel zu Aspekten wie dem Mittel der romantischen Ironie und Epochenmerkmalen diskutierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Fragen der Unterrichtsgestaltung sowie die Aktualität der Erzählung für Lernende.

Vortrag, Selbsterarbeitung und Diskussion bestimmten die Arbeitsweise.

Eine Tabelle mit Vergleichsaspekten zu den behandelten Werken von E.T.A. Hoffmann, Hesse und Goethe steht als pdf-Datei zur Verfügung.

***

Dr. Monika Fellenberg / Nadine Küster: Workshop „Der Steppenwolf“

Bereits bei der Vorbereitung des Workshops zum „Steppenwolf“ stand die Frage im Vordergrund, mit welchen Erwartungen die Teilnehmer wohl in den Workshop kommen würden. Bei der Vorstellungsrunde, die mit Lehrer- und Schülerzitaten zum „Steppenwolf“ eingeleitet wurde, stellte sich schnell heraus, dass alle Kursteilnehmerinnen und -teilnehmer besonders daran interessiert waren, wie man für die Schülerschaft Zugänge zur Lektüre schaffen kann, die durch die gesamte Behandlung des Romans tragen können. Nach einer knappen Präsentation wurden gemeinsam didaktische Implikationen erarbeitet. So wurden zwei Unterrichtseinheiten zum „Steppenwolf“ entworfen, mit denen sich alle Teilnehmer identifizieren konnten.

Wir bedanken uns für das Vertrauen und die Offenheit aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die diesen Workshop für uns so angenehm und inspirierend gemacht haben.

***

Dr. Maximilian Nutz: Faust-Workshop: "Faust – ‚Prototyp der Moderne‘?"

Ausgehend vom aktuellen Mega-Event "Du bist Faust" in München wurden verschiedene Regiekonzepte anhand stoff-, figuren-, handlungs-, form-, und epochenorientierter Problemfelder erörtert. Neben den Brüchen in der Konzeption der Goetheschen Faustfigur wurden im Forum mögliche Erschließungskonzepte diskutiert. Dabei wurde der historische Stoff, seine Legendenbildung bis hin zu modernen Rezeptionsformen, in denen Faust zu einer Projektionsfigur mutiert, erörtert. Dr. Maximilian Nutz stellte eine Sequenzplanung zur Gelehrtentragödie mit Materialien, möglichen Lernzielen und einschlägigen Aufgabenstellungen vor, die Goethes "Faust" nicht als ein in sich geschlossenes ganzheitliches Werk auffasst, sondern das Augenmerk richtet auf Goethes Arbeit von der Faszination des Stoffes in der Sturm-und-Drang-Zeit bis hin zur „Erlösungsidee“ am Ende von "Faust II".

***

Bernd Isele (Dramaturg) und Maria Winter (Theaterpädagogin) vom Stuttgarter Staatstheater zur aktuellen Inszenierung "Faust I" von Johann Wolfgang Goethe mit Texten aus Elfriede Jelineks "Faustin and out"

Das Theatergeschehen habe sich in der Vergangenheit als multiperspektivisches, gesellschaftsrelevantes Kulturangebot etabliert. Die 25-30 Theaterproduktionen des Stuttgarter Staatstheaters bewegten sich zwischen dem Althergebrachten und Klassischen und modernen, zeitgenössischen Produktionen. Theateraufführungen seien temporäre Kunstwerke und würden einem ständigen Erneuerungsprozess unterliegen. Immer müssten die Stoffe in ihrer Relevanz auf das Heute befragt werden und würden letztendlich „Weltüberprüfungs“-Funktion übernehmen.

Die Inszenierungen seien nicht immer planbar, denn das Theaterpublikum sei sehr heterogen. Einerseits würden darin Schüler sitzen, die mit großen Erwartungen zum ersten Mal ein Theater besuchen würden, andererseits würden Produktionen von erfahrenen Theaterbesuchern beäugt, die jede neue Inszenierung auf der Folie früherer Inszenierungen kritisch beurteilen würden.

Bei alldem sei Theater unter anderem auch ein „außerschulischer Lernort“, dem neben der Präsentation einer Mischung von Alt und Neu auch die genuine Aufgabe zukomme, die tradierten Theaterformen weiterzuentwickeln.

Zur aktuellen "Faust I"-Inszenierung befragt, begründete Dramaturg Isele und die Theaterpädagogin Winter das Einmontieren von Jelinek-Texten mit Jelineks Auffassung von solchen Sekundärdramen, die „kläffend neben der Klassik herlaufen“ sollten. Die Gretchenfigur strebe tendenziell nach unten, von der „Stube“, in der es so „schwül und dumpfig“ sei, über die Stationen Gefängnis, Kerker bis hin zum Grab. Jelinek habe die aktuellen Ereignisse in Österreich um Josef Fritzl, einem rechtskräftig verurteilten österreichischen Straftäter, der seine Tochter 24 Jahre in einer unterirdischen Wohnung gefangen hielt, im Auge gehabt. Jelinek habe der armen Frau, die von ihrem Vater mehrfach missbraucht und vergewaltigt wurde, eine starke Stimme verliehen. In der Stuttgarter Inszenierung sei sowohl die Rolle des „Herren“ als auch die von „Mephisto“ von Frauen besetzt worden. Das Gefälle zwischen Faust, der etwa 45 Jahre alt und Gretchen, das etwa 15 Jahre alt sei, sei dem Stück eingeschrieben. In der Stuttgarter Inszenierung sei dieses Gefälle aufgehoben; alle Schauspieler seien etwa gleich alt. Faust selbst sei, eingedenk der zwei Seelen in seiner Brust, von zwei Schauspielern dargestellt worden. Als Bühnenbild gebe es nur ein Bett als einzige Requisite.

Die Resonanz auf das Stück sei sehr disparat gewesen und habe von Unverständnis bis zu hin zu großer Begeisterung gereicht.

***

Nach der Tagung bedankten sich viele Teilnehmer spontan beim Vorstand für Organisation und Durchführung der Tagung. U.a. waren die Mahlzeiten inklusive. Auch per Mail erreichte den Vorstand nachträglich so manches Lob für die didaktische Aufbereitung des Stoffes von Seiten der Referenten.

(Kirsten Krebsbach, Denis Roth, Angelika Schmitt-Kaufhold, Monika Fellenberg, Nadine Küster, Wolfgang Rzehak)

Die Referenten haben ihre Ausarbeitungen dem baden-württembergischen Landesverband zur Publikation auf der Fachverbands-Homepage dankenswerterweise zur Verfügung gestellt.

*******

 





Faust-Museum/Faust-Archiv Knittlingen. Außerschulisches Lernen am authentischen Ort

Dr. Maximilian Nutz: Workshop "Faust"

Dr. Maximilian Nutz: Workshop Faust – Aktualität als Mega-Event – "Du bist Faust"

Dr. Maximilian Nutz: Unterrichtssequenz zur Gelehrtentragödie

Prof. Dr. Angelika Schmitt-Kaufhold: E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der goldene Topf“ – Figuren und Figurenkonstellation

Prof. Dr. Angelika Schmitt-Kaufhold: Vergleichsaspekte E.T.A. Hoffmann, "Der goldene Topf", Hermann Hesse, "Steppenwolf", Johann Wolfgang Goethe "Faust"

Dr. Monika Fellenberg und Nadine Küster: Workshop "Der Steppenwolf" ppt-Präsentation

Dr. Monika Fellenberg und Nadine Küster: "Ein Steppenwolf-Alphabet", "Didaktische Vorüberlegungen" u.v.a.m.

Schauspiel Stuttgart

Fortbildungsveranstaltungen LV Baden-Württemberg

Leben zwischen den Welten: Faust – Der goldene Topf – Der Steppenwolf. Eine vergleichende Betrachtung




02.05.2018CBK Online-Redaktion
Kooperationspartner

Archive

Veranstaltungen