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Literatur(unterricht) als Zumutung?! Kleiner Germanistentag 2019 in München

Fortbildungsveranstaltung für Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer stößt auf große Resonanz --- ein Tagungsbericht von Winfried Adam

Michael Sommer präsentiert seine "Weltliteratur to go"

Schulischer Literaturunterricht wird in der öffentlichen Debatte fast ausschließlich unter dem Signum der Krise oder des Bedeutungsverlusts wahrgenommen. Die Fortbildungstagung, die der Fachverband Deutsch im Deutschen Germanistenverband (Landesverband Bayern) in Zusammenarbeit mit der Forschungsstelle für Werteerziehung und Lehrerbildung an der LMU München organisierte, versuchte diesen Negativzuschreibungen den positiv ermutigenden Ansatz eines Literaturunterrichts gegenüberzustellen, der sich neuen (Vermittlungs-)Formaten nicht verweigert, aber gleichwohl anstrebt, literarischen Texten in ihren komplexen inhaltlichen, ästhetischen und ethischen Dimensionen gerecht zu werden.


Dieses Vorhaben entsprach offensichtlich den Anliegen vieler Kolleginnen und Kollegen – über 130 Deutschlehrer verschiedener Schularten aus dem gesamten südbayerischen Raum nahmen an der Tagung teil.

In einer kurzen Einführung akzentuierte Prof. Dr. Sabine Anselm die Zielrichtung der Fortbildung, literarische Texte als positive und herausfordernde Zumutung für die Schülerinnen und Schüler zu begreifen, welche die Behandlung existenziell-philosophischer Fragen ermöglichen, denen ansonsten im schulischen Fächerkanon wenig Raum gegeben wird.

Als Impulsreferent der Veranstaltung konnte mit Michael Sommer eine inzwischen etablierte Größe im Feld der medialen Literaturvermittlung gewonnen werden: Die youtube-Videos "Sommers Weltliteratur to go" des Dramaturgen und Literaturwissenschaftlers, in denen er mit Hilfe von Playmobil-Figuren Zusammenfassungen von literarischen Texten erstellt, erfreuen sich großer Beliebtheit und wurden bereits mehrfach ausgezeichnet. Sommer gab zunächst einen Einblick in die Rezeption seiner Videos, die im Oberstufenkontext und wohl auch bei Studierenden einen wesentlichen Bestandteil der Begegnung mit Literatur ausmachen. Die Zuhörer bekamen im Folgenden einen interessanten Einblick in die Produktionswerkstatt von Sommers Videos, indem er die Konzeption seiner Drehbücher, Kulissen und Figuren erläuterte. Grundsätzlicher wurde Michael Sommer im letzten Teil seiner Ausführungen, in denen er ausgehend von den Überlegungen des niederländischen Kulturhistorikers Johan Huizinga die Bedeutung des Spiels für die menschliche Kultur betonte. Denn Sommer sieht seine Videos als eine Form des Spielens mit Literatur, das Freiräume und Freude in der Beschäftigung mit Literatur ermöglichen soll und sich Nützlichkeitserwägungen weitgehend entzieht; er plädierte abschließend dafür, den spielerischen Aspekt bei der Beschäftigung mit Literatur wesentlich stärker ins Blickfeld zu nehmen und Raum für ästhetische Bildung zu ermöglichen.

Den lebendigen Ausführungen von Michael Sommer schloss sich eine kurze Gesprächsrunde von Vertretern und Vertreterinnen aus Schule, Fachdidaktik, Fachwissenschaft und Institutionen der Lehrerbildung an, die den Umgang mit Sommers Projekt in ihrem jeweiligen Umfeld diskutierten. Dabei zeigte sich ein Spannungsfeld zwischen (vermeintlichen) curricularen Vorgaben einerseits und den nahezu unbegrenzten Potenzialen eines spielerischen Zugangs zu literarischen Texten aus Vergangenheit und Gegenwart anderseits.

Der zweite Teil der Tagung gehörte drei Workshops, in denen versucht wurde, die grundsätzlichen Impulse des ersten Teils für den schulischen Kontext auszubuchstabieren. StD Christian Rühle vom Gymnasium Weilheim zeigte in seinem Workshop „Inhaltsangabe to go“, wie das Erstellen von Inhaltsangaben zu Kurzgeschichten der Autorin Zsuzsa Bank im „Sommerschen Modus“ in einer 9. Klasse realisiert werden konnte. Zugleich erläuterte er eine Reihe von Möglichkeiten der digitalen Transformation von literarischen Texten.

Welche Möglichkeiten der Differenzierung und Individualisierung im Literaturunterricht bestehen, stellte die Deutschdidaktikerin Anna Wazcek von der Universität Eichstätt in ihrem Workshop „Jenseits der Klassenlektüre“ vor. Dabei wurde vor allem die Durchführung und Konzeption von Lektüreprojekten thematisiert, die unter einem bestimmten Rahmenthema die Beschäftigung mit verschiedenen literarischen Texten in einer Mittelstufenklasse ermöglichen.

Das aus dem Fernsehen bekannte Format „Literarisches Quartett“ war Gegenstand des dritten Workshops von StR Hagen Dessau vom Karolinen-Gymnasium Rosenheim. Konzeption, Durchführung und Evaluation eines literarischen Quartetts in der Oberstufe des Gymnasiums, das sich mit gegenwartsliterarischen Texten befasste, bildeten den Schwerpunkt des Workshops.

Abgerundet wurde die Fortbildung mittels einer gut besuchten Fishbowl-Diskussion, in der alle Teilnehmer eingeladen waren, nochmals die verschiedenen Anregungen des Tages für sich zu reflektieren bzw. zu perspektivieren. Hierbei zeigte sich, dass viele Kollegen und Kolleginnen die Tagung als Ermutigung und Motivationsschub empfanden, neue Wege bei der Vermittlung von Literatur zu beschreiten und damit zugleich den Stellenwert der Literatur im Rahmen des Deutschunterrichts zu behaupten. „Literaturunterricht soll als positive Zumutung für das gesamte Schulsystem gesehen werden“ – dieses Statement eines Teilnehmers brachte das Kernanliegen der gelungenen Veranstaltung vom 19. Februar 2019 präzise auf den Punkt.

OStR Winfried Adam





Fortbildungsveranstaltungen LV Bayern

Literatur(unterricht) als Zumutung?! – Impulse aus Literaturvermittlung, Deutschdidaktik und Schulpraxis




28.02.2019CBK Online-Redaktion

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