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Sprache fördern

Zwischentöne. Kolumne für den Deutschen Germanistenverband, August 2008

Noch zu keiner Zeit war Sprachförderung so nötig und so wichtig wie in der Gegenwart, niemals bisher sahen sich so viele Menschen so hohen sprachlichen Anforderungen gegenüber wie heute. Bisher hat sich die Diskussion über Sprachförderung weitgehend auf Fachkreise beschränkt, sehen wir einmal ab von den besonders in den Sommermonaten mit steter Regelmäßigkeit veröffentlichten Sprachverfallsklagen in den Medien.


War das einmal - oder ist das noch? Jedenfalls sagte dies Peter Sieber bei der Verleihung des Erhard-Friedrich-Preises für Deutschdidaktik im Rahmen des 14. Symposions Deutschdidaktik am 23. September 2002 in Jena. Die Rede hieß "Sprachförderung - mit PISA in anderem Licht?"

Das Fragezeichen kann fallen, es war zu optimistisch. Ich ersetze es durch das Adjektiv diffus vor der Metapher und lasse hinter ihr eine Leerstelle.

Es sei wie mit den stillgelegten Zechen, da könne man nichts mehr fördern, sagte mir jemand. Und wenn die Gesellschaft sich mit gegenseitigen Vorwürfen über Unkenntnis beim Spracherwerb und Polemiken gegen Verwahrlosung und Verlotterung beschimpfe, dann sei es eben wie bei den Zechen, keine Sprachförderung mehr möglich.

Seit Siebers Rede im Jahr 2002 sind nicht nur viele Wasser die Flüsse hinuntergeflossen, es sind auch viel mehr verwahrloste Kinder von jetzt wacheren Nachbarn gemeldet worden, es haben sich viele Sprachkurse im didaktisch und methodisch zweifelhaften Nichts verlaufen, es sind viele Forderungen als falsche Förderung verstanden worden und es sind viele Identitäten, deren Verlust oder fehlenden Aufbau man beklagte, erst gar nicht zu dem geworden, was sie ihrer Anlage gemäß hätten werden können, nämlich die ihnen eigene menschliche Form, auch die sprachliche, herauszubilden.

Überall fehlen Zwischentöne. Und da der Ton den größten Teil der Musik ausmacht, frage ich mich, welche Töne brauchen wir denn, um das Musikstück ganz zu hören und dem anthropologischen Basiselement Sprechenkönnen zu seinem Recht zu verhelfen? Auf jeden Fall nicht solche Töne der direkten und indirekt-subtilen Diffamierung, Töne von Sprachreinigungsgesellschaften mit zweifelhaftem Gebaren, Töne von Puristen, die Feldzüge gegen das Denglisch führen, die alles, was fremd klingt als Verhunzung bezeichnen, kriegerische Töne, die schon in ihrer Semantik die Welt in rein und unrein, gut und böse ein-teilen. Das sind fanatisierte Töne, die brauchen wir nicht, sie schaden und brüten Unheil aus.

Ausnahmen, auch bei Sprachgesellschaften, gibt es immer, hat es in schöner Tradition seit der Fruchtbringenden Gesellschaft immer gegeben.

Die Rede vom Sprachverfall geht in der Gesellschaft um wie ein Gespenst. Besonders die Schulen werden dafür verantwortlich gemacht. Um dem Gespenst zu begegnen, muss man es entlarven und mit diesem Urteil vom Verfall produktiv umgehen; nicht die Nennung von Defiziten ist die pädagogische Aufgabe, sondern die Förderung.

Zwischentöne sollten die Kontexttöne nicht übertönen, aber sie sollten immer hörbar sein. Und zu hören, was die Sprache bewegt und was sie verändert, ist ein vielfältiger, andauernder und nicht mit Sprachkeulen zu bändigender Prozess.

Eine stimmige Tonlage mit den richtigen Vorzeichen ist durch Peter Sieber und andere längst vorgegeben:

Aber - alle Menschen können sprachlich gefördert werden, auch wenn nicht alle zum gleichen Stand der Fähigkeiten geführt werden können. Die Schule hat - aus einer Defizitfixierung mit der dazugehörigen Fehlerdämonisierung - zu häufig und zu früh jungen Menschen die ihnen zustehende und gesellschaftlich notwendige sprachliche Bildung verunmöglicht.

Heute steht die kriterienorientierte Sprachverwendung auf den Agenden der meisten Bundesländer. Das stumpfe Schwert der Fehlerzählerei mit anschließender Quotientenbildung als Ausweis eines Höchstmaßes an gerechter Beurteilung - weil es rechnerisch so sauber quantifiziert - wird durch ein Verfahren mit transparenten Kriterien für alle Teile der Textproduktion ersetzt und auf alle Fächer mit hohem sprachlichen Anteil angewendet. Der Weg ist auch hier das Ziel, denn im Verlauf ihrer Lernbiografien müssen alle Schüler und Schülerinnen sicher sein, dass die Kriterien, nach denen sie beurteilt und bewertet werden differenziert, durchsichtig und lebensnah formuliert sein und sowohl individuellen als auch allgemeinen kommunikativen Standards genügen müssen. Auch hierzu hat Peter Sieber schon im Jahr 2002 das Entscheidende gesagt:

Sprachliches Lernen ist im Kern ein individueller, wenn auch regelgeleiteter Prozess. Deshalb ist es eine unabdingbare Notwendigkeit, dass Sprachförderung individualisierende und differenzierende Angebote macht, die bei den jeweiligen Stärken ansetzen. Denn: Wir lernen dort, und wir lernen dort weiter, wo wir die Erfahrung gemacht haben, dass wir schon etwas können. Das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten ist eine wichtige und notwendige Voraussetzung dafür, dass Lernprozesse gelingen. Für die Weiterentwicklung vorhandener Fähigkeiten ist deshalb wichtiger, den Lernenden die Gewissheit zu vermitteln, dass sie bereits etwas können, als nur an Fehlern zu arbeiten und sich an Defiziten zu orientieren.

Sieber leitet daraus differenzierte Kompetenzbeschreibungen auch für die Erstsprache ab. Genau darauf bauen gute moderne Rahmenlehrpläne. Doch wir müssen uns zurzeit noch damit begnügen, dass an diesen Kompetenzmodellen und -beschreibungen permanent gearbeitet wird; dass sie also noch nicht da sind. Deshalb die vielfach geäußerte Ungeduld, die Enttäuschung, dass mit dem Kompetenzbezug in den Fächern und ihrer Didaktik noch nicht der messbare Erfolg eingetreten ist; deshalb die Enttäuschung angesichts der Diskrepanz von Anspruch und Wirklichkeit, wenn die Ergebnisse der empirischen Unterrichts-forschung besprochen werden.

Was machen wir mit der Sprachförderung im sogenannten Multikultu-ralismus? Mit der These des Multikulturalismus wird die kulturelle Identität der ethnischen (Zuwanderer)gruppen verabsolutiert, beinahe romantisiert. Die Erfahrungen laufen anders als manche Sozialpsychologen es sagen. Die Erfahrung sagt nämlich, dass Identität nicht ein für alle Zeiten festes Gehäuse für das Individuum ist, Identitäten wandeln sich, sie adaptieren anderes, sie vermischen sich, sie setzen sich auch ab oder isolieren sich.

Was erleben wir heute? Wir befinden uns in einem Zwischenstadium zwischen Integration und Bewahrung von Identität. An einem Beispiel aus der Sprachforschung mit äußerst pädagogisch wirksamer Bedeutung kann es am besten sehen: Am sogenannten Kietzdeutsch. Kiezdeutsch ist eine Jugendsprache des Deutschen. Jugendsprachen hat es schon immer gegeben; das Besondere an Kiezdeutsch ist, dass sich diese Jugendsprache im Kon-takt unterschiedlicher Sprachen (und Kulturen) entwickelt hat, in Wohngebieten mit hohem Migrantenanteil wie z.B. Berlin-Kreuzberg. Ähnliche Jugendsprachen gibt es auch in anderen europäischen Ländern, etwa in den Niederlanden, in Dänemark und in Schweden.

Kiezdeutsch ist also kein isoliertes deutsches Phänomen. ...

All diesen Jugendsprachen ist gemeinsam, dass sie zwar häufig von Jugendlichen mit Migrationshintergrund gesprochen werden, aber nicht nur auf diese beschränkt sind und auch nicht für Jugendliche einer bestimmten Herkunft typisch sind (etwa Jugendliche türkischer Abstammung), sondern sich gerade im Kontakt unterschiedlicher Sprachen und Ethnien entwickelt haben. Man spricht daher auch von "Multiethnolekten", ein Begriff, der die ethnische Vielfalt der Sprecher betont... Kiezdeutsch ist eine Kontaktsprache, die in Wohnvierteln mit sprachlicher, ethnischer und kultureller Vielfalt entstanden ist.

(Zitate aus dem Infoportal der Universität Potsdam, Lehrstuhl für Deutsche Sprache der Gegenwart: www.kietzdeutsch.de)

Die praktischen Hinweise zu Unterrichtsprojekten lassen aufhorchen und ermuntern geradezu, mit der aktuellen Sprachverwendung und damit einem unmittelbaren Lebensbezug der Jugendlichen zu arbeiten, im Deutschunterricht, im Sprach- und Literaturunterricht. Wenn irgendwo Sprachwissen erweitert werden kann, dann auch hier im Kontrast und in Anlehnung an standardsprachliche Normen. Vereinfachungen, Flexionsformen, grammatische Muster (lassma, musstu), so mit Artikelfunktion und vieles mehr. Sprachwissen erweitern durch das Wissen über die funktionelle Vielfalt der gesprochenen Sprache. Ein alter Hut, das ist richtig; aber konkret mit dem Kietzdeutsch-Phänomen zu arbeiten traut sich kaum einer. Es müssen nicht immer konkrete poesie oder Jandl-Texte sein, die unser Sprachsystem durch In-Frage-stellen erhellen.

Ein Bischofswort aus Canterbury hat unlängst der Perversion von In-tegrationspolitik das Wort geredet: Für bestimmt Bereiche die Scharia in England einzuführen, damit die kulturelle Identität gewahrt bleibe. Also kräftig dem Ehrbegriff der Fanatiker zur Familienwürde Vorschub leisten und ein atavistisches Bestrafungsrecht legalisieren. Oder bin ich jetzt selbst dem verbalen Fanatismus erlegen?

Unsere Sprache verkraftet die Mischung ohne große Probleme, wir gehen nur zu verklemmt damit um. Wir sanktionieren so gern, wir streichen so gern Fehler an, in Deutschaufsätzen wie in Biologieklausuren, wir zählen so gern und meinen mit der "objektiven" Zahl auch ein "objektives" Urteil ausgesprochen zu haben. Wir machen nicht einmal einen Unterschied zwischen strukturell-syntaktischen Fehlern und Fehlern in der Lautung oder der Schreibung. Wir haben keine differenzierte Fehlertypologie, wir haben föderal-orientierte Bewertungen dessen, was ein Fehler ist und sind von daher weit weg von einer gerechten Beurteilung.

Warum nennen wir es überhaupt "Fehler"? Sagen wir dem Kleinkind auch dauernd, das war ein Fehler, wenn es *kommte sagt? Verbessern wir es nicht und üben es durch Wiederholung und dann irgendwann durch Erklärung? Und lernt das Kind dann nicht wunderbar natürlich sein syntaktisches Gerüst und manövriert sich durch die Sprech- und Sprachwelt? Auf der anderen Seite lassen wir die Sprach- und Verhaltensfehler dauernd durchgehen; auf dem Schulflur wie beim achtlosen Wegwerfen der Einwegflasche auf dem U-Bahnhof. Freundliches, bestimmt-sicheres und wiederholtes Hinweisen würde helfen, der Achtlosigkeit den Garaus zu machen. Die verbreitete Art und Weise, die Würde des Anderen nicht zu achten und das Allgemeingut zu schädigen, muss geächtet werden. Ächtung ist nicht Missachtung der Persönlichkeitsentwicklung, sondern zeigt, dass wir nicht einverstanden sind mit der Verletzung des Anstands, auch in seiner sprachlichen Würde.

Auf Vielfalt im standardsprachlichen Rahmen kommt es an, auf bewusste Heterogenität des Ausdrucks in dialektaler, soziolinguistischer und ethnolinguistischer Hinsicht, nicht auf das antidiskriminierungsgesetzlich verordnete Quotendeutsch. Das ist noch längst kein emanzipatorischer Quantensprung in der Gleichberechtigung, sondern oft nur sprachlicher Blödsinn. Wenn ich sage, "eine Germanistin" müsste die Expertise des Max Planck Instituts zur Leseförderung kennen, dann meine ich damit natürlich "den Germanisten" schlechthin. Man könnte mal Bürgerin, mal Bürger sagen und wäre fein raus aus dem Korsett der Doppelanrede "liebe Mitbürgerinnen, liebe Mitbürger". Es könnte so einfach sein. Es ist so verkrampft. Wir diskutieren so grundsätzlich und meinen in Deutschland damit, dass alles erschöpfend geregelt sei; es ist eine scheinbar fachlich abgesicherte Engstirnigkeit.

Mehr hinhören, mehr reinhören ins Ungewohnte, mehr Fragen stellen, mehr Antworten bezweifeln und prüfen, mehr Sachen klären und junge Menschen fördern, mehr Zwischentöne zulassen.








22.08.2008Fritz Tangermann

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