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Textrezeption in Fachwissenschaft, Fachdidaktik und Unterricht

Tagungsbericht zur Fachtagung im Literarischen Colloquium Berlin (lcb) 2002

Der Fokus dieser Tagung lag auf der genauen Arbeit mit dem und am literarischen Text. Immer wieder haben sich in germanistischer Wissenschaft und Lehre die Auffassungen darüber, was ein Text ist und welche kulturellen Funktionen er hat, gewandelt. Konstant geblieben ist seine Bedeutung als wichtigstes Bezugsobjekt sowohl für Wissenschaftler wie auch Lehrer


Vor dem Hintergrund aktueller Diskussionen um Kerncurricula und Qualitätssicherung sollte eine (Selbst)Vergewisserung über diese Grundlagen des Faches und eine Bestimmung des Anforderungsprofils Interpretationskompetenz vorgenommen werden. Ein weiterer Grund für die Themenwahl lag in der empirischen Beobachtung, dass die Rezeption literarischer Texte häufig durch die Existenz von verfestigten Interpretationsschemata eingeschränkt ist. So zielte die Tagung darauf ab, in der Auseinandersetzung mit fachwissenschaftlichen, fachdidaktischen und schulischen Perspektiven und Praktiken sowohl unterschiedliche Dimensionen des Textverstehens als auch mögliche Zugänge zum Text zu reflektieren.

Nach einem vorbereitenden Austausch der individuellen Lektüreerfahrungen der Tagungsmitglieder in vier Arbeitsgruppen ging es zunächst um die fachwissenschaftlichen Lesarten zweier Gedichte aus dem Lyrikband von Durs Grünbein „Nach den Satiren“ (1999) durch zwei Hochschulgermanisten. Prof. Dr. Osterkamp (HU Berlin) und Prof. Dr. Peitsch (Universität Potsdam) hatten sich bereit erklärt, den Gegenstand ihrer Vorträge aus dem gleichen Gedichtband zu wählen. Einst Osterkamp hatte Memorandum ausgewählt, Helmut Peitsch bezog sich auf Novembertage. Die Vergleichbarkeit der Texte und das unmittelbare Aufeinanderfolgen der Vorträge ließ die spezifischen Wahrnehmungsmuster und Interpretationsstrategien der Referenten deutlich hervortreten: Während Osterkamp stärker die poetische Valenz des Textes akzentuierte und vor allem forderte, dass der subjektive Verstehenshorizont am Text selbst plausibilisiert werden müsse, betonte Peitsch eher die Bedeutung der Rezeptionslandschaft, in der ein Text situiert ist. Er zeigte auf, wie ein Text zugleich Rezeptionsangebot und Teil eines Rezeptionsprozesses ist, der neben literarischen Traditionen auch mediale Bilder verarbeitet. Trotz unterschiedlicher Ansätze und Perspektiven kamen Osterkamp und Peitsch allerdings zu ähnlichen Fragestellungen, was die Positionsbestimmung von Grünbeins Lyrik angeht: Welche Funktion kann Dichtung nach dem Utopieverlust haben? Welche anthropologischen Entwürfe finden sich bei Grünbein? Inwieweit stellt sich mit den Absagen an Utopie und Ideologie ein neues Ideologieproblem? Ist es ein Ausweg, wenn Metaphysik in Körperphysik aufgelöst wird?

Im Anschluss an die fachwissenschaftliche Diskussion wurde in einem weiteren Arbeitsschritt aus der universitären Perspektive des Fachdidaktikers Prof. Dr. Kämper-van den Boogaart (HU Berlin) reflektiert, wie im Unterricht der Sekundarstufe 11 literarische Texten rezipiert und interpretiert werden. Kritisch wurden die Begriffe Interpretation und Analyse, die in den Arbeitsaufträgen für die Oberstufe wie selbstverständlich verwendet werden, hinterfragt. Kämper zeigte auf, wie die Literaturdidaktik einerseits den Akzent auf Leseförderung und Ermöglichung eines subjektiven Zugangs gelegt sehen möchte, andererseits aber an gewissen verbindlichen Grundsätzen einer textadäquaten Interpretation festhalten will. Um individuelle Verstehensprozesse anzuregen und einerseits willkürliche, andererseits schematische Interpretationen zu vermeiden, schlug er vor, bei der Formulierung von Aufgabenstellungen explizit Hinweise auf Kontexte der zu schreibenden Texte zu integrieren und präziser und für die Schüler transparenter nach Wissensbeständen zu fragen sowie ihnen die Gelegenheit zur Entdeckung intertextueller Bezüge zu geben.

Als konkretes Beispiel für Textrezeption aus fachdidaktischer Sicht stellte Prof. Dr. Elisabeth Paefgen (Universität Hannover) Robert Walsers Text Basta vor. Voraussetzungen für die Eröffnung von Lernmöglichkeiten bei Schüler/innen sieht sie in der lerngruppengemäßen Textauswahl und in der Offendeckung der Machart eines Textes, der Besonderheit seiner Sachstruktur, bei Walser z.B. die Struktur der Wiederholung, die Nähe zur gesprochenen Sprache, die Funktion der Ironisierungen sowie die Frage nach dem/den redenden Ich/s. Die durch das Verfahren des textnahen Lesens ermittelte Sachstruktur ist bei der Unterrichtsvorbereitung Grundlage für eine angemessene Methodenwahl.

In einer praktischen Übung wurden ausgehend von Basta methodische Überlegungen zur Vermittlung des Walser-Textes in den Kompetenzbereichen Lesen, Schreiben und Sprechen angestellt.

In einem letzten Arbeitsschritt wurde der Akzent auf die Textrezeption der Schüler/-innen gelegt. PD Dr. Zabka (FU Berlin) stellte Ergebnisse von empirischen Untersuchungen vor: Was machen Schüler/innen, wenn sie Texte rezipieren und interpretieren? Er zeigte auf, wie sich die Interpretation prozesshaft vollzieht und welche Sprechhandlungen daran beteiligt sind. Wie auch die anderen Referenten betonte er die Wichtigkeit von ästhetischer Qualität und Problernhaltigkeit literarischer Texte als Bedingung für einen gelingenden interpretierenden Umgang mit ihnen.

In der Abschlussdiskussion wurde positiv hervorgehoben, dass sich auf der Tagung wichtige Ansätze zum Dialog zwischen Schule und Hochschule ergeben haben und dass das Verhältnis von fachwissenschaftlichen und fachdidaktischen Anteilen ausgewogen gewesen sei. Die Wiederholung solcher Veranstaltungen mit einem eindeutigen fachlichen Akzent wurde ebenso gewünscht wie eine Einbeziehung von Fachvertretern der Schulaufsicht in die schulpraktischen Diskussionen.

Gisela Beste / Ulla Reichelt





Fortbildungsveranstaltungen LV Berlin / Brandenburg




01.06.2005Thomas Koch

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