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Grußwort der scheidenden Bundesvorsitzenden Dr. Beate Kennedy

Zur Eröffnungsfeier des 26. Deutschen Germanistentages am 22. September 2019 in Saarbrücken

Verehrte Anwesende,

das Thema Zeit ist naturgemäß immer aktuell. Manche seiner Facetten scheinen 2019 aktueller denn je zu sein, so der Countdown zur Klimakatastrophe, der in besonderem Maße zu einem umweltbewussten Verhalten aufruft. Oder die mit der Digitalisierung einhergehenden beschleunigten Arbeits- und Lebensprozesse, die wir teilweise schon recht ordentlich bewältigen und klug zu unserem Vorteil nutzen. Denen wir hin und wieder nostalgisch zu entfliehen trachten – Stichwort Digital Detox –, vor denen wir aber auch immer noch staunend stehen und uns die Augen reiben angesichts der technologischen Magie des 21. Jahrhunderts.


Was sind also die Aufgaben des Menschen in diesen Zeiten des Wandels? In welchen Rollen versucht er diese Aufgaben zu lösen? Wie kann die Schule den jungen Menschen auf diese Aufgaben vorbereiten?

In diesem Jahr 2019 wurde der Spieß umgedreht: Die Schüler*innen lehren Schule und Gesellschaft den Fokus auf das Wesentliche, auf den Erhalt unserer Lebensgrundlagen, und machen dies zum Unterrichtsthema Nr. 1 an jedem Streik-Freitag. Dies tun sie, weil sie aus dem in der Schule Gelernten eben gerade die richtigen Lehren ziehen: Unsere Zeit ist begrenzt. Memento Mori. Scheide das Wesentliche vom Unwesentlichen.

Sie setzten und setzen implizit auch einen Gegentrend zum um sich greifenden Rechtspopulismus, der sich so stufenlos steigern lässt zu einem Rechtsextremismus, zu verbaler und physischer Gewalt.

„Biedermann und die Brandstifter“ – Max Frisch nannte sein Stück 1948 „Ein Lehrstück ohne Lehre“; als solches sollte es durchaus etwas lehren, in der Schule, in der dieses Stück und andere Texte von Frisch und den anderen Autor*innen der Nachkriegszeit zu Klassikern avancierten.

Diese Autor*innen, Zeitzeugen von Deutschlands dunkelster Vergangenheit, sterben gerade, wir verlieren sie in dieser Dekade, ihre mahnenden Stimmen werden unhörbar im Stimmengetwitter, wenn es nicht gelingt, sie in das kollektive Gedächtnis zu überführen, in das kulturelle Gedächtnis unserer Gesellschaft und dort so fest zu verankern, dass Humanität, Toleranz und Demokratie als selbstverständliche, als einzig friedensstiftende Eigenschaften unseres Volkes verstanden werden. Das kann und muss die Schule leisten.

Dazu muss sie, nach allen Kräften unterstützt von der Politik, den Lehrkräften Zeit geben für die Vorbereitung eines inspirierenden kreativen Deutschunterrichts, der Momente der besonderen Erfahrung schafft. Sie muss Strukturen schaffen, in denen Orte kultureller Bedeutung aufgesucht, aber auch in den schulischen Alltag integriert werden können. Nicht zuletzt muss sie das Stundenkontingent für das Schlüsselfach Deutsch erhöhen und die Deputatsverteilung der Deutschlehrer*innen wieder so regeln, dass diese die für eine wirkliche Förderung dringend notwendigen Diagnose-, Förder- und schriftlichen Korrekturarbeiten in Ruhe durchführen können. Um mündige, demokratiefähige, sprachfähige, literaturaffine Menschen zu bilden, müssen Schule und Gesellschaft dem Einzelnen den Raum geben, sich zu entwickeln. Menschen brauchen Muße: Dieses Wort meint die Verinnerlichung, die innere Auseinandersetzung mit dem Gelernten. Das Innen ist der Ort, in dem die Haltung entwickelt wird, aus der heraus im Außen Stellung bezogen wird. Wir brauchen eine Schule, die uns diese Zeiträume schenkt, in denen wir, Schüler*innen und Lehrer*innen, zur Ruhe kommen und nachdenken dürfen.

Wenn im Deutschunterricht die komplexen Aufgaben von jeder einzelnen Schülerin, jedem einzelnen Schüler eine Transferleistung erwarten, dann impliziert deren Lösung Konzentration, Kompetenz und Kreativität. Die selbstständige Erarbeitung setzt Autonomie voraus, eine individuelle Freiheit. Diese aber muss zuvorderst erst einmal erfahren werden. Dazu muss Schule Pausen einrichten – damit meine ich keine Intervalle zwischen Inputs und keine physisch notwendigen Essens- und Toilettenpausen, sondern Pausen der Kontemplation, der Reflexion, der Freigeistigkeit.

Ein Germanistentag wie dieser ist ein Quell des Wissens und der Reflexion, aus dem die Lehrkräfte schöpfen dürfen und sich stärken für das, was in und außerhalb des Klassenzimmers für sie zu tun ist. Ich danke jeder einzelnen Schulleitung, jedem Ministerium eines Bundeslandes, das seine Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer für diese Veranstaltung freigestellt hat, und ich bedanke mich auch bei den daheim gebliebenen Kolleg*innen, die dort die Vertretung des Unterrichts leisten. Liebe Lehrkräfte, liebe Mitglieder des Fachverbands Deutsch, Sie, die Sie hier sind, wissen um die Bedeutung des kontinuierlichen Lernens, des Dazu-Lernens, der Weiterentwicklung und der Wiedererinnerung des einstmals Gelernten und Gewussten. Das ist hier alles möglich, weil wir in dieser Kooperation mit der Gruppe der Hochschullehrer in unserem Dachverband DGV gemeinsam eine große Tagung gestalten können, die uns durch die Beiträge der Forschenden in allen Disziplinen der Germanistik, allen Gegenstandsbereichen des Faches Deutsch, bereichern wird. Mein Dank geht an die Leitungen der Panels, die Anbieter von Workshops und die Vortragenden, allen voran die Keynote-und Plenarvortragenden. Danke an Sie alle! Mit besonderer Freude schaue ich den nächsten Minuten unserer kostbaren Zeit entgegen – welch Ehre, Sie, lieber Hartmut Rosa, hier begrüßen zu dürfen! Dir, liebe Nine, als der Gastgeberin dieser Veranstaltung an Deiner Wirkungsstätte möchte ich nicht versäumen, einen besonderen Dank auszusprechen! Damit verbunden ist mein Dankeschön an das Präsidium der Universität des Saarlandes, das Dekanat der Philosophischen Fakultät und die Fachrichtung Germanistik; mein großer Dank geht auch an die Abteilung Fachdidaktik der Fachrichtung Germanistik mit Frau Prof. Dr. Julia Knopf, die den Saarländischen Deutschlehrertag betreut, an das Institut für Lehrerfort- und -weiterbildung und das Landesinstitut für Pädagogik und Medien. Danke nicht zuletzt an Dich, Torsten: Dr. Torsten Mergen bildet die Schnittstelle zwischen dem Bundesvorstand des Fachverbands Deutsch, dem saarländischen Fachverband Deutsch und der Gesellschaft für Hochschulgermanistik. Der Geschäftsstelle mit der Koordinatorin Anne Meyer-Klose und Andrea Schindler sei ebenfalls mein großer Dank ausgesprochen.

Nun bleibt mir nur, Ihnen allen zuzurufen: Nehmen Sie sich die Zeit für einen ertragreichen 26. Deutschen Germanistentag!

Dr. Beate Kennedy
Erste Vorsitzende des Fachverbands Deutsch im Deutschen Germanistenverband e.V. (2013-2019)







02.10.2019CBK Online-Redaktion

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