Frankfurter Allgemeine Zeitung Geisteswissenschaften Mittwoch, 18.07.2012, Nr. 165 / Seite N4

Didaktik der Literatur

Aktuelles aus einer germanistischen Debatte

1810 forderte Wilhelm von Humboldt, die Universität solle die Wissenschaft "als ein noch nicht ganz aufgelöstes Problem behandeln" und "immer im Forschen bleiben". Heute dürften diese emphatischen Worte zahlreichen Lehramtskandidaten den Angstschweiß auf die Stirn treiben. Im Fach Germanistik etwa strebt die Mehrheit der Studenten den Beruf des Deutschlehrers an und will sich deshalb gerade nicht auf dem freien Feld der Hermeneutik mit komplizierten Texten herumschlagen, sondern zweck- und anwendungsorientiertes Wissen sammeln. Nach wie vor gilt aber: Wer sich hierzulande in Germanistik einschreibt, wird in einem beachtlichen Teil des Studiums so ausgebildet, als wolle er Hochschullehrer werden.

Stimmt also etwas nicht mit dem Verhältnis von Fachwissenschaft und Fachdidaktik? Sollte man die Anzahl der Didaktikkurse aufstocken, die Wissenschaftskurse modifizieren? Oder würde nach den bereits umgesetzten Bologna-Beschlüssen jedes weitere Drehen an der Pädagogikschraube zur endgültigen Erosion der Germanistik führen?

Die Reichweite solcher Probleme wollen Mark-Georg Dehrmann und Jan Standke erörtern (Mitteilungen des Deutschen Germanistenverbandes: Germanistik und Lehrerbildung - Debatten und Positionen. Jg. 59, Heft 2, 2012). In der Einleitung wird das zentrale Manko in der Diskussion um die Lehrerbildung benannt: "Der Weg zum Lehramt in Deutschland ist so lang wie in kaum einem anderen Land. Durch Prüfungen und Kontrollen scheint er gut gesichert - so gut, dass die Beteiligten sich Gespräche über seine konkrete Ausgestaltung oft ersparen." Es ist das Ziel von Dehrmann und Standke, dem entgegenzuwirken und jenseits von normativen Lösungswegen die Debatte anzuregen. Besonders kontrovers fällt dieser Vorstoß allerdings nicht aus, denn in vielem ist man sich einig: Ein Studium braucht es schon, wenn man Lehrer werden will, Wissenschaft und Didaktik sollten sich gegenseitig bereichern, und an einer kompetenten Feineinstellung des Studienablaufs führt kein Weg vorbei.

Wo aber unterscheiden sich die einzelnen Positionen, wo liegen Probleme? Jörn Brüggemann glaubt, die Didaktik müsse verstärkt das Lehren lehren und schlägt daher den Aufbau einer multimedialen Datenbank vor, die die vergleichende Analyse von Unterrichtssequenzen gestattet. Eine globalere und das Fach wohl überfrachtende Meinung vertritt Michael Hofmann. Er sieht in der Literaturdidaktik "eine Handlungswissenschaft, die gemeinsam mit der Literaturwissenschaft eine kritische Selbstreflexion des Mediums Literatur in einer postmodernen, postkolonialen und interkulturell geprägten globalisierten Gesellschaft vollzieht". Bescheidener plädiert Katrin Berwanger dafür, die Rolle des Lehramts mit Blick auf ihre bestandsichernde Funktion für germanistische Fachprofessuren zu befragen - die Didaktik als Retterin der Wissenschaft.

Klaus-Michael Bogdal betrachtet die Didaktik hingegen als ",Vermittlungswissenschaft', die Wissen über die Vermittlung (und die Nicht-Vermittlung) von Literatur und Sprache hervorbringt". Wie genau eine solche Vermittlungsleistung aussehen soll, bleibt unklar. Es fragt sich dafür aber, ob eine Forschung und Lehre zusammenführende Vermittlungswissenschaft nicht der Entphilologisierung der Germanistik Vorschub leistet, indem sie die Analyse individueller ästhetischer Phänomene durch ein Set von eindimensionalen Schemata ersetzt. Damit wäre das Spezifische am Dichterwort aufgehoben, komplexe Sprache semantisch ausgehöhlt. Sinnvoll erscheint da Jürgen Wertheimers Ansatz, Literatur grundsätzlich als die Textsorte zu begreifen, die "keinem Format, keiner Norm, keiner Moral gehorcht". Ein solches Verständnis berücksichtigt nicht nur die Souveränität literarischer Texte, es schützt zu einem gewissen Teil auch vor unterkomplexen Reflexionen.

Geisteswissenschaftliche Fächer stehen generell unter Legitimationsdruck. Aus Angst, dieser Trend könnte anhalten, findet in der Germanistik seit Jahren eine Abkehr von Verbindlichkeiten statt. Zur Sicherung der eigenen Relevanz stärkt die Literaturwissenschaft ihre Anschlussfähigkeit: Sie weicht der strengen Untersuchung dichterischer Sprache mittels kulturwissenschaftlicher Theoriebildung aus, wobei Texte zu Belegmaterial von Historischem und Sozialem werden. Auf der anderen Seite hat sich die Literaturdidaktik nach PISA immer mehr von der Literatur selbst entfernt. Dabei müssten Lehrer, darüber besteht in den Beiträgen weitgehend Einigkeit, routiniert über beides verfügen: fachwissenschaftliches und fachdidaktisches Wissen. Das klingt einleuchtend und simpel, ist jedoch, wie das Heft verdeutlicht, keine Selbstverständlichkeit. Die Germanistik bleibt also, mit Humboldt gesprochen, "ein noch nicht ganz aufgelöstes Problem".

KAI SPANKE

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