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Ihr Ansprechpartner im Landesverband Hessen

Dr. Jan Robert Weber [Erster Vorsitzender des Landesverbands]
DGV-LV-Hessen-Weber@gmx.de

Mareike Görtz [Zweite Vorsitzende des Landesverbands]


Corona und der Schwarze Freitag?

Freitag, 13. März 2020. In der zweiten großen Pause im Lehrerzimmer ein unheimliches Geraune.

Klassenmaskottchen Krake Horst Sültan

 

Lesen Sie den Erfahrungsbericht der Monate März bis Juli 2020 von Mareike Goertz (Zweite Vorsitzende des Landesverbands Hessen), die an einem grundständigen Kasseler Gymnasium Deutsch und Geschichte unterrichtet:

Es sei etwas im Gange. Covid-19. Corona. Jetzt wird es ernst. Oh je, was soll nur werden? Na, Corona-Ferien. Und das Abitur? Und die Betreuung? Ist es denn wirklich so ernst?

 


Ich gehe am Pausenende in meine eigene Klasse im Jahrgang 8. Bin mir ziemlich sicher, dass es zu Schulschließungen kommen wird. Die Nachrichtenlage ist recht eindeutig.

Zu Beginn der Stunde wie immer ein paar Klassengeschäfte, dann wollte ich eigentlich die neue Lektüre beginnen. Zum Glück hatte der Buchhändler die Bücher am Vortag geliefert. Genau in dem Moment, als ich alle Exemplare des Taschenbuchs in der Klasse verteilt habe, kommt die Durchsage des Schulleiters. Nach der 5. Stunde sei bis auf Weiteres Unterrichtsende. Ohrenbetäubender Lärm in meiner Klasse, sodass der Chef kaum noch zu verstehen ist. Als das Freudengeheul allmählich abebbt, erkläre ich, dass dies vermutlich bis zu den Osterferien gelte. Also räume ich mit den Schüler*innen den Klassenraum notdürftig auf. Wir vereinbaren, dass alle Schüler*innen die Deutschlektüre und die Schulbücher für die sogenannten Hauptfächer mit nach Hause nehmen. Sie mögen regelmäßig auf die Homepage der Schule schauen.

Die Kinder stürmen um 12:30 Uhr freudig erregt aus dem Schulgebäude. Ich stelle die letzten Stühle hoch und frage mich, was diese Schulschließung eigentlich bedeutet. Ich erinnere mich an meine eigene Schulzeit im Ruhrgebiet. Dort wurden in einem Winter die Schulen wegen einer nicht endenwollenden Smog-Situation geschlossen. Ich war als Kind unglaublich erschrocken. Ich bin nicht freudig nach Hause geflitzt. Ich dachte damals, die Luft sei so giftig, dass die Kinder nicht mehr nach draußen sollten. Erst viel später wurde mir klar, dass es darum ging, die öffentlichen Gebäude nicht mehr zu heizen, um Emissionen einzusparen. Nach wenigen Tagen wurden im Januar 1985 die Schulen wieder geöffnet. Ich denke, das wird dieses Mal nicht so sein.

Das Lehrerzimmer ist verwaist, als ich dort ankomme. Gehe zur Straßenbahn und schleppe vorsichtshalber auch einmal eine Menge Bücher nach Hause, die sonst in meinem Fach sind.

In den nächsten Tagen schießt die Schulleitung E-Mails aus allen Rohren. Wir alle bemühen uns, digital Kontakt mit unseren Lerngruppen aufrecht zu erhalten. Allerdings gibt es zu viele Kommunikationskanäle. Mit den „Kleinen“ eher Padlet, bei den „Großen“ Moodle, manchmal auch MS-Teams oder Zoom. Ein völliges Durcheinander. Etliche Schüler*innen und auch die Elternhäuser sind online gar nicht zu erreichen.

Meine eigene Klasse erreiche ich eigentlich nur über WhatsApp. Es gibt eine Klassengruppe, in der ich natürlich nicht Mitglied bin, aber ich kann nach ein paar Tagen etablieren, dass ich einer sehr zuverlässigen Schülerin per Mail schreibe und sie das umgehend in die Gruppe schickt. Aus dem Klassenteam der Kolleg*innen gehen die Aufgaben also an mich (was ich gut finde, denn dann kann ich übersehen, um welche [Un-]Mengen es sind handelt) und via WhatsApp erreichen sie fast alle Schüler*innen.

Die Schulleitung hat ihren Fokus ganz woanders. ABITUR first. Das ist verständlich. Das hessische Landesabitur beginnt am 20. März mit Physik. Der erste Hauptprüfungstag wird am 23. März sein. LK Deutsch, Geschichte, Erdkunde … Hygienepläne werden entworfen, das Schulamt und das Gesundheitsamt vermelden Neuigkeiten, das Kultusministerium verlautbart Rahmenbedingungen. In der Öffentlichkeit ist vom Kriegsabitur die Rede, Durchschnittsnoten aus Q1 bis Q3 ohne Prüfungen. Ein Für und Wider. Ein Hin und Her.

Das geht ein paar Tage. Wenn ich sehe, zu welchen Uhrzeiten Mails von der Schulleitung abgesendet werden, verstehe ich diesen Ausnahmezustand umso mehr.

In Hessen findet das schriftliche Abitur zu den vorgesehenen Terminen statt. Und es funktioniert. Der Hygieneplan wurde akzeptiert. Das Schulhaus ist bis auf die Prüflinge und die aufsichtführenden Kolleg*innen leer. So ruhig und konzentriert verlaufen die Prüfungen sonst nie. Keine lärmenden Sextaner auf dem Schulhof während der großen Pausen. Die Prüflinge erscheinen ernst. In den ersten Tagen. Als sich für die ersten Prüflinge der letzte schriftliche Prüfungstag anbahnt, wird eine unterdrückte Feierlaune spürbar.

Ich habe am vorletzten Tag Aufsicht. Mein GK Geschichte schreibt. Bei den einleitenden und ausleitenden Worten appelliere ich an Vernunft, Umsicht und Achtsamkeit. Aber ich weiß, dass es heimliche Abipartys in den Parks geben wird. Sobald wir Kolleg*innen uns umdrehen, klatschen sich junge Männer euphorisch ab und junge Frauen umarmen einander, weil sie es geschafft haben. Kann man es ihnen verdenken?

Die Zäsur der Osterferien. Fast niemand hat das Gefühl, jetzt stünden Ferien an.

Es wird klar, dass die digitale Beschulung erst einmal weitergeht. Konzepte werden gebastelt und verworfen. Die Schulleitung hat beschlossen, dass alle Lerngruppen nun über MS-Teams arbeiten. Jeder Schüler erhält eine Schul-Mail-Adresse und damit ein Office 365-Paket. Das Problem ist bloß, dass zu viele Schüler E-Mail für ein Steinzeit-Medium halten. Ein mobiles Endgerät haben an dieser Schule fast alle, aber nicht alle tippen und lesen Sprachnachrichten und Video-Chats. Ich nehme mir vor, meine Klasse ziemlich einzunorden. In der Oberstufe funktioniert es leidlich. Aber ich merke, dass ich es nicht mehr schaffe, auch in der 6., 7. und 9. Klasse dafür zu sorgen, dass alle die Aufgaben erreichen. Nicht nur Arbeitsblätter, sondern webbasiert alles Mögliche (Clips zu lyrischen Texten, Aufgaben zum Erstellen von Graphiken und Tutorials usw.) wird online verteilt. Doch ich erreiche nur einen Bruchteil, da zu viele selbst die Arbeitsblätter nicht finden, weil sie mit Teams nicht klarkommen. In meiner Klasse habe ich Elternhäuser abtelefoniert und versucht, Teams zu erklären. Das läuft jetzt so halbwegs.

Die Schulleitung bietet für uns Webinare an und wir stoßen an Grenzen. Zum ersten Webinar melden sich weit über 40 Kolleg*innen an. Wir wurschteln uns dennoch ziemlich gut durch.

Eine schöne Erfahrung ist der Kurs in der Q2. Ich gebe verschiedenste Aufgabenformate pro Kalenderwoche. Das kann in EA, PA oder GA erfolgen. Das spielt sich ein. Ich gebe eine individuelle Rückmeldung und oftmals vernetzen sich danach einzelne Schüler*innen oder Teams miteinander. Nicht alle machen mit. Aber viele. Das wird so bleiben, bis zum Schuljahresende, denn Geschichte wird im Präsenzunterricht nicht mehr erteilt. Aber so gelingt es uns, den „Stoff“ der Q2 irgendwie zu bewältigen. Ich bin manchmal sehr traurig, dass ich manche Stunde zu den Themen, die mir sehr am Herzen liegen, nicht im Miteinander erteilen konnte. Aber ich habe zum Teil wunderbare Essays von Schüler*innen gelesen, die im Klassenraum fast unsichtbar waren und nun im geschützten Raum des persönlichen Mail-Kontaktes sprichwörtlich aufblühten.

An manchen Tagen habe ich gleichsam Hornhaut an den Fingern vom vielen Tippen. Ich lebe zurzeit allein. Im sogenannten Draußen gibt es Kontaktbeschränkungen, Theater und Kinos sind geschlossen. Ich habe die Zeit für all das, aber ich weiß, dass sich die Situation für viele Kolleg*innen anders darstellt.

Staunen muss ich über einige Kollegen, die festgestellt haben, dass die Mittelstufe wahnsinnig spät aufsteht, und deshalb Videokonferenzen konsequent um 9 Uhr anberaumen. Nicht immer mit durchschlagendem Erfolg. Bei einigen Lerngruppen erweist sich 11 Uhr dann doch als funktionaler. Ich denke darüber nach, ob der Schulbeginn in Deutschland nicht doch verkehrt ist. Ich habe einmal an einer Schule unterrichtet, wo regelmäßig die 0. Stunde ab 7:15 Uhr ab Klasse 9 unterrichtet wurde. Aber diese Diskussion ist wohl wirklich abseits von Corona.

Das mündliche Abitur steht an. Und es läuft. Wieder Hygieneplan. Wieder viel Ruhe im Schulhaus. Wieder Appelle, es mit dem Feiern nicht zu übertreiben. Und ein bisschen trösten, weil es keinen Abiball geben wird - das schöne Kleid. Zukunftsangst, Besorgnis, Angst um die Familie sind kaum spürbar ...

Aber das kommt geballt, als ab 18. Mai der eingeschränkte Präsenzunterricht wieder beginnt. Zuvor Pläne, geänderte Pläne, andere Pläne, Aufsichten, Hygienemaßnahmen. In meiner Schule werden die Lerngruppen (5 bis E-Phase) gedrittelt und erhalten einen Präsenztag pro Woche, die Q2 erhält mehr Unterricht.

Als die Kinder kommen, wird der Stellenwert der Begegnung mit Macht wahrnehmbar. Besonders die jüngeren Schüler*innen hatten ungeheure Ängste und haben sie noch. Auf den Deutschunterricht freuen sie sich. Ich merke, dass einige von ihnen wochenlang kaum Deutsch gesprochen haben. Und wie viel sie erzählen wollen. Von den 31 Kindern aus meiner 6. Klasse kommen je 9-11 in einem Block. Akribisch halten sie sich an alle Hygieneregeln. Rechtsverkehr im Gang. Hände waschen. Hände desinfizieren. Maske, sobald man sich im Raum bewegt. Und sie wollen erzählen. Und auch schreiben. Ich lasse Kinder ihre Texte von vorn vorlesen und ich weiß nicht, ob ich das darf. Ich sorge für den Abstand. Im Klassenzimmer zieht es wie Hechtsuppe, weil der Hausmeister angewiesen wurde, jedes zweite Fenster auszubauen und die Türe dauerhaft aufsteht. Geforderte Querlüftung. Aber es macht uns Spaß und wir behalten einfach die Jacke an. Es ist schön, diese Texte klingen zu hören.

Zeugnisnoten stehen an. Wir wissen alle, dass die Grundlage corona-mysteriös ist. Die Schulleitung muss erneut unzählige Mails zur Rechtslage und zu den ausgesetzten Versetzungsbestimmungen versenden. Mannomann. Noteneingabe unter Corona-Bedingungen.

Letzter Schultag in diesem Schuljahr. Ich gehe in meinen Klassenraum. Den müssen wir heute auflösen. Zeugnisse sind schnell verteilt und ich erläutere noch einmal, dass diese Zeugnisse eine Besonderheit sind. Doch dann steht noch etwas Wichtiges an: Wir haben ein Klassenmaskottchen. Eine Stofftierkrake. Von der Klassenfahrt nach Sylt. Ein Riesenvieh. In gruseligen Farben. Ich frage, wer es über die Sommerferien mit nach Hause nehmen kann, denn wir müssen ins B-Gebäude umziehen. Es erbarmt sich zuerst die Schülerin, die zu Beginn von „Corona“ stets bei der WhatsApp-Gruppe geholfen hat. Ich schleppe das Ding zu ihr. Aber dann sagt sie: „Wollen Sie nicht lieber?“ Nein, eigentlich nicht. Ich weiß, dass dieses Ausweichmanöver jetzt in die Rubrik pubertäre Faulheit gehört. Und dann sagt der Klassensprecher: „Hoffentlich haben wir nach den Sommerferien wieder normalen Unterricht. Und dann bringen Sie das Maskottchen einfach wieder mit.“ Ich sage: „Okay.“ Dann stürmen alle hinaus. Ich räume noch ein wenig den Klassenraum auf. Die 8a ist Geschichte. Ich wünsche mir, dass wir im neuen Schuljahr als 9a starten können. Versetzt sind alle. Aber das wären sie auch ohne Corona, denn wir sind ein Team geworden.

Mareike Goertz (Zweite Vorsitzende des Landesverbands Hessen)

 

 

 








14.08.2020CBK Online-Redaktion

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