Unsere Themen



Entwicklung der Kinder- und Jugendliteratur nach 1945

Kommentierte Liste zum Vortrag von Prof. Dr. Gina Weinkauff: "Was ist realistisches Erzählen?" Formenwandel des realistischen Erzählens für Kinder. Dargestellt an ausgewählten Preisbüchern des Deutschen Jugendliteraturpreises"

Die KJL hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg zunehmend zu einer All-Age-Literatur entwickelt. Ein guter Spiegel dafür ist der Preiskanon des Jugendliteraturpreises.


Ausgewählte Beispiele

Vollendete Kindheitsautonomie

Der Kindheit wird ein hoher Eigenwert zugesprochen, sie ist ein Schonraum, man spricht auch von „vollendeter Kindheitsautonomie“. Außer Krüss zählen auch Ende und Preußler zu den bekannten Repräsentanten dieser Literatur.

  • James Krüss: Mein Urgroßvater und ich. Hamburg (Oetinger) 1959

Eine Woche im Leben eines zehnjährigen Jungen und seines Urgroßvaters – beide leben auf Helgoland – bildet den Rahmen für spannende Geschichten und lustige Gedichte. Eine überschaubare, freundliche Welt, die Geborgenheit und Schutz bietet. Urenkel und Urgroßvater sprechen über Themen, die mit Sprache und Poesie zu tun haben, und die Geschichten geben Antworten auf Fragen, die sich im Gespräch auftun.

Moderner psychologischer Kindheitsroman

Nach dem zweiten Weltkrieg änderte sich das Kindheitsbild gründlich, was sich auch in den Erzählformen der Kinderliteratur niederschlug.

  • Hans Peterson, Matthias und das Eichhörnchen. Hamburg (Oetinger) 1959

Handlungsort ist ein großstädtisches Wohnhaus, in dem Kinder nicht besonders erwünscht sind. So ist Matthias ein einsamer, introvertierter Junge, dessen innere Welt in den erzählten Szenen sublim widergespiegelt wird.

Peterson erzählt bereits psychologisch realistisch, ohne Mittel der Rede- oder Gedankenwiedergabe zu nutzen. Ähnliches gilt auch für die frühen Bücher von Ursula Wölfel.

  • Tormod Haugen: Nachtvögel. München (dtv) 1981

Auch hier ist der Protagonist ein einsamer Junge, der sich nicht wehren kann gegen seine Umwelt, seine Ängste, die „Nachtvögel“. Sie bedrängen ihn, rumoren nachts im Kleiderschrank.

Im Unterschied zu Peterson ist Haugens Erzählweise deutlich an der literarischen Moderne orientiert. Gedankenwiedergabe, erlebte Rede, ungewöhnliche Syntax und unzuverlässige Erzählinstanz – die psychologische Thematik wird beängstigend einsichtig.

  • Gudrun Mebs: Sonntagskind. Hamburg (Carlsen) 1983

Eine kindliche Ich-Erzählerin (acht Jahre) charakterisiert ihre schwierige Situation: Waise, Heimkind, zunächst enttäuschende Adoptivmutter, mühseliger Weg zu einer glücklichen Wahlfamilie.

Mebs erzählt deutlich konventioneller als Haugen: einfache Syntax, Sprache dem Mündlichen angenähert, sehr expliziert, keine Deutungsspielräume. Adressat ist einsinnig nur ein kindlicher Leser.

Komik und psychologischer Realismus

Konflikte in Familie und Umwelt werden schon relativ früh literarisch-humoristisch umgesetzt. Bekannte Namen sind Christine Nöstlinger, einige Romane von Kirsten Boie und auch das Rennschwein Rudi Rüssel von Uwe Timm.

Drei neuere Beispiele zeigen das interessante Spannungsfeld zwischen psychologisch-realistischem Figurenkonzept und komischer Erzählweise.

  • Guus Kuijer: Reihe um Polleke, inzwischen 5 Bände bei Oetinger seit 2001

Polleke ist eine kindlich-komische Ich-Erzählerin, nicht neu in der Kinderliteratur, aber sie agiert in einer realistischen Welt, die für sie wenig durchschaubar und durchaus feindlich ist.

Ihre Welt wird von ihr sehr witzig, sehr exakt beschrieben, oft handelt sie gegen die Wahrscheinlichkeit, ist aber psychologisch realistisch konzipiert. In der Literaturdidaktik führte dies zu Irritationen, da die Problemhäufung und die sprunghaft denkende und handelnde Hauptfigur Leser verunsichern könnten.

  • Andreas Steinhöfel: Rico, Oskar und die Tieferschatten. Hamburg (Carlsen) 2008

Rico ist ein lernbehinderter Großstadtjunge mit problematischen Familienverhältnissen. Rico geht unbeirrbar einer Sache, die ihn interessiert, nach. Er braucht Zeit, laviert auf skurrilen Wegen. Oskar ist sein hochbegabter Freund, der aber wie Rico selbst im Großstadtdschungel zu kämpfen hat. Ein komisches Typenpaar – Don Quichote und Sancho Pansa.

Auch dieses Buch wurde so erfolgreich, dass Steinhöfel zwei weitere Bände schrieb. Die Typenkomik bietet dem Leser immer wieder Distanzierungsmöglichkeiten, so dass die psychologische Individualisierung einerseits gesteigert, andererseits verfremdet wird.

  • Milena Baisch: Anton taucht ab. Weinheim (Beltz & Gelberg) 2010

Auch hier geht es um einen „Helden“, der keiner ist. Anton ist leicht schräg gestrickt, sympathisch und unsicher. Im Grunde genommen hat er Angst und seine Abenteuer sind eigentlich gar keine, eher alltägliche Herausforderungen, die bewältigt werden müssen.

Auch diese Figur wird erzählerisch ironisch gebrochen: Anton ist eine der vielen Nachfolgefiguren von Rico und Polleke.

Metafiktionalität, unzuverlässiges Erzählen und literarische Stereotypenkritik

Hier geht es nicht um Gattungsvarianten, sondern um Erzählverfahren, die die realistische Fiktion und die tragende Funktion von Stereotypen sichtbar machen, die aber auch mit komplexen erzählerischen Mitteln aufgebrochen werden können.

  • Joke van Leeuwen: Deesje macht das schon. Weinheim (Beltz & Gelberg) 1988

Die Welt wird stringent aus Deesjes Perspektive gesehen, was die Erwachsenenwelt sowohl skurril als auch bedrohlich erscheinen lässt.

Van Leuuwen illustriert ihre Geschichte selbst, setzt die Bildlichkeit als grafische Kommentare ein, erzählt manchmal nur auf der Bildebene oder verleiht den Bildern eine metafiktionale Funktion. Bild und Verbaltext ergeben so eine multiperspektivische Wiedergabe der Welt Deesjes und der schwierigen Kommunikation – nicht nur zwischen Erwachsenen und Kindern.

  • Valérie Dayre: Lilis Leben eben. Hamburg (Carlsen) 2005

Lili wird von ihren Eltern an einer Raststätte allein zurückgelassen und muss sich dort durchschlagen. Aber ist das tatsächlich so?

In einer Art Freudschem Familienroman arbeitet die Autorin heterodiegetisch, so dass Lili sich die Geschichte nur ausgedacht haben könnte oder vielleicht auch nicht.

Der Roman erschien in französischer Sprache bereits 1991, aber erst nach der Übersetzung ins Deutsche fand er hier großes Interesse und wurde mit dem Jugendbuchpreis ausgezeichnet.

  • Frank Cottrell Boyce, Der unvergessene Mantel, 2011, erschienen in der deutschen Übersetzung 2016 bei Carlsen in Hamburg

Die unwürdige Lebensweise illegal eingewanderter Menschen wird in den Fokus einer Kinderfreundschaft gerückt. Es gibt kein stereotypes Handlungsmuster, also zum Beispiel Überwindung von Vorurteilen mit anschließendem Happyend.

Ungewöhnlich ist bereits die Perspektive: Man glaubt, dass eine kindliche Erzählerin die Ereignisse wiedergibt. Es ist aber eine erwachsene Frau, die 20 Jahre später das Geschehene unglaublich gegenwartsnah erzählt. Ausgelöst werden die Erinnerungen durch Fotos, die die Ich-Erzählerin damals jedoch falsch interpretierte und sie mitschuldig werden ließ an der Abschiebung der Freunde. Cottrell Boyce verbindet auf vielfältige Weise Selbststilisierungen und Projektionen, die zu Täuschungen und Ent-Täuschungen führen.

Neutrale Erzählperspektive

Neutrales, auch externes Erzählen ist in der KJL häufig zu finden in einer Kombination von auktorialem Erzählen im Wechsel mit variabler Fokalisierung,  also dem Verhältnis zwischen dem Wissen des Erzählers und dem einer Figur. Beispiele dafür sind Romane von Erich Kästner und James Krüss. Diese Erzähltechnik fordert die Lesefähigkeiten in relativ geringem Maße.

Anders wird dies, wenn diese Erzählweise mit psychologisch-realistischen Figurenkonzepten verbunden wird, denn der Leser muss die Individualität der Figuren konstruieren, weil er keinen direkten Einblick in ihr Denken und Fühlen erhält.

  • Martina Wildner: Die Königin des Sprungturms. Weinheim (Beltz & Gelberg) 2013

Der Roman erzählt vom Ende einer Mädchenfreundschaft. Nüchtern, fast sachlich beleuchtet die Ich-Erzählerin – die Freundin der Königin des Sprungturms – die Belastungen, die von außen kommen und eine Freundschaft dominieren können. In diesem Fall ist es der Leistungssport, der für die Freundinnen zum Trauma wird.

Das Erzählprinzip dieses Romans ist überwiegend szenisch, neutral, fast emotionslos und fordert eine hohe Lesekompetenz.

 

Die unterschiedlichen Varianten des realistischen Erzählens haben einen hohen Stellenwert für das literarische Lernen und die literarische Sozialisation, besonders für das Figurenverstehen und das Fiktionalitätsbewusstsein von Schülerinnen und Schülern.

 

Quelle: Prof. Dr. Gina Weinkauff, Päd. Hochschule Heidelberg: "Formenwandel des realistischen Erzählens für Kinder. Dargestellt an ausgewählten Preisbüchern des deutschen Jugendliteraturpreises". Vortrag vom 2. März 2017 an der Goethe-Universität, Frankfurt am Main





Geschichte(n) erzählen --- Tagungsbericht mit aufschlussreichen Materialien




22.05.2017CBK Online-Redaktion

Kooperationspartner


Archive


Veranstaltungen