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Geschichte erzählen

Kommentierte Liste zum Vortrag von Dr. Stephanie Catani: "Geschichte erzählen. Zum historisch-fiktionalen Erzählen in der Gegenwartsliteratur"

Die Überschwemmung des literarischen Marktes mit einer Flut historischer Romane ist an sich verdächtig – Kitsch, mangelnde historische Genauigkeit, Eskapismus! Der reflektive historische Roman muss immer auch Gegenwartsroman sein.


In der neueren deutschen Literatur finden sich die unterschiedlichsten Historisierungsverfahren. Wesentliche Kriterien sind

  • Struktur der Geschichte
  • Wer erzählt die Geschichte?
  • Gedächtnis – Erinnerung – Geschichte
  • Medien der Geschichte

 

Historisch-fiktionale Texte seit 1989

  • Hilary Mantel, Wölfe. Köln (Dumont) 2010

Hilary Mantels Roman über den Tudor Heinrich VIII. und seinen Berater und „Macher“ Thomas Cromwell wird als Meilenstein des historisch-fiktionalen Erzählens gesehen. Für Wölfe bekam Mantel den Booker-Preis, ebenso wie für den Folgeroman Falken. Die besondere Qualität der Erzählweise liege in der Überblendung von objektiver und subjektiver Wahrnehmung, wie es sie im historischen Roman so noch nie gegeben habe. Zudem erzählt Mantel durchgängig im Präsens und entfalte so ein komplexes psychologisches Bild der handelnden Figuren und der politischen Konstellationen – neu, schockierend, faszinierend!

  • W. G. Sebald, Austerlitz. München (Hanser) 2001

In einem vielstimmigen, multiperspektivischen Erzählverfahren strukturiert Sebald die  Selbstaufklärung des Kunsthistorikers Jacques Austerlitz, der sein Schicksal lange verdrängte. Als Junge von vier Jahren kam er wie viele jüdische Kinder nach England in eine Pflegefamilie. Sebald erzählt periskopisch um mehrere Ecken in einem mehrstimmigen Verfahren auf mehreren Zeitebenen: Ein Ich-Erzähler, dem die Geschichte erzählt wird, der sich wiederum auf andere beruft, dazu Fotos und Skizzen, ein Gesprächszeitraum von dreißig Jahren, in dem weiter zurückliegende Ereignisse reflektiert, rekonstruiert, vermutet werden. „Poetik der Unschärfe“ – so Sebald.

  • Felicitas Hoppe, Johanna. Frankfurt a.M. (S. Fischer) 2006

Eine Jungfrau erzählt über eine andere Jungfrau. Die erste möchte promovieren und ihr Thema ist Jeanne d’Arc. Zwei Erzählebenen werden miteinander verschachtelt, die immer weniger zu unterscheiden sind, die Distanz verringert sich zusehends: Selbstfindung einer jungen Frau damals und heute. Hoppe sieht Johanna als eine Art Gegenwartsroman, in dem historische Probleme und Figuren in ihrer aktuellen Brisanz lebendig werden. Sprachlich überaus komplex wird keine biografische Geschichte erzählt, sondern eine poetische Annäherung, ein Traum von Johanna gewagt.

  • Uwe Timm, Halbschatten. Köln (Kiepenheuer & Witsch) 2008

Ein Ich-Erzähler besucht in den 1990er Jahren auf dem Berliner Invalidenfriedhof das Grab einer Fliegerin, die 1933 Selbstmord beging. Er lässt die Toten polyphon sprechen, wobei die Stimme der Fliegerin klar und stringent ist, die anderen Stimmen sich aber überlagern. Timm spannt multiperspektivisch, unzuverlässig erzählend den historischen Bogen von der Zeit Friedrichs des Großen bis in die Gegenwart. Die Toten erzählen, was sie behalten haben. Wer redet denn da, was redet er?

  • Daniel Kehlmann, Die Vermessung der Welt. Reinbek (Rowohlt) 2005

Ein biografischer Roman über zwei Geistesriesen der deutschen Kulturgeschichte: Carl Friedrich Gauß und Alexander von Humboldt? Die Wahrheit sei eine außerästhetische Frage, sagt der Autor und hinterfragt in einer metalektischen Transkription ästhetische Geschichtsmodelle sehr kritisch. In einem vielschichtigen Spiel mit Fakten und Fiktionen – zudem sehr unterhaltsam – wird auktorial erzählt. Gauß und Humboldt werden in der komischen und ironischen Erzählweise entzaubert und so historisch in Frage gestellt. Der Roman ist bis heute bei Literaturhistorikern höchst umstritten.

  • Robert Menasse, Die Vertreibung aus der Hölle. Frankfurt a.M. (Suhrkamp) 2001

Menasse arbeitet mit einer Doppelgeschichte: Die individuellen Schicksale zweier Lehrer – Rabbis – aus den sechziger und siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts und aus dem 17. Jahrhundert werden miteinander verknüpft. Sehr deutlich wird vorgeführt, wie wenig zuverlässig, ja unseriös die „oral history“ ist. Multiperspektivisch, detailreich und mit kenntnisreichem kulturphilosophischem Hintergrund zeichnet Menasse die verwirrende und verstörende Geschichte der Juden in Europa im Spiegel zweier Epochen nach. Auch dieser Roman ist von Literaturhistorikern sehr kontrovers diskutiert worden.

  • Ilja Trojanow, Der Weltensammler. München (Hanser) 2006

Im Mittelpunkt steht das abenteuerliche Leben des englischen Spions und Diplomaten Richard Francis Burton. Die Identitätssuche Burtons zwischen unterschiedlichen Kulturen und sein Scheitern wird erzähltechnisch zu  einer raffinierten Parabel strukturiert. Ein selbst nicht sehr zuverlässiger Ich-Erzähler wird konfrontiert mit der Sicht anderer Personen, die zum Teil sogar konträrer Meinung sind. Zudem fügt Trojanow Dokumente ein, so dass sich ein spannendes Verhältnis zwischen den „Wahrheiten“ entwickelt. Der Leser muss sich selbst helfen, ist zur Analyse herausgefordert, denn Trojanow ist der Ansicht, dass es „erbärmlich ist, nur die Hälfte der Geschichte zu kennen“.

  • Michael Köhlmeier, Abendland. München (Hanser) 2007

Die zweite Hälfte des vergangenen Jahrhunderts dient als Folie für die Aufarbeitung der Erinnerungen eines sterbenden Neunzigjährigen und seines vierzig Jahre jüngeren Chronisten. Episch breit angelegt, weit ausholend, versucht Köhlmeier einen Generationsroman des 20. Jahrhunderts mit seiner Katastrophengeschichte zu schreiben.

Wer war man? Wer hätte man sein können? Das unzuverlässige Erinnern der Protagonisten und vieler Zeugen lässt das Bild der Vergangenheit zwar scharf werden, aber zunehmend geprägt von einer Wunschvorstellung – der Erzähler wechselt vom Konjunktiv in den Indikativ. Die vergangene Wirklichkeit stellt sich in ihren Folgen für individuelle Lebensläufe dar und spiegelt sich in den Nöten der Gegenwart.

  • Marcel Beyer, Kaltenburg. Frankfurt a.M. (Suhrkamp) 2008

Ein Psychogramm des  Ornithologen Ludwig Kaltenburg – Mitläufer im Dritten Reich, hoch geschätzt im DDR-Regime – entsteht im Laufe des Romans aus der Sicht eines seiner Schüler. Beyer zeigt im Roman am Beispiel der Ereignisse des 17. Juni 1953, wie unterschiedlich die Wahrnehmungen der Zeitzeugen sind. Vieles wurde gar nicht selbst erfahren, manches ist in der Amnesie versunken. So kontrastieren und kongruieren die Lebensläufe der beiden Protagonisten, Fakten scheinen sehr unzuverlässig, und die Korrektur der Unschärfe tendiert zur reinen Fiktion. Leseerwartungen werden nicht bedient, dafür aber der Zweifel an jeglicher Wahrheit des Erinnerns.

 

Quelle: Dr. Stephanie Catani (Otto-Friedrich-Universität Bamberg): "Geschichte erzählen. Zum historisch-fiktionalen Erzählen in der Gegenwartsliteratur". Vortrag vom 2. März 2017 an der Goethe-Universität, Frankfurt am Main





Geschichte(n) erzählen --- Tagungsbericht mit aufschlussreichen Materialien




23.05.2017CBK Online-Redaktion

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