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Lesekompetenz. Aktuelle Ergebnisse aus der Leseforschung

Fachtagung des LV Saarland 2007

Cornelia Rosebrock und Karin Richter präsentierten in den Grundsatzreferaten aktuelle Ergebnisse aus der Forschung zur Lesekompetenz. Workshops zeigten methodische Ansätze für die Praxis auf. Rund 100 Lehrerinnen und Lehrer aus verschiedenen Schulformen nahmen teil.


Auf einer mesopotamischen Wachstafel aus dem 5. Jahrhundert vor Christus zeigte sich bereits eine Weisheit, die auch heute noch Gültigkeit für unsere Schülerinnen und Schüler beanspruchen kann: "Mit Schreiben und Lesen fängt eigentlich das Leben an."

Um die Problematik der Lesekompetenz heutiger Schülerinnen und Schüler wissend veranstaltete der Landesverband Saar des Deutschen Germanistenverbandes in Zusammenarbeit mit dem Saarbrücker Landesinstitut für Pädagogik und Medien (LPM) im April 2007 eine Fachtagung für Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer. Namhafte Referentinnen - u. a. Prof. Dr. Cornelia Rosebrock von der Universität Frankfurt a. M. und Prof. Dr. Karin Richter, Uni Erfurt - stellten in interessanten und anregenden Vorträgen den knapp 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmern das theoretische wie praktische Rüstzeug für die Optimierung der Lesekompetenz von Kindern vor.

Bereits im Eröffnungsvortrag wies die Frankfurter Forscherin Rosebrock darauf hin, dass mit einem Missverständnis aufgeräumt werden müsse: In der populären Diskussion werde unter Leseförderung häufig die Animation zum Lesen verstanden - der Vorstellung folgend, dass die Entwicklung von guten Lesekompetenzen unmittelbar mit einer Steigerung der Menge des Gelesenen zu erreichen sei. Dagegen sieht Rosebrock als wichtiges Ergebnis der großen Schulleistungsstudien, von IGLU bis PISA, einen Paradigmenwechsel als erforderlich an. Die Förderung von Lesekompetenz müsse verstärkt mit der Einübung von Lesestrategien gleichgesetzt werden und die Lehrerinnen und Lehrer als Strategie-Trainer geschult werden, die bei heterogenen Ausgangslagen der Schülerschaft Handlungsoptionen zur Unterstützung der Lesefähigkeiten entfalten, kategorisieren und systematisieren können.

Auch die Erfurter Didaktikerin Karin Richter stellte auf der Basis der internationalen Vergleichsstudien PISA und IGLU die Frage nach dem Stellenwert und der Bedeutung des Lesens, der Lesekompetenz und der Lesemotivation. Zentrale Befunde einer von ihr geleiteten Erfurter Studie über die Möglichkeiten und Grenzen schulischer Einflussnahme auf die Entwicklung von Lesemotivation im Grundschulalter und neueste Erkenntnisse der Hirnforschung machen deutlich, wie folgenreich eine Vernachlässigung des Umgangs mit Sprache und Literatur für die gesamte Persönlichkeitsentwicklung sei.

Zugleich zeigte Richter durch Auswertung von Unterrichtsversuchen verschiedene Möglichkeiten zur Entwicklung von Lesemotivation an unterschiedlichen literarischen Beispielen, die sich verstärkt um die Motivation der Jungen, dem "Sorgenkind" der Leseforschung, bemühten.

Nachmittags fanden diverse Workshops statt, die den theoretischen Gehalt der Vorträge für die Praxis der saarländischen Deutschlehrkräfte fruchtbar machen sollten. Neben den Referentinnen der Vormittags standen auch Vertreter der Stiftung Lesen und Schulpraktiker aus dem Saarland als Arbeitsgruppenleiter zur Verfügung.

Beispielsweise machte sich eine Arbeitsgruppe Gedanken zum Thema "Leseflüssigkeit", d. h. um die genaue, automatisierte, schnelle und sinngestaltende Fähigkeit zur leisen und lauten Lektüre von Texten. Denn schwache Leser verfügen in der Regel auch über eine nur schwach ausgebildete Leseflüssigkeit und stoßen so zu den eigentlichen Verstehensanforderungen der Textinhalte nicht durch. Auf der Basis des Projektes Leseflüssigkeit der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt wurden zwei vollkommen unterschiedliche Unterrichtsmethoden, durch die man sich eine Verbesserung der Leseflüssigkeit erhofft, näher beleuchtet: Die Lautlese-Tandems und die Stillen Lesezeiten.

Eine weitere Arbeitsgruppe suchte den Zugang zu literarischen Texten über Illustrationen und Bildwelten: Die Unterrichtsmodelle zu Volks- und Kunstmärchen, zu Mythen und Kinderliteratur-Klassikern zielen darauf, die Fantasie anzuregen, die Wahrnehmung literarischer Strukturen in Verbindung mit dem Erzählen zu entwickeln sowie die Lesekompetenz und Lesemotivation zu fördern. Am Beispiel des Märchens "Schneewittchen" wurde die originelle, weitgehend unbekannte Bildwelt der Schweizer Künstlerin Warja Lavater vorgestellt und diverse Unterrichtsanregungen diskutiert, wie die in einer abstrakten Zeichensprache gestaltete Märchenwelt Warja Lavaters Impulse zu einer kreativen Aneignung des Märchens auslösen könne. Die Bilder des Leporellos mit Piktogrammen und einfachen geometrischen Figuren erzählen das Märchen in einer Weise, die nicht nur Spielräume für einen kindlichen Zugang zur Welt des Märchens eröffnet, sondern die auch Schülern mit gering ausgeprägten Lesefähigkeiten eine aktive Teilnahme am Unterricht ermöglicht.

Dass das Thema Lesekompetenz noch weitere Anstrengungen und Schulungen erforderlich macht, darüber waren sich alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer einig. Der Landesverband Saar im Deutschen Germanistenverband wird in den nächsten Jahren weitere Anstrengungen in diesem Sinne initiieren bzw. flankieren.

Torsten Mergen, Schriftführer des Landesverbandes Saar im DGV





Lesekompetenz. Aktuelle Ergebnisse aus der Leseforschung




18.10.2007Thomas Gräff

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